Lesung

19.01.2018

Eine Frage des Anstands

Axel Hacke sprach in Vöhringen über das Thema Anstand.
Bild: Ursula K. Balken

Autor Axel Hacke spricht in Vöhringen über Rücksichtslosigkeit und den rüden Umgangston in sozialen Medien

Axel Hacke, Publizist und Kolumnenschreiber der Süddeutschen Zeitung, kommt mit einem legeren „Hallo“ auf die Bühne des Wolfgang-Eychmüller-Hauses. Vor ihm sitzen Schüler des Illertal-Gymnasiums. Der Saal ist voll, kein Platz bleibt leer. Unter dem Arm trägt Hacke einen Stapel Bücher. Darunter auch sein jüngstes Werk „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Zugegeben, der Titel klingt ein wenig sperrig. „Aber ich wollte schon immer mal ein Buch mit einem langen Titel schreiben“, sagt Hacke – doch die Lacher bleiben zunächst aus. Die Schüler warten darauf, dass Hacke aus dem Buch liest.

Doch wer den Schriftsteller kennt, weiß, dass er gerne querbeet aus seinen Werken liest. Und so kommt auch Louis zur Sprache. Sein damals zweijähriger Sprössling will nachts bügeln. Auch der alte Kühlschrank Bosch, mit dem der Autor zu nächtlicher Stunde Zwiegespräche zu führen pflegt, wird den jugendlichen Zuhörern nicht vorenthalten. An dieser Stelle wird der Altersunterschied im Publikum deutlich. Die, die Hacke kennen, lachen und schmunzeln. Der jugendlichen Zuhörerschar erschließt sich dagegen offenbar der tiefgründige Humor nicht so sehr. Man merkt’s am Pegel der Aufmerksamkeit.

Aber der ändert sich schlagartig. Es wird mucksmäuschenstill im Saal, als der Autor nach dem neuen Buch greift. Nein, er kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger und verweist auf das kleine Wort mit den fünf Buchstaben, das mit b beginnt und „bitte“ heißt – und wie schön es doch wäre, wenn man sich dessen öfter erinnerte. Hacke zielt auf das Alltagsleben, die Rücksichtslosigkeiten im Wirtschaftsleben und in der Politik. Gerade in den sozialen Netzwerken könne man sich offenbar austoben. Diese Medien, so Hacke, würden dazu beitragen, dass der rüde Umgangston salonfähig werde.

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Es sei möglich, dass das Wort „Anstand“ ältlich und spießig klinge. Aber es mache auch klar, was nicht richtig ist im Umgang mit anderen Menschen. Auch sich selbst in den Vordergrund zu rücken, sei eine Art der Rücksichtslosigkeit. Zivile Konventionen würden immer mehr schwinden. Menschen bei Unfällen mit dem Smartphone zu filmen – und da nimmt der Autor Bezug auf eine Begebenheit auf einer Autobahn, die sich vor nicht langer Zeit ereignet hat – sei schäbig.

Aber Axel Hacke hat auch ein anderes Beispiel parat, was Anstand bedeutet. Als Jan Ulrich im Jahr 2003 bei einem Radrennen der Tour de France zu dicht an den Zuschauern vorbeibraust und er durch seine fahrerische Korrektur seinen Konkurrenten Lance Armstrong zu Fall bringt, wartet Ulrich darauf, bis dieser sich wieder auf sein Rad schwingen kann. „Das ist Fairness, das ist Sinn für Gerechtigkeit.“ Hacke schließt mit einem Satz, der auch als Appell verstanden werden kann. „Dass man auch beim Üblichen nicht mitmacht, wenn es unanständig ist.“ (ub)

Axel Hacke wurde 1956 geboren und lebt in München. Bücher wie „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ oder „Der weiße Neger Wumbaba“ sind Bestseller. Hacke wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet.

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