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Landkreis/Lesbos
10.01.2017

Geschichten einer „verlorenen Generation“

In Moria ist Fotoverbot, die meisten Bilder zeigen nicht den realen Zustand.
4 Bilder
In Moria ist Fotoverbot, die meisten Bilder zeigen nicht den realen Zustand.
Foto: Orestis Panagiotou (dpa)

Sylvia Rohrhirsch aus Bellenberg hat drei Flüchtlingslager in Griechenland besucht. Sie wollte überprüfen, ob die im Landkreis Neu-Ulm gesammelten Spenden vor Ort angekommen sind.

Als der zwölfjährige Hamed aus dem Irak Sylvia Rohrhirsch in perfektem Deutsch fragte, ob er ihr denn helfe könne, war sie überrascht. Die Bellenbergerin half kürzlich bei der Essensausgabe in dem griechischem Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos in Griechenland – und die meisten der Gestrandeten sprachen entweder nur ihre Muttersprache oder Englisch. Hamed aus der irakischen Stadt Mossul aber hatte schon mit seinen Eltern und den vier Geschwistern acht Monate in Österreich und sechs Monate in Deutschland gelebt. Die kurze Zeit reichte dem Buben, die neue Sprache fließend zu lernen – dann wurde die Familie in den Irak zurückgeschickt. Ihre Zukunft: ungewiss.

Deshalb entschloss sich der Vater, ein zweites Mal zu fliehen – die Kinder sollten in Europa, in Sicherheit, aufwachsen. Aber die Mutter mussten sie in Mossul zurücklassen, sie war zu krank um den beschwerlichen Weg noch einmal zu schaffen. Nun sitzen sie seit Anfang des Jahres auf der griechischen Insel fest. Rohrhirsch hat mit der irakischen Familie gesprochen und sich ihre bewegende Geschichte angehört.

Die Bellenbergerin engagiert sich seit Jahren in der humanitären Hilfe und ist die Sprecherin des Bellenberger Integrationskreises. Im Herbst hatten sich die Helferkreise aus dem Landkreis zusammengeschlossen – gemeinsam sammelten sie unter dem Stichwort „Lesboshilfe“ Geld, um gegen das Leid in den Lagern auf der griechischen Insel zu kämpfen. Innerhalb von zwei bis drei Wochen kamen so 30000 Euro zusammen, die die „Lesboshilfe“ an die schweizerische Hilfsorganisation „Remar“ weitergegeben hat.

„Remar“ kümmert sich um die Essensverpflegung in drei Flüchtlingslagern – Moria, Kara Tepe und Malakasa. Gerade das Lager Moria auf Lesbos steht sinnbildlich für die Überforderung der griechischen Behörden. Statt den vorgesehen 3500 Menschen campieren dort 5000 Geflüchtete auf engstem Raum. „Die Verhältnisse sind katastrophal“, sagt Rohrhirsch, die zusammen mit Martina Magel vom Illertisser Helferkreis im Dezember fünf Tage in griechischen Flüchtlingslagern verbracht hat. Sie wollten sich selbst davon überzeugen, dass die Hilfe aus dem Landkreis vor Ort angekommen ist. Die beiden Frauen waren in jedem der drei Lager, haben mit angepackt und mit den Menschen gesprochen.

„Der Wind“, sagt Rohrhirsch, „der war das schlimm“. Gefühlt minus 20 Grad sei der kalt gewesen und trotz der eisigen Temperaturen seien täglich neue Boote mit Flüchtlingen angekommen. Hierzulande sei es kaum vorstellbar, wie groß die Verzweiflung der Menschen sein muss, dass sie die Überfahrt wagen.

Auch für Jad aus Damaskus war Flucht die einzige Option: Der 25-jährige Ingenieur spricht Englisch, Rohrhirsch hat ihn im Lager Moria getroffen. Er stammt aus einer ehemals sehr angesehenen syrischen Familie – der Vater arbeitete auch als Ingenieur, die Mutter war Rektorin einer Schule. Jad war der älteste von vier Söhnen – war. Seine drei Brüder wurden alle getötet. Zwei fielen auf dem Nachhauseweg von der Schule einer Autobombe zum Opfer, der dritte kam auch durch eine Bombe ums Leben. „An dem Tag, an dem seine beiden Brüder starben, hatte Jad sie am Morgen selbst in die Schule gefahren“, erzählt Rohrhirsch. Seit März ist der junge Mann jetzt in Griechenland. Der Hauptgrund für seine Flucht war letztendlich das Militär: Eines Tages seien Assads Soldaten vor der Tür gestanden und hätten ihn mitnehmen wollen, zum Kriegseinsatz in Aleppo. „Nur, weil er aus so einer angesehen Familie stammte, haben sie ihm eine Woche Zeit gegeben, um alles zu regeln“, gibt die Bellenbergerin Jads Geschichte wieder. Aber er hatte Verwandte in Aleppo – „Die kannst du doch nicht beschießen“, habe die Mutter gesagt und ihn gedrängt, zu fliehen. Die Eltern hätten alles verkauft, um einen Schlepper für ihren einzigen, noch lebenden Sohn zu bezahlen. Aber nun sitzt er in Moria fest.

Rohrhirsch hat den jungen Mann schon bei einem Besuch im August kennengelernt. Er arbeite zwölf Stunden am Tag für die Hilfsorganisation „Remar“ und helfe täglich beim Zubereiten der Mahlzeiten für 5000 Personen. Seit ihrem letzten Besuch habe er extrem abgenommen, erzählt sie. Er arbeite hart und Essen ist in den Lagern rationiert.

Rohrhirsch ist Profi, sie hat bei ihren zahlreichen Auslandseinsätzen in Krisengebieten schon einiges an Leid ertragen müssen und weiß, wie sie damit umgehen muss. Sie schildert sachlich, wie die Menschen im Lager „Moria“ auf dem blanken Boden schlafen oder nur zu den Mahlzeiten Trinkwasser erhalten. Trotzdem verrät ihr ungläubiges Kopfschütteln immer wieder, wie nahe ihr die ausweglosen Situationen mancher Flüchtlinge gehen.

Nach Kara Tepe und Moria sind Rohrhirsch und Magel auch in das Abschiebelager Malakasa bei Athen gefahren. Dort sitzen 1000 Afghanen fest und harren aus.

Für den 22-jährigen Mohammad biete sein Heimatland keine Zukunft: „Du gehst morgens in die Arbeit und weißt nicht, ob du abends wieder zuhause ankommst“, hat er Rohrhirsch erzählt. 16000 Euro habe die Flucht ihn und seine Familie gekostet, von ihrem Geld sei nichts mehr übrig. Zusammen mit seiner Schwester, deren Ehemann und den Kindern der beiden ist er vor einem Jahr geflohen. Der Ehemann starb auf der Flucht, jetzt trägt der Bruder die Verantwortung. In Afghanistan habe er eine Firma für Computer geführt, auch er spricht fließend Englisch. Um irgendwie die Zeit des Abwartens zu verkürzen, bringe er den Kindern im Lager Englisch bei, berichtet Rohrhirsch.

Offiziell erhalten die Kinder in den Lagern keine Bildung, es scheitere meist an Genehmigungen und Zulassungen. Für Rohrhirsch, die auch eine Schule in Kenia aufgebaut hat, ist das unfassbar. „Das ist eine verlorene Generation“, sagt sie und schüttelt wieder den Kopf.

Den Menschen in den Lagern können weder Rohrhirsch noch Magel dabei helfen, dass ihr Traum – ein sicheres Leben in Europa – erfüllt wird. Mit dem Geld, dass im gesamten Landkreis Neu-Ulm für sie gesammelt wurde, konnten die Hilfsorganisationen aus der Region aber zumindest sicherstellen, dass sie alle ein paar warme Mahlzeiten bekommen haben. "Kommentar

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