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Vöhringen

02.01.2019

Vöhringer schreibt ein kleines Büchlein gegen das Vergessen

Georg Bader und Enkelin Amelie freuen sich beide über das Büchlein, das der 93-Jährige kürzlich geschrieben hat. Für ihn war es ein Bedürfnis, seine Erinnerungen festzuhalten – als Mahnung für spätere Generationen.
Bild: Ursula Katharina Balken

Georg Bader (93) aus Vöhringen hat seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg niedergeschrieben. Es soll eine Mahnung sein.

Es sind nur 43 Seiten. Aber das schmale Bändchen enthält Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die das Leben von Georg Bader geprägt haben. Der 93-Jährige berichtet von Gewalt, Angst, Hunger und Not. Er schildert seine Erlebnisse ohne emotionale Ausbrüche, schreibt schlicht, wie es ihm ergangen ist, wie es damals war. Mit 18 Jahren musste er in die Wehrmacht einrücken, zog in den Krieg. Er überlebte die Schrecknisse, Gräuel und Gefahren, hat sie mental hinter sich gelassen. Aber vergessen kann er sie nicht, will es auch nicht. Was jetzt als kleines Büchlein vorliegt, will Georg Bader als Mahnung für heutige und künftige Generationen verstanden wissen. „Diktatur, in der man gesagt bekommt, was man zu tun und zu lassen hat, ist etwas Schreckliches.“

Georg Bader wollte seine Erlebnisse aufschreiben

Schon lange wollte Georg Bader seine Erlebnisse aufschreiben. Seine geschichtsbewusste Enkelin Amelie, die am Illertal-Gymnasium ihr Abitur abgelegt hat, ermunterte ihn und half ihm tatkräftig. Das mit der Hand geschriebene Manuskript – 40 DIN-A4-Seiten – tippte sie in den Computer. Dass es ein Büchlein wurde, verdankt Bader auch seinem Sohn Jürgen, der das Layout mit Fotos entwarf. Und Melanie, eine weitere Enkeltochter, sorgte dafür, dass alles zusammengefasst zu einem richtigen Büchlein gebunden wurde.

„Für mich gab es gleich mehrere Gründe, meine Erlebnisse festzuhalten“, sagt Bader. „Ich bin jetzt 93 Jahre alt, wer weiß, wie lange ich noch dazu in der Lage bin. Ein anderer Grund war Chris Williams, ein Amerikaner, der in Ulm lebt. Er fragte immer, wie war das damals nach 1933, wie war es im Krieg und was geschah, als die Amerikaner kamen? Ich versprach, das alles eines Tages aufzuschreiben.“ Nachdenklich fügt er an, „es mag sein, dass es heute niemanden mehr interessiert“. Aber Bader denkt, die Zeit zwischen 1933 und 1945 sei furchtbar gewesen. Vergessen dürfe man sie nicht, schon wegen der sinnlosen Opfer, die das Regime gefordert hatte. Ein Besuch auf dem Friedhof in Reutti zeige, wie viele junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten, gestorben sind. „Ich bin dankbar, dass ich überhaupt die Kriegsjahre überlebt habe.“

Niemand lehnte sich gegen einen sinnlosen Krieg auf

Er war in Italien eingesetzt und auch in Deutschland. Meist war er auf einem Motorrad als Melder unterwegs. Was ihn heute noch immer wieder bewegt, ist die Frage, „warum hat sich die Intelligenz der Akademiker, Offiziere und Generäle nicht früher gegen diesen sinnlosen Krieg aufgelehnt? Aber vielleicht war es auch die Sucht der Beförderung nach höheren Dienstgraden nach Orden und Ehrenzeichen wie Eisernes Kreuz oder Ritterkreuz, was offenbar blind gemacht hat.“

Überlebende: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs befreiten US-Truppen das KZ Mauthausen.
Bild:  Archiv (dpa)


In seinem Büchlein schildert Bader Situationen, in denen er wie durch ein Wunder sein Leben retten konnte. „Einmal waren es herannahende Tiefflieger, die uns Soldaten auf einer Brücke über den Rhein erspäht hatten.“ Die Gruppe rettete sich unter die Brücke. Das Kriegsende nahm ihm die Angst, „aber wir waren Gefangene der Amerikaner in einem Großlager“. Damit seien die Besatzer überfordert gewesen. „Die sanitären Gegebenheiten waren eine Katastrophe. Und wir hungerten“, sagt Bader. Nach einer gewissen Zeit wurden Gefangene nach Belgien in die Kohlengruben abgeschoben, unter ihnen war Georg Bader. Zwei Jahre arbeitete er dort unter Tage. „Aber wir brauchten nicht mehr zu hungern. Die belgischen Bergleute brachten uns Butterbrote mit.“ Wenn er damals auch angstfrei leben konnte, so blieb die Furcht, seine Heimat nie wiederzusehen. „Ich hatte doch ein solches Heimweh nach Vöhringen. Aber nach zwei Jahren kam die erlösende Nachricht, die Gefangenschaft war zu Ende, wir durften heim.“ Blickt er heute zurück, dann denkt er an die guten Beziehungen, ja Freundschaften zwischen den Belgiern und Deutschen, die entstanden sind.

Europa ist für den Vöhringer ein großes Thema

Deshalb ist Europa heute für Bader ein großes Thema. „Europa muss zusammenstehen, aus wirtschaftlichen und politischen Gründen.“ Aber er weiß auch, dass diese Einheit wegen der Verschiedenheit der Länder mit ihren unterschiedlichen Kulturen schwierig zu verwirklichen ist. In der Einigkeit sieht Bader die Chance, mehr bewegen zu können als ein einzelnes Land. Aber das sei ein steiniger Weg.

Seine Erinnerungen festzuhalten, sei ihm wichtig. „Heute werden alle satt, man kann ohne ständige Angst leben und man kann seine Meinung frei äußern.“ Das sind für Georg Bader Werte, die nicht selbstverständlich sind. Das möchte er der jungen Generation vermitteln. Denn viele junge Leute wissen über diese Zeit gar nichts. In den Schulen, so ergänzt Enkelin Amelie, werde dieser Teil deutscher Geschichte nicht mehr ausgeklammert. Das findet Georg Bader gut.

Kaufen kann man das Büchlein nicht. Aber wer Georg Bader bittet, wird gegen einen kleinen Obolus ein Exemplar bekommen.

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