Krumbach

02.05.2015

„Krumbach gut!“

Eine von vier ehrenamtlichen Lehrerinnen und Lehrern: Jutta Sprenger. Im Unterricht darf auch mal gelacht werden.
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Eine von vier ehrenamtlichen Lehrerinnen und Lehrern: Jutta Sprenger. Im Unterricht darf auch mal gelacht werden.
Bild: Marc Hettich

Asylbewerber-Deutschunterricht: Von Verständnis, Verstehen, einem internationalen Lachen und einem langen Fußmarsch durch den Sudan

Dieses Lachen ist international. Offene Blicke, aus denen eine ehrliche Neugier blitzt. Aber auch eine Spur scheue Vorsicht schwingt mit. Kurzes Händeschütteln, einen freien Platz einnehmen. Und weiter geht der Unterricht.

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Es ist ein bisschen wie in der Grundschule: Jutta Sprenger steht vor einer Tafel und erklärt gestenreich grundlegende Begriffe aus der deutschen Sprache. Heute sind die Bestandteile des menschlichen Körpers an der Reihe. Die Pädagogin hebt ihre Hand und wedelt mit den Fingern: „Finger“, spricht sie vor – und ihre Schüler wiederholen eifrig jedes neue Wort. Kurz ebbt Gekicher auf, als die Krumbacherin mit einer ausladenden Bewegung das Wort „Busen“ anschaulich erklärt.

So oder ähnlich läuft das gegenwärtig viermal wöchentlich ab. Auf eigene Initiative bieten Jutta Sprenger, Daniela Pauker, Markus Schmid und Christian Wagner ehrenamtlich Deutschkurse für Asylbewerber in Krumbach an. Zu diesem Zweck stellt das Pfarrheim St. Michael kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Team arrangiert die Kurse so, dass jeder Asylbewerber zweimal wöchentlich teilnehmen kann. Ob sich das so fortsetzen lässt, ist allerdings fraglich. In der Adolph-Kolping-Straße leben inzwischen 47 neue Asylbewerber – bald werden es 60 sein. Viele der Flüchtlinge lernen zunächst in einem Alphabetisierungskurs die Grundlagen.

„Krumbach gut!“

Die gelernte Kunsttherapeutin Jutta Sprenger verteilt Arbeitsblätter. Für die Materialien gibt es einen Zuschuss von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligen-Agenturen. Der 27-jährige Musie schaut die Darstellung des menschlichen Körpers sehr genau an und liest sich die Worte selbst laut vor, während Jutta Sprenger noch am Austeilen ist. Die Motivation der vier anwesenden Afrikaner ist sehr hoch. In seiner Heimat Eritrea war Musie Bäcker.

Auch sein Nebensitzer Habtom stammt aus Eritrea. Der 30-jährige wirkt etwas vorsichtiger. Noch reichen seine Deutschkenntnisse nicht, um zu schildern, was ihn zur Flucht veranlasst hat. Im Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen zur Presse- und Meinungsfreiheit 2014 rangiert Eritrea auf dem letzten Platz. Kein Wunder, dass er zunächst skeptisch auf den Fotoapparat reagiert. Auch er ist Bäcker. Seine Liebe gilt aber der Musik und dem Schauspiel. Seine Miene hellt sich auf, als er vom Ende Juni anstehenden Musikpicknick im Stadtpark erfährt.

Die meisten Kursteilnehmer stammen aus Afrika. Die Mehrzahl davon Männer – aus Nigeria, Somalia, Eritrea. Die Reise von Khadar, 31, begann in seiner Heimatstadt Mogadischu. Mit dem Bus fuhr der Automechaniker einen Monat lang nach Äthiopien. Zu Fuß durchquerte er den Sudan, um dann mit dem Auto nach Libyen zu gelangen. Auf einem Boot erreichte er Italien, um von dort aus schließlich mit dem Zug in Deutschland anzukommen. Insgesamt war er zehn Monate unterwegs. Auch die anderen drei Männer haben eine ähnliche Odyssee hinter sich, bevor sie dann elf Tage in München blieben. Von dort aus wurden sie nach Krumbach geschickt, wo sie nun bereits zwischen sechs und acht Monaten leben.

Sie träumen davon, irgendwann ihre Frauen und Kinder nachzuholen. Bis dahin heißt es: Ausharren. Der Alltag ist trist, denn die Asylbewerber dürfen nicht arbeiten. Zur Tatenlosigkeit verurteilt zu sein, ist zermürbend. Daher sind sie für jede Abwechslung dankbar. Fußball zum Beispiel. Oder eben Deutschunterricht.

Besonders viel Spaß scheint der Unterricht dem 31-jährigen Mohammed zu machen. Ein sympathischer Kerl, den man sofort auf ein Bierchen einladen möchte. Er hat in seiner Heimat Somalia in Mogadischu studiert. Mit dem Bachelor in der Tasche fand er im Sudan Arbeit. Er spricht recht gutes Englisch – der Deutsch-Unterricht fällt ihm damit entsprechend leichter. Und die Verständigung mit ihm klappt reibungsloser.

Mohammed und seine Freunde sind konkrete Beispiele für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland Asyl suchen. Sie sind viele Tausend Kilometer gereist, um hier in Frieden leben zu können. Die deutsche Sprache zu erlernen ist die wichtigste Basis dafür. Um das Angebot dem wachsenden Bedarf entsprechend aufrecht erhalten zu können, benötigt das vierköpfige Team dringend Verstärkung. Wer aufgeschlossen ist, keine Berührungsängste hat und bereit ist, einen Teil seiner Freizeit unentgeltlich zu investieren, ist herzlich willkommen. Eine besondere Qualifikation ist nicht erforderlich, Pädagogen haben es im Unterrichtsalltag aber sicher leichter. In jedem Fall lernen die freiwilligen Lehrer eine Menge interessanter Menschen mit bewegten Biografien kennen.

Wer sich berufen fühlt, meldet sich bei Jutta Sprenger unter 08282 / 6099709 oder via jutta.sprenger@web.de. Es gibt zwar kein Geld dafür, aber regelmäßig dankbar strahlende Gesichter. Und ein ehrliches internationales Lachen. „Krumbach gut“, verkünden die vier Kursteilnehmer einhellig.

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