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Thannhausen

18.03.2018

Vom Holzstück zum menschlichen Körper

Orientalischer Tanz ist eine Tanzform für alle Altersstufen. Für Christine Miller (rechts) ist es eine echte Leidenschaft.
Bild: Gertrud Adlassnig

Warum die Drechsel-Meisterin Christine Müller zum Orientalischen Tanz wechselte und was sie daran begeistert.

Wenn Christine Miller von ihrem Metier erzählt, gerät sie in kürzester Zeit ins Schwärmen. In ihrem Studio für Orientalischen Tanz hält es sie nicht auf dem Stuhl im Besprechungsraum. Immer wieder springt sie auf, zeigt Haltungen und Bewegungsabläufe, erklärt worauf es ankommt beim Tanzen, so wie sie es betreibt. Es ist eine Mischung aus Leidenschaft und Intellekt, die sie beflügelt, die sie dazu bewogen hat, ihren Erstberuf aufzugeben und sich ganz und gar dem orientalischen Tanz und seinen Spielarten hinzugeben.

Die gebürtige Thannhauserin hat ursprünglich eine Drechslerausbildung absolviert, hat einen Meistertitel erworben und in Schwandorf in der Oberpfalz als Betriebsleiterin gearbeitet. Als Drechslerin hat sie auf einem starren Holzzylinder Schwünge und Bögen herausgearbeitet, hat ihm ein neues, ungeahntes Leben eingehaucht, hat Bewegung in ein scheinbar unbewegliches Objekt gezaubert.

Als Tanzlehrerin hat sie, so scheint es, nur das Arbeitsmaterial gewechselt, hat das Holz gegen menschliche Körper getauscht, die steif und unbeweglich zu ihr kommen und in gefühlvoller und umsichtiger Behandlung zu geschmeidigen, Formen und Rundungen lebenden Bewegungen geführt werden. Der Weg dahin war steinig. Von der ersten Faszination, die der Tanz auf Christine Miller ausübte, bis zum eigenen Studio, vergingen rund 20 Jahre. Jahre, in denen sie sich kontinuierlich ausbilden ließ, sich Schritt für Schritt weiter qualifizierte. Zunächst, erinnert sich Christine Miller, hat sie Kurse bei der Volkshochschule belegt. Doch dieses Niveau reichte ihr schon bald nicht mehr aus. „Ich will immer alles genau wissen, will verstehen, warum etwas so oder so funktioniert, warum ein Bewegungsablauf genau so sein muss.“

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In der Estdoa-Ausbildung fand sie die fachlich qualifizierte Schule, die ihrem Anspruch gerecht werden konnte. Hier erlernte sie die Elementartechniken des Orientalischen Tanzes, nicht beliebig und lustbetont, sondern klar strukturiert, Unterricht eben mit Lehrplan und Prüfungen. Das ist für Christine Miller die notwendige Voraussetzung, um den Tanz überhaupt zu verstehen. „Es sind komplexe Bewegungsabläufe, die der Laie so nicht erkennen kann.

Die Estdoa-Methode schlüsselt die Tanzbewegungen auf in ihre einzelnen Elementarbewegungen. Jede davon wird einzeln geübt und trainiert, im Stehen, im Gehen. Das führt zu einem neuen Körperbewusstsein. Man lernt seine Körper völlig neu kennen und kann schließlich die differenzierten Bewegungsabläufe erspüren.“ Und das war für sie die Voraussetzung, um selbst zu unterrichten, denn „nur wenn man’s verstanden hat, kann man’s auch unterrichten.“

Bis sie davon überzeugt war, den Orientalischen Tanz wirklich in seiner ganzen Dimension verstanden zu haben, hat Christine Miller noch zahlreiche weitere Aus- und Fortbildungen absolviert. Ja, sie ging auch in die Schule für klassisches Ballett bei Frau Damerau in Krumbach, um weitere Bewegungsabläufe kennenzulernen. „Das war wirklich hart. Ich musste ja als gestandene Frau mit den Kindern lernen. Aber, wenn man etwas will, dann muss man auch das durchziehen.“

Selbst nachdem sie 2005 ihr Studio in Thannhausen eröffnet hatte, lernte sie weiter und ließ sich in Nürnberg im Bereich „Jazz- Oriental- und Modern Dance“ für die Bühne ausbilden. Hartnäckigkeit, Zähigkeit, Ausdauer, das sind herausragende Eigenschaften, die Christine Miller vorangetrieben haben. Denn man braucht einen langen Atem, um den Orientalischen Tanz zu beherrschen. „Man braucht mindestens drei Jahre, um ein gewisses Niveau zu erreichen. Ich selbst habe mich nach fünf Jahren erstmals getraut, im privaten Rahmen aufzutreten.“

Orientalischer Tanz ist ihre Leidenschaft. Und Christine Miller nimmt das ganz und gar wörtlich. „Im Begriff Leidenschaft steckt ja auch das Wort Leiden. Während meiner viele Jahre dauernden Ausbildung habe ich oft gedacht, ‘das schaffst du nie, das kannst du nicht’. Aber ich habe nie aufgegeben. Immer wieder bin ich an meine Grenzen gestoßen und ich habe es geschafft, sie immer wieder ein kleines bisschen zu überschreiten und so meine persönlichen Fähigkeiten auszubauen. Das ist wichtig, um voranzukommen. Es stärkt den Rücken, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Ich muss aber auch zugeben, dass mein Mann daran großen Anteil hatte, denn er hat mich immer unterstützt und bestärkt.“

Die differenzierte Ausbildung und ihr beständiges Streben nach immer höherer Qualität hat Christine Miller befähigt, die ganze Vielfalt des Orientalischen Tanzes zu erkennen und zu praktizieren. „Für diese Art des Körperausdrucks gibt es ein breites Spektrum an Musikstilen, von traditionell bis modern, man kann alle Arten von Musik nutzen und man kann viele unterschiedliche Elemente miteinander kombinieren.“ Das schöne am Orientalischen Tanz ist für Christine Miller, dass er völlig altersunabhängig ausgeübt werden kann. Es ist ein Sport, der für junge wie für reife Menschen geeignet ist und sogar noch im hohen Alter getanzt werden kann.

Dabei können auch die „alten Hasen“ immer Neues lernen und entdecken, wobei sich immer alles um Anspannung und Entspannung dreht, darum die Mitte zu finden, seinen Körper, seinen einzelnen Partien bewusst zu erleben. Es ist ein Für-sich-sein, eine Konzentration auf sich selbst und bekommt so gar meditative Züge. „Das Tanztraining hört nicht an der Studiotür auf. Seine Wirkung nimmt man mit in das alltägliche Leben. Es schenkt Entspannung, Haltung, Lebensfreude.“ Um die Freude an der speziellen Bewegung zu unterstützen, sind die Gruppen im Studio nach ihrer Leistungsfähigkeit zusammengestellt, sodass man langsam hineinwachsen kann in diesen Tanz mit seinen differenzierten Bewegungsabläufen.

Um ihre besonderen Wirkungen zu erleben, kommen Tanzfreudige aus einem weiten Umkreis nach Thannhausen. Denn es gibt nur wenige qualifizierte Studios. Auch wenn der große Bauchtanz-Hype etwas abgeklungen ist, übt der Orientalische Tanz noch immer eine große Faszination aus. Wer einmal Blut geleckt und die mühevollen Anfänge gemeistert hat, der bestätigt Christine Miller: Orientalischer Tanz ist ein Sport mit Suchtpotenzial.

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