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18.01.2019

Bauhaus: Klar sei der Alltag, schlicht und elegant

Blick auf die freischwingende Treppe im Hauptgebäude des historischen Bauhauses von Weimar, das bereits zwischen 1904 und 1911 erbaut wurde.
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Blick auf die freischwingende Treppe im Hauptgebäude des historischen Bauhauses von Weimar, das bereits zwischen 1904 und 1911 erbaut wurde.
Bild: dpa

Keine deutsche Kunstschule war so einflussreich wie das vor 100 Jahren gegründete Bauhaus. Hier wurden Dinge gestaltet, die uns noch heute umgeben.

Künstlergemeinschaften, die die Kunst und das Handwerk neu verbünden wollten, um reformhaft eine „ehrliche“, moderne und spektakellose Ästhetik zu entwickeln, gab es im Deutschland des 20. Jahrhunderts mehrere. Angefangen von der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe über den Deutschen Werkbund bis hin zur Ulmer Hochschule für Gestaltung. Aber nicht jede davon bildete Nachwuchs aus – und keine davon wurde in den durchweg begrenzten Existenzzeiträumen so einflussreich bis in die Gegenwart wie die Kunstschule Bauhaus zwischen 1919 und 1933 – und schon gar nicht international, wie es dem Bauhaus gelang.

Auch 100 Jahre nach seiner Gründung 1919 in Weimar beeindrucken seine künstlerisch ganzheitlichen Überzeugungen, seine Entwürfe, seine schlichten, linienklaren, proportionierten, ja eleganten Produkte für den Alltag. Sie werden – siehe Tapeten, Lampen, Stühle – bis heute (nach-)gebaut, auf dass sie Geschmack und Stilsicherheit im Wohnraum belegen, gelegentlich demonstrativ, gelegentlich auf entspannt-natürliche Weise. Auf der einen Seite.

Andererseits bot das Bauhaus aber auch ästhetische Angriffsfläche, speziell in der Architektur. Zu funktional, zu sachlich, zu kühl, zu karg, zu streng seien die vielfach bevorzugten unverschnörkelt-geometrischen Formen. Gewiss nicht jeder weiße, glatte Kubus, der heute als Wohnhaus oder Unternehmensgebäude hingestellt oder hochgezogen wird, ist Bauhaus – und nicht jeder Sitzwürfel und Freischwinger-Stuhl. Aber unter dessen anhaltendem Einfluss stehen sie schon.

Zurück zum Handwerk, lautete die Losung

Die Zielsetzung der avantgardistischen Arbeits- und Ausbildungsstätte hatte sich während ihrer nur 14-jährigen Lebensdauer in Weimar (1919 – 1925), Dessau (1925 – 1932) und Berlin (bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1933) ja auch gewandelt. Als der Architekt Walter Gropius das Bauhaus am 12. April 1919 eröffnete, da war im Manifest des Instituts festgehalten: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! ... Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“ Deshalb hatte das Bauhaus auch keine Professoren, Dozenten und Studierende, sondern Meister, Gesellen und Lehrlinge, die nicht nach industrieller Produktion schielten. Konzentriert wurde sich auf das formvollendet entworfene und sorgfältig handgearbeitete Einzelstück. Frage im Jahr 2019, also hundert Jahre später: Wer würde sich nicht gelegentlich beim Betrachten von zeitgenössischer Kunstproduktion etwas mehr eingeübtes Handwerk wünschen?

Doch schon ab 1923, nicht zuletzt unter Kostendruck, vollends aber 1928 unter dem zweiten Bauhaus-Direktor, vollzog sich am Bauhaus ein Richtungswechsel. Nun lautete die Devise: „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. Nun wurde die Kooperation mit der Industrie gesucht und bei der Gestaltung ein Augenmerk auf mögliche Massenproduktion geworfen. Gropius selbst hatte sich, innerhalb seines Fachs, schon seit geraumer Zeit mit standardisiertem Blockwohnungsbau beschäftigt.

In gewisser Weise überholte die soziale Wirklichkeit international den menschenfreundlichen Ansatz, Funktion, Produktion und schlicht-schöne Ästethik zur Deckung zu bringen. Am falsch verstandenen Ende führte die (staatenübergreifende) Modulbauweise zum Beton-Brutalismus in West und zum Plattenbau in Ost. Auf der anderen Seite sind soundsoviele originale beziehungsweise sinngerechte Bauhaus-Stätten nach und nach Unesco-Weltkulturerbe geworden, in Weimar selbst und in Dessau (Meisterhaussiedlung bzw. Laubenganghäuser, 1996), Tel Aviv (Weiße Stadt mit über 4000 Häusern im Bauhaus-Stil, 2003) und Berlin (Siedlungen der Berliner Moderne, 2008).

Lauter große Namen unter den Lehrern

Welch konzentrierte künstlerische und lehrende Potenz am Bauhaus vorlag, das zeigen einige Namen der von Gropius gerufenen Meister: Josef Albers unterrichtete Glasmalerei, Lyonel Feininger Druckgrafik; Gropius selbst war zuständig für Architektur und Tischlerei, Paul Klee für das Buchbinden. Wassily Kandinsky lehrte Wandmalerei, Gerhard Marcks Keramik, Ludwig Mies van der Rohe Architektur, László Moholy-Nagy Metallbau, Oskar Schlemmer Bühnenausstattung und Wandmalerei.

Bis auf Josef Albers und Mies van der Rohe waren alle Genannten verfemte Künstler unter den Nationalsozialisten, die das Berliner Bauhaus 1933 in einer Nacht- und Nebelaktion schlossen. Obwohl ihnen manche Ideen der Bauhaus-Philosophie zupasskamen (Funktionalität, Volksnähe), obwohl es unter ihnen auch Stimmen für das Bauhaus gab: Letztlich wurde der Gemeinschaft der Meister, Gesellen und Lehrlinge Knüppel zwischen die Beine geworfen und sie kurzerhand ausgesperrt, wegen linker und „entarteter“ Umtriebe. Lehrer und Schüler zerstreuten sich in alle Welt – und verbreiteten dort die Ideen der schlichten, eleganten Ästhetik.

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