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Debatte
21.06.2019

So verspielen wir unsere Zukunft

Szene aus Roland Emmerichs 15 Jahre altem Film „The Day After Tomorrow“ über eine kommende Klimakatastropohe
Foto: Foto: Centropolis, Imago

Bei der UN-Klimakonferenz gibt es wieder keinen Durchbruch. Wie dieses Scheitern vor 30 Jahren begonnen hat und nun zum Demokratie-Problem wird.

Das Drehbuch unseres Scheiterns ist bereits geschrieben. Aber es sind nicht die konkreten, in die Zukunft verlegten Weltuntergangsszenarien, die in Hollywoodfilmen immer wieder effektvoll in Szene gesetzt werden. Die Blaupause für das sich immer wieder und mit jeder Klimakonferenz wiederholende Muster des Scheiterns: eine Reportage über bereits 30 Jahre zurückliegende Ereignisse. Damals ereignete sich das, was Nathaniel Rich als „Menschheitsversagen“ bezeichnet – und dessen Fortsetzung wir erleben.

Rich ist Reporter des New York Times Magazine, er hat zwei Jahre recherchiert, sein Buch heißt „Losing Earth“, erzählt also vom Verlust der Erde als Lebensraum. 1989, schreibt er, hätte die Klimakatastrophe, auf die wir zusteuern, noch verhindert werden können. Heute könnten wir eigentlich nur darüber nachdenken, wie sie nicht noch verheerender ausfällt. Statt damals zu bremsen, haben wir seit 1989, so weist Rich nach, mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre freigesetzt als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor.

Gerade die fossilen Brennstoffe sind es, die den Wohlstand ermöglicht haben

Bevor es nun aber zurück zu jenem Fanal von vor 30 Jahren geht – ein Blick auf dessen Folgen im Heute und im Morgen: Es ist geradezu, als würde sich in der Klimaproblematik die Moderne gegen sich selbst wenden. Denn, so schreibt der US-Politologe Timothy Mitchell in „Kohlenstoffdemokratie“: Gerade die fossilen Brennstoffe sind es, die das wirtschaftliche Wachstum, den Wohlstand für alle und damit die moderne Massendemokratie ermöglicht haben.

In den Folgeerscheinungen aber bringt das dabei freigesetzte CO2 die Demokratie in Bedrängnis. Im Interview mit unserer Zeitung erklärte Klaus Töpfer kürzlich, wie problematisch es sei, dass das Handeln gegen den Klimawandel alternativlos sei – die Demokratie aber gerade davon lebe, zwischen Alternativen wählen zu können. Nach dem einst als Bundesminister und als UN-Sonderbeauftragter für Umwelt Zuständigen könne das nur noch durch ein glückliches Zusammenwirken der Expertise von Wissenschaftlern und der Vermittlung durch Politiker funktionieren. Australische Forscher schreiben dagegen laut FAZ in „Die Herausforderungen des Klimawandels und das Scheitern demokratischer Politik“: Die Stimmungsabhängigkeit sowie der kurze Rhythmus von Wahlen mache eine langfristig vorausschauende Politik unmöglich. „Wir benötigen eine autoritäre Regierungsform, um den Konsens der Wissenschaft zu Treibhausgasemissionen zu implementieren.“ Klimadiktatur aus Vernunft?

1989 schien es noch, dass die Demokratie ein rechtzeitiges Umsteuern ermöglichen könnte. George Bush, der Senior, war damals als Konservativer mit dem Image des Umweltschützers in den Wahlkampf gezogen und hatte gewonnen. Und doch lag es an ihm, dass zu jener Zeit, als die Erkenntnis über Treibhausgase selbst Ölfirmen dazu brachten, von sich aus nach Alternativen zu suchen, der Klimagipfel in den Niederlanden scheiterte. „Fast alles, was wir über die Erderwärmung wissen, war bereits 1979 bekannt“ – ja sogar „besser bekannt“, weil nicht in Zweifel gezogen. Zehn Jahre danach dann, so Rich: „Die Großmächte waren nur noch wenige Unterschriften von einem bindenden Rahmenvertrag entfernt, mit dem die CO2-Emissionen verringert werden sollten – so nah waren wir seitdem nie mehr.“

Den Menschen fällt nur ein,Betonwälle zu errichten

Und werden es zumindest wohl sobald auch nicht mehr sein. Aber bereits heute ist eben vieles gar nicht mehr aufzuhalten, so Rich, der in New Orleans lebt und sieht, dass der Meeresspiegel bereits steigt, die Sümpfe um die Stadt gekippt sind und dem Menschen nur einfällt, Betonwälle gegen die künftigen Fluten zu bauen. Wer es noch düsterer haben will, der kann auch zur Studie der in Brasilien lebenden Eduardo Viveiros de Castro und Deborah Danowski greifen – er Anthropologe, sie Philosophin. „In welcher Welt leben?“, fragen die beiden.

Klar sei: Der einst optimistisch offene, aufstrebende Zukunftsblick der Menschheit sei dahin. Weil diese über ihrer eigenen Entwicklung die Erde vergessen und geplündert habe, dränge sich die Natur nun mächtig zurück ins Bewusstsein. Und mit immer größerer Wahrscheinlichkeit bedeute das: das Ende der Moderne, das Ende des modernen Menschen. Aber kein Ende der Menschheit. Die Chance für das Überleben in der Zukunft seien indigene Kollektive, die in ihrem Leben immer bei der Erde geblieben, sie nie verloren hätten …

„Irgendwann werden die Jungen genug Macht aufbauen, um zu handeln“

Was aber passierte nun in jener Nacht des Scheiterns 1989? Bush ließ sich vom einzigen Berater überzeugen, Stabschef John Sununu: 1. Die Klimaprobleme seien nicht so dramatisch. 2. Eine wirtschaftliche Krise, die im Falle eines Klimaabkommens drohe, wäre schwerwiegender … Bush unterschrieb in jener Nacht nicht, die anderen waren fassungslos. Das ist das Drehbuch, das sind die Motive des Scheiterns. Auch 2019. Und in Fortsetzung. Rich sieht nur den Ausweg: „Irgendwann werden die Jungen genug Macht aufbauen, um zu handeln.“

Die Bücher

– Nathaniel Rich: Losing Earth. Übs. Willi Winkler, Rowohlt, 240 S., 22 ¤

– Eduardo Viveiros de Castro, Deborah Danowski: In welcher Welt leben? Übs. Ulrich und Clemens van Loyen, Matthes & Seitz, 192 S., 25 ¤

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