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Literatur

16.06.2017

Ein unglaubliches Liebesdrama. Und wahr!

Prominenter Regisseur und ein Schriftsteller, der immer auch sein eigenes Leben zum Thema macht – aber noch nie so wie jetzt: Emmanuel Carrère.
Bild: Joel Saget, afp

Gleich doppelt unfassbar: Ein Schriftsteller macht seine Beziehung zum öffentlichen Sex-Experiment – nun legt er auch noch das schmerzliche Scheitern offen. Warum?

Man muss sich das mal vorstellen! Da kommt dieser Mann auf die Idee, der Frau, mit der er zusammen ist, die aber doch fortwährend an der Beständigkeit seiner Gefühle zweifelt, ein öffentliches Liebesgeständnis zu machen. Und was tut er? Weil er als Regisseur, der auch schon in der Jury von Cannes saß, mal wieder zwei Monate für eine Recherche außer Landes ist, denkt er sich einen Plan für das Wiedersehen aus: Er schreibt einen Text für die Beilage in Le Monde, der genau an diesem Tag veröffentlicht wird und über den er seine Partnerin nur insofern informiert, dass sie die Zeitung unbedingt gleich kaufen und lesen soll, während sie mit dem bereits gebuchten Zug zu ihm fährt. Und dieser Text ist dann vor 600000 Lesern eine Anleitung, wie sie, diese Frau, in diesem Zug, sich in Gedanken an seine Berührungen selbst befriedigen soll. Ist der noch ganz dicht?

Wenn gemeint ist, ob Emmanuel Carrères Grenzen zwischen Wirklichkeit und Literatur dicht sind: nein. Gerade das ist sein Programm. Das war zuletzt auch in einem Buch über die Fragen des Glaubens so, „Das Reich Gottes“, in dem der heute 59-Jährige persönlich sucht und nachdenkt. Offenbarungen dieser Art haben schon seiner Mutter Verdruss bereitet, die als Vorsitzende der großen Gelehrtengesellschaft „Académie française“ ohnehin in der Öffentlichkeit steht und eigentlich glücklich ist, dass ihr Sohn Schriftsteller ist – aber so einer?

Und um eine für sie prekäre Geschichte geht es in diesem neuen Buch Carrères zunächst auch wieder. In „Ein russischer Roman“ reist der Regisseur für eine Reportage nach Russland, um die abenteuerliche Geschichte des letzten, lange vergessenen Rückkehrers aus der Kriegsgefangenschaft zu erzählen – landet dabei aber tief in der unbewältigten Geschichte seiner eigenen Familie, des Vaters seiner Mutter und dessen Stellung zu den Nazis. Die Erlebnisse in Russland sind berührend, das Graben in der Vergangenheit gegen auch eigene innere Widerstände aufschlussreich …

Aber dann platzt mitten da hinein dieses Liebesdrama. Ein solches entwickelt sich aus dem Text in der Le Monde, noch dazu ein spektakuläres. Denn es läuft eben gerade nicht so, wie es sich der Schriftsteller vorstellt, als er davon schwärmt, wie bei jener Zugfahrt für seine Partnerin und auch anderen lesenden Passagiere das echte Geschehen direkt mit dem Geschriebenen verschränkt werde. Und wieder schreibt Carrère alles darüber auf. Ähnlich wie der Karl Ove Knausgård, dessen sechsbändige Ich-Roman-Serie ihn zum internationalen Literaturstar gemacht hat. Aber Carrère schreibt literarischer, zieht erzählerisch in den Bann – und macht den Leser gerade darum immer wieder auf mehreren Ebenen fassungslos: was da passiert, dass es wirklich passiert ist, und dass der Autor das so öffentlich macht.

Also eigentlich ein unfassbares Buch. Das dann auch nur „Roman“ im Titel trägt, aber zurecht nicht als Bezeichnung. Im Gegensatz zu Knausgård, der tatsächlich ja viel weniger romanhaft schreibt – aber man muss das alles nicht verstehen, ist einerseits hohe Literaturtheorie, andererseits schlicht ein aktuelles Erfolgsrezept. Carrère jedenfalls, ohnehin schon oft für Filme und Bücher ausgezeichnet, steht damit bereits wieder auf Bestenlisten. Allerdings zurecht. Denn zumindest aus der gesicherten Distanz des Nicht-Beteiligten ist es ein starkes Buch. Und in dieser Ferne lässt sich auch gut darüber nachdenken, was es damit auch über uns alle erzählt. Gut also, dass Emmanuel Carrère nicht ganz dicht ist. Wolfgang Schütz

Emmanuel Carrère: Ein russischer Roman. Aus dem Französischen von Claudia Hamm, Matthes & Seitz, 282 S., 22. ¤

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