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Survival-Training

13.08.2019

24 Stunden in der skandinavischen Wildnis – ein Selbstversuch

Skandinavisches Survival-Training: Verena Mörzl hat selbst getestet, unter professioneller Anleitung, wie man in Schwedens Wildnis überlebt. 
Bild: Verena Mörzl

Im schwedischen Småland lernen Laien in der rauen Natur zu überleben. Mit Messer und Feuer und dem Respekt vor dem Draußensein.

Die wichtigste Lektion heißt frei übersetzt: Wer sich vorbereitet, überlebt, „praeparatus supervivet“. Ist es so einfach, wie es mit schwarzer Tinte auf dem gebräunten Oberarm von Survival-Trainer Torbjörn Selin steht?

Der Schwede liebt die Natur und hat sich entschlossen, sein in der schwedischen Armee gesammeltes Wissen über das Überleben in der Wildnis zu teilen. Also schenkt eine Gruppe junger Journalisten seinem Wissen Vertrauen, und seinem Mantra: Am besten überlebt man, wenn man schon gar nicht in Schwierigkeiten kommt. 24 Stunden trainieren wir, was man eben in so einem Notfall draußen in der Wildnis können sollte, in den man besser gar nicht erst kommt.

Ohne Gemüse, das im gespielten Szenario mit den verpackten Linsen ans Ufer gespült worden ist, hätten wir auf Klee zurückgreifen müssen.
Bild: Verena Mörzl

Survival: Lagerfeuer, lange Hose, Pulli, Regenjacke und Mütze

Wir sind in Småland angekommen. An einem Seeufer in Schwedens Süden hängt ein Kessel mit kochendem Wasser über dem Lagerfeuer. Torbjörn Selin erwartet uns mit seinem Survival-Kollegen Martin. 24 Stunden, ab jetzt. Während der Tee mit Kiefernzweigen zieht, macht sich der Nieselregen auf unseren Regenjacken breit. Wir rücken näher ans Feuer, um nicht zu frieren und um Selins Stimme zu folgen. Die Kiefern und Birken auf der gegenüberliegenden Seite des Ufers sind nur schwach zu erkennen. Nur die Wassertemperatur verrät, dass es eigentlich Sommer ist. Lange Hose, Shirt, Pulli, Regenjacke und bald auch die Mütze. Die schlimmste Befürchtung, unzähligen Moskitos ausgesetzt zu sein, regnet es immerhin weg. In meinem Kopf befreiende Gedanken, draußen sein, Natur spüren, ist das nicht wie Lager bauen, früher? Dann wird es doch ernst.

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Das Szenario: Nach einem Flugzeugabsturz stranden wir auf einer Insel. Wir müssen uns bemerkbar machen, Feuerholz suchen, einen Unterschlupf bauen, Essbares auftreiben und etwas zu trinken. Der Wald riecht modrig, der Rauch nach Freiheit. Wir nehmen das Abenteuer langsam an. In unseren Köpfen dauert es eine Weile, bis in Vergessenheit gerät, dass gut eine halbe Stunde weiter südlich die schwedische Stadt Växjö liegt und die Wildnis um uns größenmäßig auf einige tausend Fußballfelder begrenzt ist. Dass nur einen kleinen Fußmarsch entfernt eine große Straße entlangführt, die bei günstigem Wind zu hören ist.

Mit dem Messer durchs Dickicht auf der Suche nach Feuerholz

Wir streichen mit einem Messer ausgestattet durch das Dickicht und suchen Feuerholz. Nicht zu vergammelt sollte es sein und nicht zu frisch. Der Survival-Schwede schabt ein Stück der nassen Rinde eines entwurzelten Stammes ab und berührt mit seinen Lippen das Holz. Gutes Feuerholz erkenne man daran, dass es durch den Atem schnell warm werde. Oder aber man klopfe mit dem Messerrücken auf den Stamm. Klingt er hohl, aber hart, ist das Holz gut zu gebrauchen, so Selin.

Im Wald fängt der Himmel aus Blättern die Regentropfen auf. Trotzdem wird die Vorstellung auf die Nacht am Feuer mit dem zunehmenden Regen nicht unbedingt angenehmer. In mir macht sich ein ungutes Gefühl breit, keine Sekunde Schlaf zu bekommen. Jedes Geräusch wird mich wach halten, denke ich. Die Kälte, die Nässe, die Gedanken, sie auch.

Früher Morgen in einem Wald in der schwedischen Region Klavreström (Småland). Das Lager wird abgebaut, das Feuer mit Seewasser gelöscht.

Zu wissen, wie man ein lang brennendes Feuer entfacht, ist das eine. Etwas aufzutreiben, das man darüber kocht, das andere. Torbjörn Selin zupft Klee ab, legt die Blätter in seine Hände und lässt uns probieren. Kräuterlektion. Schmeckt leicht nussig, sauer, ganz okay im Notfall. Es wäre eine harte Prüfung da draußen, wenn man nicht jagen oder fischen gehen kann. Satt machen auch die Walderdbeeren nicht, die uns der Schwede zeigt, aber das ist nicht der Punkt. Mit Wasser und einigen nährstoffreichen Pflanzen könnten Verunglückte theoretisch mehrere Wochen überleben, meint er. Der Kopf hingegen fange viel früher an, Probleme zu bereiten.

An etwas zu glauben, für etwas zu kämpfen, mentale Stärke, das sei wesentlich. Im 24-Stunden-Training bleibt uns diese Grenzerfahrung erspart. In der Drei-Tages-Variante nicht. Da werden nämlich kein Gemüse und keine Linsen in einer geheimnisvollen Box an Land gespült, aus denen ein doch gehaltvolles Abendessen über dem Feuer zubereitet werden kann. Da gibt es zwei Tage lang nichts. Wir schnuppern nur, vielleicht ist auch deshalb die Stimmung gut. Alle sind gespannt, was noch auf uns zukommt. Bald wird es dunkel, unseren Schlafplatz gibt es noch nicht.

Für den Gemüse-Linsen-Eintopf wurden Löffel (hinten rechts) selbst geschnitzt.
Bild: Verena Mörzl

Frisches Holz dient als Baumaterial für den Unterschlupf

Nach Lektionen im Umgang mit dem Messer (wie wird aus einer kleinen Klinge ein effektives Beil?) sammeln wir frischeres Holz für den Unterschlupf. Wir finden nicht zufällig zwei Plastikplanen, die wir mit etwas Abstand parallel über dem Feuer wie ein Zelt spannen, so dass der Rauch nach oben abziehen kann.

Sam kommt mit Feuerholz auf die kleine Anhöhe im Wald und legt es in unseren „general wood place“, ein vom Regen geschützter Bereich unter einem Baum. Einige lachen, während sie Holz zum Feuer entfachen. Ich rühre mit dem geschnitzten Löffel im Topf, bis das Essen fertig ist, und wir resümieren den Tag, teilen die Nachtschicht ein und legen uns schlafen (im Schlafsack und auf der Isomatte – das ist ja doch wie ein bisschen Urlaub).

Was für ein Vertrauen diese Gruppe in weniger als 24 Stunden aufbaut. Einer hält Wache, während die anderen schlafen. Ich schiebe Holzscheite nach und streife Funken von den Schlafsäcken, die anderen verlassen sich auf mich. Es ist warm am Feuer, vielleicht wäre der Schlafsack gar nicht nötig. Sieben Stunden später wecken mich die Stimmen am Feuer und die Sonne. Was für eine Nacht. Gegen meine Erwartungen hatte ich einen erholsamen Schlaf. In einer Ernstlage sicher unmöglich.

Feuer machen, wenn es regnet, funktioniert, aber nur mit trockenem Holz. Survival-Trainer Torbjörn Selin entzündet die getrocknete Baumrinde mit Feuerstahl.
Bild: Verena Mörzl

Der Survival-Experte löscht mit Seewasser das Lagerfeuer

Das mit dem vorbereitet sein führt Torbjörn Selin nach dem Abbauen des Lagers und nachdem Martin unter großem Zischen und viel Rauch einen Kübel Seewasser über das Feuer geschüttet hat, noch einmal aus. Mitten in der Stadt beim Laufen sei es passiert, dieses einschneidende Erlebnis. Er wählte den Notruf, erinnert sich noch, „Hello, heart“, gerufen zu haben. Eine Frau, die ihn nur wenige Minuten später findet, lotst den Rettungsdienst zur Unglücksstelle. „Ich hätte sagen sollen, wo ich lag, nicht hallo“, meint der Schwede heute. Das Tattoo erinnert ihn daran, in sämtlichen Lebenssituationen gut vorbereitet zu sein. Bei einem Herzstillstand sei das schwierig, dafür habe er jetzt ein Gerät in seiner Brust. Aber für Abenteuer draußen? Keine Frage. Die für ihn wichtigsten Utensilien in einem Wanderrucksack: GPS-Gerät, Kompass, Feuerstahl, Erste-Hilfe-Paket, Messer, Pfeife, Wasser und auch einen Wasserfilter, ein warmer Fleece-Pullover und eine Rettungsdecke, das Bild eines Menschen, den man liebt …

„Ich bin ein Überleber“, sagt der 45-Jährige nach seiner Geschichte, diesmal nicht auf Englisch sondern auf Deutsch. Zweifellos kaufen wir ihm das ab. Und wir? Die Mission 24-Stunden Survival-Training ist zwar beendet. Aber wären wir auch wirklich bereit?

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