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Hygiene

26.01.2019

Bakterien & Co: Weniger putzen, gesünder leben?

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Mehr als zweihunderttausend Mikroorganismen leben auf unserem Körper und in menschlichen Behausungen.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Nicht nur vor der Tür, auch in unseren Häusern schrumpfen wir die Artenvielfalt: Warum Hygiene aber ausgerechnet fiesen Keimen helfen könnte.

Die Warnungen von Naturschützern und Wissenschaftlern klingen dramatisch: Angeblich verursachen wir Menschen gerade das größte Artensterben seit dem Aussterben der Dinosaurier. Weil wir noch in die letzten einigermaßen unberührten Gegenden eindringen, Wälder abholzen, Tiere ausrotten, unseren Müll in der Natur entsorgen und durch großflächigen Einsatz von Gift und Kunstdünger vielen Pflanzen und Tieren die Lebensgrundlage entziehen. Ob die Dimension stimmt, ist umstritten. Sicher ist, dass die Artenvielfalt rapide abnimmt. Doch offenbar verursachen wir auch in unserer nächsten Umgebung ein Massensterben – ohne es bisher bemerkt zu haben.

Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) rücken in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution den Fokus auf ein Ökosystem, das im Verborgenen existiert, auf unseren Körpern und in unseren Häusern und Wohnungen. Mehr als zweihunderttausend Mikroorganismen sind dort bislang bekannt. Allein auf unserer Haut leben tausende Bakterienarten, in unseren Wohnumgebungen gut 40000 Arten von Pilzen. Und mit dieser enormen Vielfalt von Leben liefern wir uns einen täglichen Kampf.

Indem wir putzen, desinfizieren oder gar Antibiotika verwenden, greifen wir massiv ein in die Zusammensetzung dieses speziellen Ökosystems – ohne zu wissen, was wir dabei langfristig anrichten. Nun interessieren sich Wissenschaftler für diese Interaktion. Ihre Forschungsfrage ist: Könnte es sein, dass wir mit unserem Streben nach einer sauberen Umgebung das Gegenteil dessen erreichen, was wir wollen?

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Aus der Umweltforschung weiß man, dass Ökosysteme wie Wiesen und Wälder widerstandsfähiger gegen Schädlinge, Klimaschwankungen oder Krankheitserreger sind, wenn in diesen Lebensräumen eine hohe Vielfalt herrscht. Weil nie alle Arten gleich betroffen sind, können artenreiche Ökosysteme solche Störungen leichter ausgleichen, ohne ihre Funktionen zu verlieren. Gegenbeispiel dazu sind etwa landwirtschaftlich genutzte Flächen: Ohne Schädlingsbekämpfung und Pflanzenschutzmittel kann keine Intensivlandwirtschaft betrieben werden.

Helfen Mikroben, sich vor anderen Mikroben zu schützen?

Was die Forscher herausfinden wollen, ist, ob diese für die Welt im Großen geltende Stabilitätstheorie auch für die Welt im Kleinen gilt. Das hätte weitreichende Folgen: Menschliche Eingriffe in die mikrobielle Artenzusammensetzung könnten etwa die natürliche Eindämmung von Krankheitserregern behindern. Für die Welt im Großen, den Wald oder die Wiese, gilt das sogenannte Nischenmodell. Pflanzen und Tiere konkurrieren in einem Lebensraum um die vorhandenen Ressourcen. Neue Arten haben es da erst einmal schwer, Fuß zu fassen. Ist das Ökosystem aber ohnehin artenarm oder durch menschliche Eingriffe gestört, können sich Neuankömmlinge besser ausbreiten.

Dieser Effekt ist auch in der Mikrowelt schon nachgewiesen worden. Stäbchenbakterien der Art Clostridium difficile etwa können Darmentzündungen mit Durchfall auslösen. Besonders anfällig dafür sind Menschen, die zuvor eine Therapie mit Antibiotika durchgeführt haben, schreiben die iDiv-Forscher in einer Mitteilung. Ein anderes Beispiel dafür findet sich in jedem Badezimmer: In Duschköpfen bildet sich häufig ein Biofilm aus krankheitsauslösenden Bakterien, sogenannten Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTMs). Ausgerechnet in Gegenden, in denen das Wasser gechlort wird, tritt er häufiger auf. Die NTMs breiten sich zudem besonders gut auf metallenen Duschschläuchen aus. Duschschläuche aus Kunststoff tragen meist eine besonders reiche Gemeinschaft verschiedener Mikroorganismen, dafür weniger NTMs.

Noch ein anderes Beispiel stammt von Forschern der Hochschule Furtwangen (HFU), der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Helmholtz Zentrum München. Bei der Untersuchung gebrauchter Küchenschwämme haben sie Bakterien teils in einer Konzentration festgestellt wie sonst nur in Fäkalproben. Wurden die Schwämme mit heißem Wasser ausgewaschen oder in der Mikrowelle behandelt, stieg ausgerechnet der Anteil der gefährlichen Bakterien immer weiter an.

Ökologe Robert Dunn, Professor an der Universität North Carolina State und der Universität Kopenhagen, hat während eines Gastaufenthalts am iDiv an einem Buch über unser Zusammenleben mit Insekten oder noch viel kleineren Wesen wie Pilzen und Bakterien geschrieben. Für seine Forschung lässt Dunn sich schon einmal Proben von Sauerteig-Starterkulturen von Bäckern aus der ganzen Welt schicken. Oder er untersucht, welche Mikroorganismen in einem menschlichen Bauchnabel leben. Er plädiert für einen unvoreingenommenen Blick auf unsere mikrobiellen Mitbewohner.

Nur ganz wenige von ihnen lösen Krankheiten aus. Andere helfen sogar, gesund zu bleiben. In der Medizin nutzt man bereits erfolgreich Stuhltransplantationen zur Behandlung von Darmentzündungen. Medizinern würden die Forscher nicht empfehlen, künftig nicht mehr steril zu arbeiten. Aber „gezielte Beimpfungen von Oberflächen“ mit ausgesuchten Mikroben könnten die Ausbreitung gefährlicher Erreger möglicherweise verhindern“, schreiben die Forscher. Für konkrete Empfehlungen brauche es aber noch mehr Forschung.

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