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Erfindung

13.02.2019

Legosteine aus Wüstensand könnten die Zukunft des Bauens sein

Die Systembausteine der Firma PolyCare aus Polymerbeton können größtenteils aus Wüstensand hergestellt werden.
Bild: PolyCare Research Technology Gm

Häuslebauen könnte bald so einfach werden wie Legobauen. Mit Beton aus Wüstensand und einem neuen Baustein dürften Bauherren viel Geld sparen.

Legosteine sind ein genial einfaches Spielsystem: Schon kleine Kinder können sie zu immer neuen Formen oder Häusern zusammenstecken. Das kreative Spielen macht so viel Spaß, dass sogar Erwachsene noch gerne Lego spielen. Umso merkwürdiger also, dass niemand vorher auf die Idee kam, das Lego-Prinzip auf die reale Bauwelt zu übertragen. Die Thüringer Firma PolyCare hat das nun gemacht. Aber ihre Erfindung, Systembausteine aus sogenanntem Polymerbeton, haben noch aus einem anderen Grund das Potenzial, die gesamte Branche zu revolutionieren.

Bislang galt Bausand als unverzichtbar für die Betonherstellung. Und weil immer mehr gebaut wird auf der Welt, ist längst ein harter Kampf um die verbliebenen Sandvorkommen entbrannt. Illegaler Sandabbau ist zu einem großen Problem vor allem für ärmere Länder in den Tropen geworden. Denn Sand ist nicht gleich Sand. Ausgerechnet die aufstrebenden Wüstenstaaten rund um den Persischen Golf etwa müssen jedes Jahr Millionen Tonnen Sand importieren, weil der Sand, den sie in Fülle haben, nicht für die Betonherstellung taugt. Wüstensand ist vom Wind so glatt geschliffen, dass Beton daraus einfach wieder zerbröselt.

In jahrelanger Forschung hat PolyCare-Chefentwickler und -Mitinhaber Gunther Plötner eine Rezeptur entwickelt, mit der nicht nur Wüstensand, sondern fast alle Arten rieselfähiger mineralischer Stoffe als Ausgangsmaterial für die Betonherstellung verwendet werden können. Der mit einem Polyesterharz gebundene sogenannte Polymerbeton ist dem herkömmlichen Beton sogar in vielen seiner Materialeigenschaften überlegen: Er trocknet in nur 20 Minuten vollständig aus. Er ist leichter, aber drei- bis fünfmal druck- und biegefester. Man kann ihn beliebig formen und einfärben – das fertige Produkt braucht also keine weiteren Arbeitsschritte wie verputzen, schleifen oder versiegeln. Und weil Polymerbeton absolut wasserundurchlässig ist, kann ihm auch Frost nichts anhaben.

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Wie kann man den Opfern von Naturkatastrophen helfen?

PolyCare-Gründer Gerhard Dust hatte mit dem Erwerbsleben schon abgeschlossen. Nach einer erfolgreichen Karriere in vielen Führungspositionen, hatte er eigentlich vor, den vorgezogenen Ruhestand in Florida zu genießen. Zwei Ereignisse haben diesen Plan über den Haufen geworfen: Zum einen ein zufälliges Zusammentreffen von Dust mit dem Tüftler Plötner. Zum anderen das schwere Erdbeben, das 2010 Haiti erschütterte. Von Florida aus betrachtet lag der Karibikstaat in der Nachbarschaft. Und das Schicksal der Menschen dort ging Dust sehr nahe. Hunderttausende starben damals, rund 1,3 Millionen wurden obdachlos – und blieben das oft über Monate. Eine Frage nagte fortan an Dust: Wie kann man den Opfern solcher Katastrophen helfen?

In Namibia steht bereits ein Musterhaus. Bald sollen die Ärmsten des Landes von der Erfindung aus Thüringen profitieren.
Bild: PolyCare Research Technology Gm

Die mittlerweile marktreifen Bausteine aus Polymerbeton wären dafür aus mehreren Gründen ideal: Mit einer mobilen Fabrik, die in Zukunft einmal in einen Frachtcontainer passen soll, ließen sie sich schnell und flexibel produzieren, mit Material, das zum allergrößten Teil direkt vor Ort und sehr kostengünstig zu haben ist. Weil die Steine Noppen haben, können auch ungelernte Kräfte ohne Probleme in kurzer Zeit ein Haus zusammensetzen – ohne schweres Gerät, allein mit Handarbeit. Das Bausteinhaus braucht kein Fundament, auf ebenem, festem Untergrund kann man auf Grundleisten direkt anfangen zu bauen. Die Steine müssen nicht verklebt werden, eine Schraubverbindung hält alles sicher zusammen. Bei Bedarf kann man das Haus wieder auseinandernehmen und an einem anderen Ort oder in anderer Form neu aufbauen. Man kann die Steine sogar schreddern und neue Steine aus dem gleichen Material gießen. Je nach Verfügbarkeit der Rohstoffe vor Ort kostet ein Haus mit 60 Quadratmetern zwischen 16.000 und 22.000 Euro.

Doch nicht nur nach Naturkatastrophen gibt es einen riesigen Bedarf an beständigen und kostengünstigen Unterkünften. Erst in der vergangenen Woche hat die Unicef eine erschreckende Zahl veröffentlicht: 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahre weltweit leben in extremer Armut. Das sind rund 385 Millionen Menschen. Bei PolyCare gehen sie sogar von rund 1,2 Milliarden Menschen aus, die ohne eine menschenwürdige Unterkunft leben müssen.

Wird das Haus der Zukunft als Bausatz geliefert?

Viel zu tun also. Nun ist immerhin ein Anfang gemacht: Vergangenen Dienstag hat Dust unweit von Windhoek in Namibia eine Fabrik zur Produktion der Bausteine eröffnet. In Zusammenarbeit mit namibischen Partnern sollen dort Häuser für die Ärmsten entstehen. Weitere Projekte in anderen Ländern sind bereits geplant. Bis 2030 sollen 100.000 Häuser aus PolyCare-Bausteinen stehen – immer gebaut nach dem Prinzip der Selbsthilfe, wie Dust bei seinen Präsentationen der Firma stets betont: „Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet, dass die Betroffenen selbst miteingebunden werden. Wenn man sein Haus selbst gebaut hat, schafft man seine Heimat.“

Parallel dazu laufen in der Heimat die Vorbereitungen für die Umsetzung viel größerer Pläne: Die Kosten für den Hausbau zu senken, ist auch in Deutschland ein großes Thema. Aktuell läuft der Prozess zur Zulassung der Systembausteine als Baustoff. Das Potenzial ist riesig: Häuser der Zukunft könnten ganz einfach am Computer entworfen und als Bausatz zum Selberbauen geliefert werden. Wasser- und Elektroinstallationen könnten in Spezialbausteinen integriert oder durch das Auslösen von Sollbruchstellen leicht verlegt werden. Noch sind das kühne Visionen. Aber vielleicht heißt es ja in Zukunft: Merkwürdig, dass niemand vorher auf diese Idee kam.

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