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Gesellschaft

02.02.2019

Rente mit 40? Wie man das schaffen kann

Frugalisten sind erst einmal Menschen, die ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen wollen, ohne den Zwängen einer Erwerbsarbeit unterworfen zu sein.
Bild: nathanallen, Adobe Stock

Guter Job, gutes Gehalt – und keine Lust weiterzumachen. Von jungen Menschen, die mit dem Tausch von Lebenszeit gegen Geld nichts mehr anfangen können.

An seinen letzten Arbeitstag hat Florian Wagner nur gute Erinnerungen. Er hat einen Kuchen gebacken, es gibt Butterbrezen und Sekt. Der Chef spricht ein paar nette Worte, verbunden mit den besten Wünschen für den neuen Lebensabschnitt. Die Kollegen haben ein Geschenk vorbereitet, dann ist Schluss. Dass er an diesem Tag auch noch Geburtstag hat, ist ein symbolhaftes Zusammentreffen. Florian Wagner ist gerade 31 Jahre alt geworden – und hat beschlossen, sein Erwerbsleben zu beenden. Ab jetzt ist er ganz offiziel Frugalist.

Der Duden übersetzt frugal mit einfach, bescheiden. Frugalisten sind erst einmal Menschen, die ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen wollen, ohne den Zwängen einer Erwerbsarbeit unterworfen zu sein. Tun, was einem Freude und Erfüllung bereitet – und dafür verzichten auf Konsum. Jetzt ist es bald ein Jahr her, dass Wagner die Bürotür zum letzten Mal hinter sich zugezogen hat. Von Verzicht will er seitdem nichts bemerkt haben.

„Mein Lebensstandard hat sich überhaupt nicht verändert, meine Ausgaben sind gleich geblieben, ich wohne noch immer in der gleichen Wohnung. Wenn ich ins Restaurant gehe oder in den Urlaub fahre, stelle ich mir nicht die ganze Zeit die Frage, was lässt mein Budget zu? Ich mache alles wie vorher, nur bewusster“, sagt Wagner, dessen Erwerbsbiografie recht übersichtlich ist: auf den Tag genau vier Jahre Projektleiter in der Automobilindustrie.

Die Mehrheit der Deutschen würde gerne in Rente gehen, bevor sie das gesetzliche Mindestalter erreicht haben.
Bild: nathanallen, Adobe Stock

Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn Umfragen zeigen immer wieder: Die Mehrheit der Deutschen würde gerne in Rente gehen, bevor sie das gesetzliche Mindestalter erreicht haben. Im Internet ploppen laufend neue Finanzblogs auf, die sich an genau den Fragen abarbeiten, die Wagner seitdem immer wieder beantworten muss: Wie kann man mit 31 Jahren aufhören zu arbeiten – vor allem wenn man erst studiert hat und nicht schon reich ist, dank einer Erbschaft oder eines besonders guten Geschäfts? Und vielleicht noch wichtiger: Kann man so viel gewonnene Lebenszeit auch ohne Arbeit sinnspendend füllen?

Rente ab 40: Wie viel Geld gebe ich jeden Monat aus und wofür?

Die Antwort auf die erste Frage, so viel ist klar, hat viel mit Rechnen zu tun. „Wer so früh aufhören will zu arbeiten, braucht einen Geldfahrplan“, sagt Michael Scheffel, Altersvorsorgeexperte der Verbraucherzentrale Bayern. Das empfiehlt er im Übrigen allen Menschen, die seinen Rat suchen – die meisten sind aber eher um die 60 als um die 30. Und der erste Posten auf der Liste heißt: Wie viel Geld gebe ich jeden Monat aus und wofür? Wenn man dann noch weiß, wie lange man diese Ausgaben sicherstellen will, hat man das Gerüst für eine grobe Rentenplanung – trotz aller Unwägbarkeiten, die das Leben immer bereithält. Kleines Beispiel?

Wir rechnen mit 1200 Euro monatlichen Ausgaben, angestrebtem Rentenalter von 40 Jahren, einem Berufsbeginn von 25 Jahren und einer Lebenserwartung von 100 Jahren. Dafür braucht man einen Topf von 864.000 Euro, der in 15 Berufsjahren angespart werden müsste. Das heißt, neben den normalen Lebenshaltungskosten müsste man in diesen 15 Jahren jedes Jahr 57.600 Euro beiseitelegen. Leichte Unschärfen inbegriffen, da das Ersparte ja Rendite bringt, aber auch die Inflation an ihm nagt. Unvorhergesehene Mehrausgaben, etwa für Gesundheit oder gar Kinder, sind bei den 1200 Euro pro Monat nicht einberechnet. Frugalismus, so viel ist klar, ist nicht etwas für jeden.

Das Phänomen ist so neu, dass es noch nicht einmal einen eigenen Eintrag in der deutschen Ausgabe des Internetlexikons Wikipedia hat. Es muss sich, wie passend, mit einem Unterkapitel beim Schlagwort „Bescheidenheit“ zufriedengeben. Dafür quillt die Ergebnisliste über, googelt man die gebräuchlichere englische Schlagwort-Kombination „Financial independence, retire early“, kurz Fire. Die meisten Seiten kommen aus Amerika, wo die Finanzkrise im Jahr 2008 das Vertrauen in das Arbeitsmodell „Tausche Lebenszeit gegen Geld“ ziemlich auf die Probe gestellt hat. Einer der Vorreiter der Bewegung ist der Kanadier Pete Adeney, besser bekannt als Mr. Money Moustache. Unter diesem Namen hat er im Jahr 2011 einen Blog gestartet, der inzwischen als Referenz in der Szene gilt.

Protokollieren, vergleichen, optimieren: Frugalisten sind Ich-Unternehmer

Adeney lebt im US-Bundesstaat Colorado und hat kurz vor seinem 31. Geburtstag einen gut bezahlten Job als Software-Ingenieur aufgegeben – um mit seiner Frau, die zur gleichen Zeit ausstieg, eine Familie zu gründen und mehr Zeit für Dinge zu haben, die ihn begeistern. Sein wichtigster Tipp an alle Menschen, die ihm auf seinem Weg nachfolgen wollen: Früh anfangen zu sparen und die Ausgaben radikal kürzen.

Näher an die Arbeitsstelle und in eine günstigere Wohnung ziehen, möglichst nur Fahrrad fahren, kein teures Handy kaufen, selber kochen mit wenig Fleisch – Wege, das Haushaltsbudget zu kürzen, gibt es viele. Alles eine Frage von Prioritäten und Einstellung. Zwei Drittel bis drei Viertel des Einkommens sollte man laut Adeney während der Arbeitsphase schon jeden Monat abknapsen – und möglichst ertragreich anlegen, in Indexfonds an der Börse oder wenn man sich in die Materie einarbeitet, in Immobilien.

Dazu kommt, da sind Frugalisten ganz typische Vertreter des Internetzeitalters, das ständige Protokollieren, Vergleichen und Optimieren der eigenen Ausgaben und des eigenen Lebensstils. Gerne öffentlich und im Austausch mit Gleichgesinnten. Wer sich in den Berichten vertieft merkt schnell, dass die traditionellen Begriffe von Arbeit und Rente in der Welt der Frugalisten nicht mehr greifen. In den Beiträgen und Kommentaren geht es um Anlagestrategien, Spartipps und Renditeziele. Es klingt wie schwäbische Hausfrau trifft Start-up-Gründer.

Auch Adeney ist wohl eher kein Aussteiger, sondern Unternehmer des eigenen Lebens. Längst hat er ein Publikum, das in die Hunderttausende geht – und seinem Blog schöne Einkünfte beschert. Aber sein Rentenplan beruht auf einem überdurchschnittlichen Einkommen während der Ansparphase und einer minimalistischen Lebensphilosophie: Weniger ist mehr. So lebt Adeney seit knapp 14 Jahren. Trotzdem hat er einen mittlerweile elf Jahre alten Sohn und jüngst eine Scheidung überstanden, ohne sich finanziell zu ruinieren.

Von einem Tag auf den anderen keine Projekte mehr, keine Dienste und Fristen

Mit seinem Blog hat er auch bei Florian Wagner einen Nerv getroffen. „Mr. Money Moustache hat mir die Augen geöffnet. Da habe ich mich gefragt: Mache ich wirklich Dinge, die mich glücklich machen, oder folge ich eher Gewohnheiten?“

Als Wirtschaftsingenieur findet Wagner nach dem Studium schnell einen Job. Plötzlich hat er ungewohnt viel Geld zur Verfügung. Der ersten Gehaltserhöhung folgt bald die nächste. Aber das Hochgefühl, nicht mehr nachdenken zu müssen, ob man zweimal die Woche ins Restaurant gehen oder sich spontane Wünsche erfüllen kann, hält nicht an. Und in diese Leerstelle drängt sich Mr. Money Moustache.

Wagner fängt an, seine Finanzen systematisch aufzuschlüsseln: Wo geht das Geld jeden Monat hin? Wie viel kostet das Leben, das ihn materiell zufriedenstellt? Dann der nächste Schritt: Wagner entkoppelt seine Einnahmen von den Ausgaben. „Warum muss ich mehr Geld ausgeben, nur weil ich eine Gehaltserhöhung bekommen habe? War das davor kein gutes Leben?“ Ein Erweckungserlebnis: Trotz steigender Einnahmen reduzieren sich die Ausgaben. Weil er sich Spontankäufe verkneift, vor größeren Anschaffungen 30 Tage wartet: Wenn er die Sache dann nicht mehr so wichtig findet, braucht er sie auch nicht. Kurz: Mr. Money Moustache hat sich in Wagners Kopf eingenistet. So fest, dass Wagner eine Art deutscher Widergänger von Adeney wird. Er gibt den Bürojob auf, startet den Blog geldschnurrbart.de und macht seine Finanzen öffentlich.

Wie kann man mit 31 Jahren aufhören zu arbeiten – vor allem wenn man erst studiert hat und nicht schon reich ist, dank einer Erbschaft oder eines besonders guten Geschäfts?
Bild: tagstiles.com, Adobe Stock

Von einem Tag auf den anderen keine Projekte mehr, keine Dienste und Fristen. Was macht man dann? Und wenn die Rentenrechnung doch nicht aufgeht, gibt es dann noch einen Weg zurück, in den sicheren Job mit gutem Einkommen? Arbeitspsychologe Alexander Juli von der ias-Gruppe warnt: „Von 50 Stunden in der Bank als Trader auf 0 Stunden und wandern durch den Bayerischen Wald, das wird schwierig. Wenn Sie das Erwerbsleben so früh beenden wollen, sollten Sie das vorher auf jeden Fall erst einmal testen. Nehmen Sie eine Auszeit, ein Sabbatical für ein halbes Jahr. Wenn Sie das gut hinkriegen, in dieser Zeit einen neuen Sinn kreieren können in Ihrem Leben, dann mache ich mir wenig Sorgen um Sie.“

Wenn seine Ausgaben nicht steigen, reicht sein Polster für sieben Jahre

Erfüllung zu finden in seinem Leben. Für Menschen, die keine materiellen Sorgen haben, scheint dies zum drängendsten Problem geworden zu sein. Was das angeht, ist Wagner mit seinem Vorbild Adeney auf einer Linie. Nach einem kurzen Urlaub und zwei Wochen, in denen er es genossen hat, ausschlafen zu können oder joggen zu gehen im Park, ist Wagner schnell wieder in einen geregelten Tagesablauf gerutscht: „Ich wollte meine Erfahrungen teilen, auch weil mir immer wieder die gleichen Fragen gestellt wurden.“ 6.30 Uhr aufstehen, ab in die öffentliche Bibliothek und zwei Monate später war sein erstes E-Book fertig. Jetzt schreibt er ein Sachbuch für einen großen Publikumsverlag. Was dann kommt? Wieder etwas Neues. „Niemand, den ich kenne, der Frugalismus für sich entdeckt hat, interpretiert das so, dass man mit 40 auf der Couch sitzt und sich langweilt. Jeder will tun können, was er möchte.“

Stand 31. Dezember 2018 hatte Wagner, ledig und kinderlos, 131.994 Euro angespart, Tendenz leicht fallend. Wenn nichts mehr dazukommt und seine Ausgaben nicht steigen, reicht das für sieben Jahre. Könnte bei anderen für schlaflose Nächte sorgen. Noch dazu, wenn man sich zu Herzen nimmt, was Arbeitspsychologe Juli sagt: „So ein Plan ist nur sehr schwer reversibel und von Arbeitgebern nicht gern gesehen. Dazu kommt: Das Wissen, das heute im Beruf gebraucht wird, erneuert sich alle zwei bis drei Jahre. Wer sechs Jahre draußen war, hat so einen Wissensabstand im Vergleich zu einem, der im Job geblieben ist, dass er kaum noch den gleichen Job machen kann.“

Wagner sagt, er hat durch die Beschäftigung mit seinen Finanzen viel anderes gelernt und kennt sich jetzt selbst besser. Sein Vorbild Adeney hat vor kurzem einen Coworking-Space eröffnet. Vielleicht macht er aber bald wieder etwas ganz anderes. Nur eben nicht mehr in ein Büro gehen, und Lebenzeit für Geld tauschen. Oder in den Worten von Arbeitspsychologe Juli: „Nur zu Hause hocken und RTL2 gucken ist nicht die Lösung.“

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03.02.2019

Ich kann nicht verstehen, wie dass einen AZ-Artikel wert sein kann. Zeigt es doch auf, wie schnell man Leser irritieren und mehr oder weniger verärgern kann. Es tut mir im Herzen weh, wenn Journalisten sich von eigenen Begierlichkeiten leiten lassen und In-Flo-Enzeritis Artikel anpreisen.

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