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Ebay-Kleinanzeigen

06.10.2019

Zehn Jahre "Zuschtam tadenlos" und andere Kuriositäten

Seit zehn Jahren gibt es Ebay-Kleinanzeigen in Deutschland.
Bild: Monika Skolimowska, dpa

Seit zehn Jahren gibt es nun in Deutschland das Verkaufsportal Ebay-Kleinanzeigen. Mit nicht nur, aber doch vielen lustigen Folgen. Ein Streifzug.

Seit zehn Jahren sind die deutschen Flohmärkte nun gewissermaßen zentralisiert, auf der digitalen Plattform eines globalen Unternehmens – mit natürlich auch bedenklichen Konsequenzen für die ganze Vielfalt an klassischen Medien, die zuvor Anlaufstellen dieses privaten Marktes waren. Ob diese neue Form des Direktverkaufs immer so glücklich macht, ist freilich eine ganz andere Frage: Ein Phänomen des Zeitgeistes aber sind „Ebay-Kleinanzeigen“ seitdem im Guten wie im Schlechten geworden. Auch wenn die Goldgräber-Stimmung der Sammler in den Anfangszeiten nach in ihrem Wert unerkannten Preziosen längst vorbei und auch die aufsehenerregenden Versteigerungen eines Papst-Autos oder eines Abteils der Wuppertaler Schwebebahn Geschichte sind.

So kurios sind Chats auf Ebay Kleinanzeigen

Nutzen und Unsinn haben sich inzwischen in rauen Massen ins Alltägliche verlagert – und mit ihnen Wahn und Witz. Das lässt sich in einer Sammlung erfahren, die sich gerade aus dem Alltäglichsten ergeben hat. Da versuchte nämlich im vergangenen Jahr ein gewisser Marcel aus Hamburg an seinem PC „für kleines Geld“ über jene Internetverkaufsplattform „einige ausrangierte Sachen“ loszuwerden. Und erlebte dabei nicht nur, wie schwierig, sondern wie irre sich das dort entwickeln kann. Und fragte sich: Geht’s nur mir so? Forschte also nach Leidensgenossen – und wurde im Übermaß fündig.

Beispiel aus dem Buch.
Bild: Riva-Verlag

Er wurde so zum Gründer einer ganz anderen Plattform, die quasi als Comedy-Format die Leidensgeschichten, die lustigen Begegnungen, die Unfähigkeiten und Dreistigkeiten der Hobbykäufer und -verkäufer“ sammelt und veröffentlicht. So beschreibt er, der bis auf Wohnort und Vorname anonym bleibt, es nun, da er ein Best-of auch noch in einem klassischen Medium veröffentlicht hat.

Der digital gesammelte Stoff nämlich ist – wie so oft in jener Plattform-Welt – schnell unüberschaubar geworden. 300 bis 400 Zusendungen bekommt Marcel jeden Tag. Und schafft es freilich längst nicht, alle zu sichten. Ist ja bloß ein Hobby, und soll ein Spaß nebenbei bleiben. Aber über 1500 ausgewählte hat er inzwischen veröffentlicht.

Dabei finden sich kurze Preziosen wie diese zum Angebot „Tisch mit Gebrauchsspuren zu verschenken“ (K steht hier immer für Kaufinterressent, V für Verkäufer):

Was auch schon zeigt, dass sich hier beim fortwährenden Aneinandervorbeischreiben auch eine ganz eigene Sprache entwickelt hat. Die hat Marcel im Buch dann auch hinten im Buch in einem eigenen Glossar aufgeschlüsselt. Da steht dann zum Beispiel „Zuschtam“ für „Zustand“ und „Tadenlos“ für „Tadellos“. Oder „Tutet der?“ für „Funktioniert alles?“. Oder „Tschuldigom“ für „Entschuldigung“. Es finden sich auch reichlich offenbar übliche Schimpfwörter darunter. Wie „Sackfalte“ oder „Echsenmensch“ oder „Pennergesicht“. Was auch schon andeutet, dass der Ton hier immer mal wieder und mitunter ziemlich schnell rau werden kann. Und wer dann damit droht, das Gegenüber an die Plattform aus auffällig zu melden, wird auch mal als „Meldemuschi“ beschimpft.

Aber als „Special“ gibt es darum dann auch hierfür eigene Chiffren wie zum Beispiel „Arschxoch“, weil: „Eine Beleidigung, für die man auf Grund des Schreibfehlers rechtlich nicht belangt werden kann“. Oder „Neustadt“ für: „Ein schrecklicher Ort, an dem die Schrottrofs ihren Hauptsitz haben“. Wobei Schrottrolfs freilich Typen sind, die einfach nur Müll verkaufen. Weil „-rolf“: „Rolf kann hinter (oder auch vor) jedes beliebige Wort gesetzt werden und verbessert dieses um 10.000 Prozent“.

Beispiel aus dem Buch.
Bild: Riva-Verlag

Wie viel davon nun der Comedy geschuldete Übertreibung ist? Wer mag das in der digitalen Welt, die Fakten und Fiktion, Wirklichkeit und Erfindung ohnehin unablässig zu einem Amalgam verrührt, noch entscheiden? Auch das vermeintlich so angesagte „Vong“ als Ersatz-Konstruktion für „wegen“ (also „vong Wetter her“ statt „wegen des Wetters“) startete ja mal als erfundene Veräppelung des Jugendslangs – und wurde dann tatsächlich zur natürlich ironisch gebrauchten, hippen Redewendung …

Aber zu schön, um einfach erfunden zu sein, lesen sich teils auch längere Ebay-Wortwechsel wie dieser, in dem es um Snackschalen geht:

Und manchmal kippt alles ins Dada wie hier in der Verhandlung um ein „iPhone X Space Grey“:

Öfter lassen sich hübsch dramatische Ausreden finden, weil ein Kaufinteressent dann eben doch nicht zur vereinbarten Abholung erschienen ist: „Sorry, mir ist auf dem Weg zu dir der Blinddarm gerissen.“ Und manchmal ist schon die Anongse, äh, Tschuldigom, die Annonce eine einzige Offenbarung wie hier das Fußball-Computerspiel „FIFA 19“ für die Playstation 4:

„Nach der letzten Partie habe ich mich dazu entschieden, es zu verticken!!! Ich raste ständig aus!! Dieses scheiß Spiel macht irgendwie Spaß aber bringt mich ständig zum Ausrasten. Wenn ich es spiele, habe ich mich nie unter Kontrolle. Habe schon den Controller gegen die Wand gekloppt, der geht zum Glück noch. Aber leider bin ich schon bei einer Partie so doll ausgerastet, dass ich auf meine Giga TV Box von Vodafone gkloppt habe, dabei ist die obere Plastikabdeckung gebrochen … nun springt die Box nicht mehr an. Gehe auf jeden Fall etwas beim Preis runter … für eine gute Ausrede beim Vodafone Kundenservice für eine neue Giga TV Box wäre ich dankbar. Für das scheiß Ding verlangen die 289 Euros. Da könnte ich glatt wieder ausrasten.“

Na dann, viel Glück beim Verkaufen! Aber dafür hat Marcel ja auch noch Tipps. Und das beginnt schon mit einem freundlichen Start in die Kommunikation, „ganz weit vorne“ liegt: „Servus Erdnuss“.

Das Buch „Was isch letzte Preis?“, Riva Verlag, 208 Seiten, 9,99 Euro.

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