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Bücher-Journal

09.03.2018

"Zeit der Zauberer": Die Dramen großer Denker

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Der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger erweckt in „Zeit der Zauberer“ die Philosophie der 1920er-Jahre zum Leben.
Bild: Markus C. Hurek, dpa

„Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger beschäftigt sich mit dem großen Jahrzehnt der Philosophie.

Da sind unglaubliche Geschichten wie diese: Ein junger Denker aus sehr reichem Hause, dem es zu seinem Bedauern nicht gelungen ist, im Krieg getötet zu werden, bringt von der Front ein Manuskript mit, das dann durch die Fürsprache des prominentesten Philosophen jener Zeit, Bertrand Russell, veröffentlicht wird. Daraufhin schenkt er sein gesamtes Vermögen, mehrere hundert Millionen, seinen verbliebenen Geschwistern (drei Brüder hatten Selbstmord begangen) und zieht als Lehrer in die tiefste Provinz. Mit dem Büchlein seien alle Fragen der Philosophie endgültig geklärt – jetzt gehe es ins wahrhaftige Leben.

Wolfram Eilenberger erklärt in „Zeit der Zauberer“ zentrale Werke der 1920er Jahre

In diesem geben ihm Schüler jedoch solche Antworten, dass er Hefte auf Köpfe haut, bis nur noch Fransen übrig sind. Als jenes tragische und cholerische Genie darum einige Jahre später, verarmt und verzweifelt, wieder aus der Versenkung auftaucht, wird der prominenteste Ökonom jener Zeit, John Maynard Keynes, am 18. Januar 1929 in Cambridge notieren: „Gott ist angekommen, ich traf ihn im Fünf-Uhr-Fünfzehn-Zug.“ Es ist die Geschichte von Ludwig Wittgenstein und seinem „Tractatus logico-philosophicus“. Aber dieses tragische Genie ist nur eine von vier großen Figuren, mit denen Wolfram Eilenberger in „Zeit der Zauberer“ das Zwischenkriegs-Jahrzehnt durchschreitet – und dabei auch zentrale vertrackte Werke erklärt.

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Hinzu nämlich kommt: Martin Heidegger, der sein wahrhaftiges Leben in einer Schwarzwaldhütte findet, mit „Sein und Zeit“ ein Buch schreibt, das allen Existenzialisten zugrunde liegen wird, und sich bald darauf mit den Nazis einlässt. Hinzu kommt Ernst Cassirer, mit dem Heidegger 1929 zum legendären Denker-Duell in Davos zusammenkommt: Für den da bereits in Deutschland geschmähten Juden ist der Lebenstraumort eine Hamburger Privat-Bibliothek, die mit dem Erbe des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg alles enthält, was Cassirer für die Entwicklung seiner Lehre von den symbolischen Formen braucht.

 Hinzu kommt Walter Benjamin, ebenfalls geschmähter Jude und zudem verpönter Kriegsverweigerer, der Heidegger hasst und um Cassirers Fürsprache ringt: genial, glücklos, ein Umherirrender, viel zu unorthodox für den Universitätsbetrieb. Und in Essays wie „Goethes Wahlverwandtschaften“ rechnet er eigentlich umfassender mit der bürgerlichen Ehe als solche ab, während seine eigene Ehe zwischenzeitlich in eine Vierecks-Geschichte ausufert …

Eilenberger beschreibt pointiert das Leben in der Zeit zwischen den Kriegen

 Wittgenstein, Heidegger, Cassirer, Benjamin also. „Das große Jahrzehnt der Philosophie“ nennt der aus Fernsehen („Sternstunde Philosophie“ im Schweizer TV), Presse („Philosophie Magazin“) und Buch („Finnen von Sinnen“) bekannte Wolfram Eilenberger darum diese Zeit. Sie ist aber freilich auch geprägt von den Verheerungen des Ersten Weltkriegs (in denen Heideggers mythisches Raunen geradezu heilsam wirkt), von der Not durch die Inflation und dem Heraufziehen der nächsten Katastrophe. Der Autor vermag beides: Pointiert über das Leben schreiben und fachkundig in das Denken einzuführen; das Leben seiner Protagonisten mit ihrem Denken zu verknüpfen; die Protagonisten in einer gemeinsamen Zeit zu verorten und sie in ihren Kontrasten kenntlich zu machen. Sollte es eine Überzeugung geben, die Wittgenstein, Heidegger, Benjamin und Cassirer in diesem (und jedem anderen) Stadium ihres Denkens umstandslos und unbedingt bejaht hätten, dann war es die folgende: Die menschliche Lebensform ist eine des Sprechens. Die Sprache  … ist der eigentliche Boden unseres jeweiligen Selbst- und Weltverständnisses.“ Faszinierend, wie vielfältig dieses Sprechen sein kann.

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