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Philosophie-Festival

26.06.2017

Kässpatzen und Leitkultur

In Oberstdorf und im Kleinwalsertal wurde von Profis und Liebhabern der Weisheit nachgedacht. Und auf einer Berghütte ein umstrittener Begriff einhellig abgelehnt

Ort des Geschehens: die Berghütte auf der Sonna-Alp. Zwischen Himmel und Erde, ganz weit hinten im Kleinwalsertal. Leicht zu erreichen mit dem Zaferna-Sessellift vom Dörfchen Mittelberg aus. Zeitpunkt: Samstag, letzter Abend des dreitägigen ersten Festivals namens „Philosophie in den Allgäuer Alpen“ und elftes Zusammentreffen der teilnehmenden Köpfe und Köpfchen. Mit Kässpatzenessen und geheimnisträchtigem Programmthema: „Vergessene Probleme unseres Zusammenlebens“.

Rund zwanzig erwachsene Normalbürger, ein Dutzend Oberstufenschüler aus Allgäuer Gymnasien und eine gute Handvoll Philosophie-Professoren und -Professorinnen sind es, die sich an die gedeckten Tische in der Hüttenstube setzen.

Eine Art Arbeitsessen kündigt sich an, wie bei Politikern auf Staatsbesuch. Professor Ekkehard Martens teilt schon mal weiße Papierblätter aus, für jeden der sechs Tische eines. An jedem Tisch sitzt auch ein Profi-Philosoph oder eine Profi-Philosophin.

„Diskutieren Sie den Begriff Leitkultur!“, lautet die Aufgabe für alle von Professor Martens. Aha, denkt sich der Beobachter, das schließt ja nahtlos und aktuell an Professor Bettina Bussmanns Nachmittagsseminar an. Da lautete die Themenfrage „Was verbindet und was trennt Kulturen?“.

Also, auf geht’s. An die Kässpatzen, den Salat und die Leitkultur. Stichworte für die Ergebnisrunde sollen notiert werden. Konkrete Ansatzpunkte dafür liefern einige wörtliche Zitate aus Innenminister de Maizières „Leitkultur für Deutschland“. „Sie können auch dafür sein…“ stachelt Martens leicht ironisch den Austausch der Argumente an.

Und heiß geht’s her im Stimmengewirr: Verhaltensregeln für alle? – Wer definiert die? – Wer ist überhaupt „wir“? Medien, Talkshows fördern und feiern Extremtypen, Streithähne – Leben im Zeitalter des Empörialismus – Gesellschaft entmündigt – Einwanderungsgesetz versäumt – Was läuft auf Youtube? – Intoleranz, Ignoranz und Vorurteile statt Kultur …

Nach einer hitzigen Stunde werden die Diskussionsergebnisse vorgestellt. Sie laufen auf einhellige Ablehnung des umstrittenen Begriffs Leitkultur hinaus: Zwar habe ihn der Syrer Bassam Tibi 2009 in guter Absicht für Europa erfunden, doch sinnvoller sei die Orientierung an den UN-Menschenrechten, am Grundgesetz, an einem längst fälligen Einwanderungsgesetz.

Aber jetzt greift Professor Hans Joas, der diesjährige Meckatzer-Preisträger dieses Philosophie-in-den-Alpen-Projekts, in die abschließende Diskussion ein: Philosophisch sei dieser ganze politische Hütten-Meinungsaustausch erst dann, wenn nach dem „ernsten Kern“, nach den Werten in diesem „total unbrauchbaren Begriff Leitkultur“ gefragt würde!

Schock bei den Schülern: Wäre alles vergeblich gewesen? „Nein!“ ruft Projektleiter Rainer Jehl in die Runde. „Eine Sternstunde philosophischer Auseinandersetzung haben wir hier miterlebt – gerade samt der Kritik von Professor Joas!“

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