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Literatur
16.11.2021

Neuer Roman von Bodo Kirchhoff: Glücklos zwischen den Welten

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff gibt einen „Bericht zur Lage des Glücks“.
Foto: Arne Dedert, dpa (Archivbild)

Kirchhoffs Roman "Bericht zur Lage des Glücks" ist bedeutungsvoll aufgeladen. Nach 600 Seiten bleibt ein großes Rätsel. Trotzdem entwickelt das Buch einen unwiderstehlichen Sog.

Bodo Kirchhoff gehört zu den renommiertesten deutschen Autoren. Für seine Novelle „Widerfahrnis“ wurde er 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Nun also ein „Bericht zur Lage des Glücks“.

Wieder sind zwei Menschen unterwegs, nicht nach Süden wie in der ausgezeichneten Novelle, sondern gen Norden. Wieder sind es lange Autofahrten, bei denen sich zwei Menschen näherkommen. Ein älterer weißer Mann, vom Leben und der Liebe enttäuscht, und eine junge schwarze Migrantin voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Und wie in „Widerfahrnis“ widerfährt auch diesen beiden ungleichen Reisenden so einiges, was den Ich-Erzähler, aber auch die Lesenden überfordert.

Bodo Kirchhoff erzählt in "Bericht zur Lage des Glücks" aus der Perspektive eines ichbezogenen Mannes

Was will Kirchhoff mit diesem dicken Wälzer sagen, in dem alles aus der Perspektive eines namenlosen, ichbezogenen Mannes erzählt wird? In aller Ausführlichkeit und in oft verschachtelten, schwer lesbaren Sätzen. In einer bedeutungsvoll aufgeladenen Sprache, die vielleicht darauf hindeuten soll, dass der Erzähler Journalist bei einer Kirchenzeitung war. Desillusioniert zwar, aber immer noch geprägt von einer Art Sendungsbewusstsein.

Doch die Sprache und der Stil allein sind nicht das einzige Problem des Buchs. Die Geschichte ist ziemlich vertrackt: Der namenlose Erzähler gabelt auf einer Nostalgie-Reise durch Italien eine rätselhafte Afrikanerin auf. Die ebenfalls Namenlose ist aus ihrer afrikanischen Heimat geflüchtet und vertraut sich ihm und seinen Fahrkünsten an.

Da weiß der Journalist schon, dass es sich bei dieser Afrikanerin um die Frau handelt, von der es keine Fotos gibt. Denn statt der erwarteten Porträts sind aus unerfindlichen Gründen nur Szenen aus ihrem afrikanischen Dorf zu sehen. Ein gefundenes Fressen für den Boulevard, der mit den tollsten Geschichten über die Migrantin mit der „Figur einer Hochspringerin“ aufwartet. Auch der Erzähler macht sich zunächst Hoffnungen auf eine gute Geschichte. Doch während das ungleiche Gespann durch den italienischen Stiefel fährt, immer auf der Suche nach einem wenig vertrauenswürdigen Cousin der Frau, wird ihm die Fremde zur anbetungswürdigen Weggefährtin. Was ihn nicht daran hindert, den Verkauf ihrer Geschichte zu planen – mit dem erfolgreichen Fernsehreporter Cordes. Während der Fernsehmann skrupellos eine Sensationssendung machen möchte, bleibt der Erzähler nicht nur untätig, er verstummt – und sein Schützling ergreift die Flucht. Auf der Suche nach ihr kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Erzähler und dem frustrierten TV-Reporter, die für diesen tödlich endet. Denn der bislang so Untätige erschlägt den Gegner mit einem Stein. Die ganze Erzählung bis dahin ist derart mit Symbolen aufgeladen und mit Bibel-Zitaten gespickt, dass der Bezug zur Realität abhandenzukommen droht.

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"Bericht zur Lage des Glücks": Die Kindheitsfreundin reist ins selbstgewählte Exil nach

Und der Täter ist da längst schon im Herzen der Finsternis angekommen – in jenem Dorf, in dem er seine afrikanische Weggefährtin sucht. Den größten Teil der Geschichte hatte er nach seiner Flucht aus Italien seiner Kindheitsfreundin Maren erzählt. Und Maren, die an ihrer Kirche verzweifelnde Pfarrerin, reist ihm nach ins selbst gewählte Exil. Mit ihr kommt es zu jenen Liebesszenen, von denen er mit der Afrikanerin nur träumen konnte. Doch auch Maren verlässt den Vereinsamten. Am Ende kehrt der Mann zurück in seine Stadt. Er will nun doch Lydia beistehen, die vor seiner Reise nach Afrika auf dem Weg zu ihm verunglückt ist. Doch da ist schon ein anderer. Der Liebesreigen ist vorbei.

Was bleibt, ist ein großes Rätsel – und das nach über 600 Seiten, in denen Themen wie Rassismus, Tabus, Flucht und Traumata abgehandelt werden. Dieser „Bericht zur Lage des Glücks“ handelt von dessen Unmöglichkeit. Für diese Erkenntnis müssen sich die Lesenden durch ausufernde, selbstgefällige Satzkaskaden kämpften und sich bei manchen Szenen auf der Italienfahrt fremdschämen. Weglegen kommt freilich auch nicht infrage, denn trotz allem entwickelt diese so verschachtelte und auch verkünstelte Erzählung einen eigenartigen Sog.

Bodo Kirchhoff. Bericht zur Lage des Glücks, Frankfurter Verlagsanstalt, 603 S., 28 Euro

Hören Sie sich dazu auch unseren Podcast mit Buchblogger Marius Müller an:

 

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