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Salzburger Festspiele

18.08.2017

„Lulu“ bei den Salzburger Festspielen: Scheitern mit tollem Stoff  

Ariane Labed , Anna Drexler  und Fritzi Haberlandt (von links) in  Frank Wedekinds „Lulu“ auf der Perner Insel in Hallein.
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Ariane Labed , Anna Drexler  und Fritzi Haberlandt (von links) in  Frank Wedekinds „Lulu“ auf der Perner Insel in Hallein.
Bild: Barbara Gindl, dpa

Frank Wedekinds „Monstretragödie“ ist saftig, sinnlich, sexuell aufgeladen. Aber wer deshalb meint, es könne auf der Bühne nichts schief laufen, liegt falsch. Eine Premierenkritik.

Lulu ist so schön, dass den Männern das Blut in den Kopf schießt und sie ihr reihenweise aus der Hand fressen. Lulu will zum Anbeißen sein – und es wird angebissen. Malen lässt sich das Teufelsweib nur mit leicht geöffneten Lippen, welches Versprechen! Über sie lässt sich folglich ein interessantes Stück schreiben – und Frank Wedekind tat es als „Monstretragödie“ in zwei Teilen um 1900: Lulu, das hinreißende Tigerweibchen reißt Männer.

Aber ist das nicht auch eine (Alt-)Herren-Fantasie: Die Schlange, gegen die alle willenlos sind, die Schlange, der man sich hingeben muss, dieses Verhängnis, in das man wehrlos hineinrutscht – um dann dem süßen Tod anheimzufallen? Bedient Lulu nicht gerade den geheimen Wunsch der sexuellen Verfallenheit ohne verantwortlich zu sein? Wedekind stellt seine Lulu sehr wohl als Männermörderin dar – - und nimmt sie dennoch gleichzeitig als ein Opfer der Männer in Schutz. Hat sie doch – um der existenziellen Erhaltung Willen – von diesen gelernt, ja erfahren müssen, wie maskulines Interesse zum Kochen zu bringen ist. Nämlich mit ermunternden Avancen im Frühstadium und aufreizenden Verweigerungen im Fortgang. Dieser Mechanismus, das weiß Lulu aus Erfahrung, führt zum Ziel der beidseitigen Absichten.

Genug der desillusionierenden aber saftigen Praxis, wie sie ein jeder aus dem „Erdgeist“ und der „Büchse der Pandora“, diesen beiden „Lulu“-Teilen in Wedekinds Endfassung, auch geistesstimulierend herauslesen kann. Mit all den unabsehbaren Verwerfungen, den Metaphern, Doppeldeutigkeiten, Zwischentönen. Lassen wir das. Kommen wir zur grauen Theaterausdeutung, wie sie jetzt auf der Halleiner Perner-Insel bei den Salzburger Festspielen doch eher lähmt und quält. Darf das sein, dass das Nachlesen eines 208-seitigen Reclam-Textbuches neu fasziniert, das Nachspielen (der Urfassung) aber krampft? Ersteres darf sein, Letzteres bedeutet Beischlaf-Tragödie. Kommt vor, braucht aber keiner.

Zum zweiten Mal haben die Festspiele kein Glück mit einer Regisseurin

Woran lag’s, da doch der Stoff nicht im Geringsten als unsinnlich einzustufen ist? Zum zweiten Mal haben die Salzburger Festspiele 2017 kein Glück mit dem Theater-Debüt von renommierten Film-Regisseurinnen. Shirin Neshat setzte konventionell-steif die „Aida“ in den Wüsten-Sand, und nun treibt die Griechin Athina Rachel Tsangari dem erwartungsfrohen Zuschauer alle Lust aus, dem bösen Luststück „Lulu“ folgen zu wollen. Sie stilisiert, symbolisiert, distanziert.

Ja klar, wer nicht auf den Kopf gefallen ist, versteht, warum sie in dieser Sex- und Versorgungshatz die Figuren über weite Strecken unterkühlt, lakonisch, geschäftsmäßig den Text aufsagen lässt: Selbstreflexiv ist sich hier jeder selbst der nächste. Die Männer taxieren die Ware Frau; und Lulu schaut, wo sie selbst dabei bleibt.

Ja klar, wer nur einen Hauch Theatererfahrung mitbringt, begreift auch, warum Tsangari ihre Lulu in drei Figuren aufspaltet, die allerdings oft chorisch monoton sprechen und chorisch simultan agieren: Lulu hat mehrere Seiten, und ihre Männer, die ja alle nach und nach das Zeitliche segnen, projizieren in sie jeweilig ihre feuchten Träume hinein. Deswegen wird sie – schon bei Wedekind – Nellie gerufen vom Medizinalrat Goll, Eva vom Kunstmaler Schwarz und Mignon vom Chefredakteur Schöning. Das ist zu kapieren. (Es wäre überdies auch ausbaubar bis auf fünf Lulus.)

Salzburger Festspiele: Der Abend wird gleichsam entdramatisiert

Nur: Führen Unterkühlung und Lulu-Aufspaltung im Verlaufe des sich pausenlos zweistündig dehnenden Abends zu mehr als dem Zeichen eines Prinzips, dem Nachweis einer gedanklichen Analyse? Nein, das tun sie nicht. Stattdessen wird der Abend gleichsam entdramatisiert. Kaum (vorgespiegelte) Liebe, kaum ausbrechender Hass, aber viel Beziehungslosigkeit unter Weiblein und Männlein, die gerne wie Schachtelteufel plötzlich aus dem Bühnenboden springen. Und die stets unterlegte, zumeist trancehafte synthetische Musik tut ein Übriges zur Sedierung des Zuschauers. Das alles: artifiziell, elaboriert, ent- statt begeisternd. Wie gesagt: Vom Lesen hat man mehr. Wäre nicht das Bühnenbild von Florian Lösche, der immer wieder auf unterschiedlich große Ballons diverse Projektionen Lulus einblendet, würde auch diese Salzburger Neuproduktion nahe an den Komplettausfall hinkommen.

Das ist umso bedauerlicher, da namhafte Schauspieler rekrutiert worden waren, die aber nicht viel mehr als eine Mannschaftswertung verlangen können. Einzig Steven Scharf als Schöning gelang es, einen ansatzweise individuellen Charakter zu entwickeln. Daneben enttäuschte Fritzi Haberlandt (Gräfin Geschwitz) mit einem larmoyanten Schlussmonolog – sie, die in Wedekinds letztgültiger „Lulu“-Fassung um der Frauenrechte Willen Jura studieren will! Lulu, mehr passiv als aktiv: Anna Drexler, Isolda Dychauk, Ariane Labed. Rainer Bock als Schigolch/Goll: welche Verschleuderung dieser an sich möglichen Schauspiel-Kapazität!

Wesentlicher als die Buhs: dass so viele gar nicht klatschten und nur schnell raus wollten zum Veltliner.

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