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Nachdenken über die Zukunft
20.08.2018

Was wird der Mensch?

Ein Wesen aus dem Film „A.I. – Artificial Intelligence“, ein Wesen unserer Zukunft: ein Android gemacht für die Liebe, egal zu welchem Geschlecht.
Foto: Mauritius

Die Geschlechter „divers“, der Körper optimierbar und der Geist in Algorithmen les- und steuerbar: Gesellschaftliche und technische Entwicklungen stellen unsere Natur und unsere Würde infrage.

So sehr der Mensch die Welt vermeintlich beherrschen mag – der Raum seiner Sonderstellung wird enger. Einerseits ist durch Naturforschung der Abstand zwischen Mensch und Tier, der uns immer als besonders rational bestimmt hat, in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft (Stichwort: Willensfreiheit). Andererseits macht die uns gerade an Rationalität überlegene Sphäre der künstlichen Intelligenz immer größere Fortschritte, das natürliche Leben nachahmen und gestalten zu können. Bleibt dem Menschen: die Fantasie?

Dessen Schöpfungen haben immer schon dabei geholfen, wenn der Mensch versucht hat, sich auf die Zukunft gefasst zu machen. Und das muss ja nicht immer düster sein. Aktuell etwa sehr interessant ist, was sich die technisch versierte US-Autorin Annalee Newitz für ihren Roman „Autonom“ ausgedacht hat. Darin erzählt – lassen wir die enthaltene Thriller-Geschichte mal beiseite – ein hinreißend kluger, humorvoller und einfühlsamer Roboter davon, wie sich ein Mensch in ihn verliebt und sich das nur nicht einzugestehen traut, bis der Roboter versteht, dass er ein zu den Gefühlen passendes Geschlecht benötigt. So sind die Menschen: Wollen eigentlich alles kontrollieren, vor allem die ihnen womöglich überlegene künstliche Intelligenz, und bleiben dabei doch natürlichen Vorstellungen verhaftet. Putzig irgendwie, gefangen zwischen gestern und morgen.

Jeder Mensch soll ein Subjekt der Freiheit sein

Oder? Tatsächlich wankt das Bild des Menschen derzeit in gleich zwei Richtungen wesentlich. Denn was macht ihn seiner Selbstbeschreibung nach aus? Die Vorstellung von Würde, die jedem zukommen soll. Jeder Einzelne ist ein Ich, soll Subjekt der Freiheit sein; der Mensch soll nicht Mittel zum Zweck werden. Der Clou daran: Das Individuelle ist damit gerade das Allgemeine – dieses besondere Ich-Sein eint alle, und die eigene Freiheit steht damit in Bezug und Verantwortung zur Freiheit jedes anderen. Das meint die Würde, die Punkt eins des deutschen Grundgesetzes wie der allgemeinen Menschenrechte bildet.

Und damit zum ersten Wanken: dem zwischen einem „natürlichen“ und einem gesellschaftlichen Bild des Menschen. Offenkundig wird es derzeit im kürzlich amtlich festgeschriebenen dritten Geschlecht, festgelegt als eben nicht-festgelegt: „divers“. Wie auch definieren, wenn sogar das oft verwendete „LSBTTIQ“ für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und quer längst durch ein „*“ als Joker für weitere ergänzt wird. Bei Facebook etwa gibt es 60 Optionen bei der Auswahl des Geschlechts. Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung der Möglichkeiten für den Einzelnen zu bestimmen, wer und was er oder sie ist, nehmen immer weiter zu, und die Rechtslage passt sich den Gegebenheiten an, auch in Deutschland, wo seit vergangenem Jahr ja auch die Homo-Ehe möglich ist.

Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab es vielfältige Formen des Liebens

Das erzeugt Bedenken. Steht das nun nicht einer Natur des Menschen entgegen, die ihn als Mann und Frau bestimmt, damit daraus Vater und Mutter werden kann, um so den Fortbestand von Familie, Stamm und Spezies zu sichern? Und sollte eine Gesellschaft im Sinne ihrer Keimzelle Familie nicht zumindest darauf achten, deren unvergleichbare Wertigkeit zu betonen, auch, um die Identitätsfindung künftiger Generationen statt auf die Willkür aufs Wesentliche hin zu fokussieren? Geht auf dem Weg in die Zukunft durch zunehmende Geschlechtervielfalt nicht eine menschliche Grundordnung verloren?

Mal abgesehen davon, dass es im Lauf der Menschheitsgeschichte vielfältige Formen der Familie und des Liebens gegeben hat, dass Zwischenformen der Geschlechter längst dokumentiert sind – die Frage nach der Natur des Menschen ist ja gar keine historische, sondern eine nach seinem Wesen. Und das Wesen des Menschen ist kein geschlechtliches, sondern ein individuell definiertes. Darum liegt die Wahrung der Freiheit des Einzelnen im Interesse der Allgemeinheit. Wir werden uns vielfältiger verstehen und lieben – mit aller Würde.

Werden Menschen die Katzen der Roboter sein?

Das zweite Wanken des Menschenbildes löst der technische Fortschritt aus. Das ihm innewohnende Paradigma liest die Welt durch den Filter der Informationsverarbeitung. So werden mit Digitalisierung und Biotechnik auch immer mehr Schnittstellen zwischen Mensch und Computer möglich, Mischwesen aus beiden absehbar. Denn körperliche Beschränkungen können aufgehoben und Gehirnleistungen erweitert werden, weil Organisches wie Geistiges les-, übersetz- und damit veränderbar wird.

Nun muss man nicht zu den größten Skeptikern gehören, die langfristig die tatsächliche Selbstunterjochung des Menschen durch die künstliche Intelligenz und Roboter fürchten (FAS: „Werden wir ihre Katzen sein?“). Aber auch außer Acht gelassen, dass die nun plötzlich greifbare Umsetzung vieler großer Heilsversprechen zu einer Frage des Vermögens werden wird (der Autor Georg Klein: „ein Rattenrennen um die Unsterblichkeit“) – etwas Wesentliches des Menschseins droht hier verloren zu gehen.

Computer errechnen die Wahrscheinlichkeit für die Rückfälligkeit von Straftätern

Computer-Algorithmen lesen den Einzelnen anhand Daten möglichst vieler geschulter Filter und ordnen ihn damit ein. Das führte zum Beispiel bereits dazu, dass US-Richter von Programmen die Wahrscheinlichkeit für die Rückfälligkeit von Straftätern errechnet bekamen, und Schwarze deutlich schlechter abschnitten, weil die historischen Daten bei diesem „Typus“ eine höhere Zahl von Vergehen ergaben. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass, wer durch Daten die Welt versteht, auch nur Daten und Wahrscheinlichkeiten sieht. Keine Menschen, keine Freiheit, keine Würde. Das problematische Mischwesen ist also nicht das des Cyborgs, der eines Menschen mit Maschinenteilen, sondern das eines algorithmisierten Lebens. Das ließe keinen Platz mehr für Menschen.

Annalee Newitz: Autonom. Übs. Birgit Herden, Fischer, 352 S., 14,99 Euro

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