Newsticker
Pfizer kann nicht so viel Impfstoff liefern wie zugesagt
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Das Kistentoyferl in Dießen steckt voller Überraschungen

Dießen

22.12.2020

Das Kistentoyferl in Dießen steckt voller Überraschungen

Im Spielzeugladen Claudia von Seckendorff-Gonsior in Dießen ist keine Ecke ungenutzt.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Der kleine Spielzeugladen von Claudia von Seckendorff-Gonsior in Dießen ist vor allem in der Adventszeit ein Anziehungspunkt. Doch wegen Corona hat die Inhaberin ihre kleinen und großen Kunden in diesem Jahr oft vermisst.

Dieser Laden ist ein Schatzkästchen – wie das namensgebende Kistenteufelchen, das erst beim Öffnen des Schachteldeckels seine volle Pracht entfaltet. Denn kaum überschreitet man die Ladenschwelle, so quillt das verwinkelte, 30 Quadratmeter kleine Geschäft beim Untermüllerplatz über vor Spielsachen, Gesellschaftsspielen, Dekogegenständen und Kinderkleidung. So klein das „Kistentoyferl“ ist, so vielseitig ist es. Sein Name ist ein Wortspiel – zusammengesetzt aus der Bezeichnung für ein altes Kinderspielzeug, den Kistenteufel, der sich auch im Logo des Ladens wiederfindet, und dem englischen Wort für Spielzeug (toy). Seit zehn Jahren kaufen hier junge und ältere Menschen ein, die sich selbst oder anderen eine Freude machen wollen. Denn neben Spielwaren hält Claudia von Seckendorff-Gonsior jede Menge Geschenkideen bereit.

Zu den Kunden zählen auch viele Bewohner der Senioreneinrichtungen in der Marktgemeinde, die nicht nur für ihre Enkel hier einkaufen. 2019 war das Zahlenlegespiel Rummikub der Renner unter den Älteren, erzählt von Seckendorff-Gonsior. „Einer hat angefangen und steckte die anderen an“, sagt sie.

Gesellschaftsspiele erleben mit Corona ein Comeback

In Dießen habe sie sich sofort wohlgefühlt, sagt die Rheinländerin, die Menschen seien sehr offen. „Wir haben tolle Nachbarn und Kunden, die sich auch im Lockdown solidarisch zeigten.“ Seit dem Frühjahr erlebt sie, dass viele bewusst vor Ort kaufen. Auch Bestellungen lassen viele über die Spielwarenhändlerin laufen, anstatt online zu shoppen. Durch die Corona-Krise erlebten Gesellschaftsspiele ein Comeback, erzählt die Fachfrau.

Das Haus ermöglicht Wohnen und Arbeiten unter einem Dach. Der Laden geht über in eine holzvertäfelte Stube mit Eckbank, über der in der Vorweihnachtszeit ein Tannenbäumchen mit Blechspielzeugen hängt. Hier erledigt Claudia von Seckendorff-Gonsior die Büroarbeit. Beim Kauf des Hauses 2010 machte sie aus zuvor zwei winzigen Lädchen einen etwas größeren. Jede Ecke, jede Fläche ist ausgefüllt mit Regalen. In einer schmalen Nische im Durchgang beim Ladentisch verbergen sich Bücher, an der gegenüberliegenden Wand hängen Baby-Lederhosen aus weichem Stoff, die Claudia Seckendorff-Gonsiors Tochter näht. Vieles baumelt von der Decke, jede Möglichkeit zur Warenpräsentation ist genutzt. In der Vitrine im Eingangsbereich fahren sehr kleine Plüschtiere Kettenkarussell – auch im Lockdown.

"Unsere Urenkel werden keinen Spielzeugladen mehr kennen"

„Ich habe alles, was ein Kaufhof auch hat“, sagt die Spielwarenhändlerin, jedes Stück allerdings nur einmal. Größeres wie Trettraktoren oder „kleine Fahrrädchen“ bestellt sie. Klar sei aber: „Unsere Urenkel werden keinen Spielzeugladen mehr kennen.“ Die Margen für Händler seien zu gering.

Im Kistentoyferl kann man sich Stunden aufhalten, wenngleich nur wenige Kunden – coronabedingt nur einer – gleichzeitig im Laden Platz haben. Bis zum Lockdown im Dezember regulierte die „Kistentoyfelin“ den Zugang mittels einer Spielzeugampel vor dem Eingang.

Ein Ampelmännchen gewährte Eintritt oder nicht

Zeigte diese ein grünes Ampelmännchen, war der Zutritt erlaubt. Sah man das rote Ampelmännlein, war Geduld gefordert, bis der vorherige Kunde den Laden wieder verlassen hatte. „Ich bin auch Sozialberater und Beichtvater“, berichtet die Ladeninhaberin über die besondere Beziehung zu ihren Kunden und deren eigentümliche, freudige Stimmung. „Die Menschen wollen etwas verschenken, sie freuen sich“, sagt sie.

Spielzeug für die ganz Kleinen im "Kistentoyferl", dem Laden von Claudia von Seckendorff-Gonsior in Dießen.
Bild: Julian Leitenstorfer

Viele kämen wieder, um zu berichten, wie gut ihr Geschenk angekommen ist: „Ich bin jetzt die Lieblingstante.“ Ihr Geheimnis ist der „gewissensorientierte Verkauf“. Nicht der Umsatz, sondern das eigene Gewissen dient Claudia von Seckendorff-Gonsior als Maxime. Selbst wenn sie mit der ursprünglichen Vorstellung eines Kunden vielleicht mehr verdienen könne, berate sie altersentsprechend.

Ganz besonders haben es der Spielwarenhändlerin aber die Kinder angetan. Viele nette Begebenheiten gibt es, über die sie mittlerweile ein Buch schreiben könnte, sagt sie. Eine davon erlebte sie mit einem etwa fünf Jahre alten Jungen. Die Ladenglocke bimmelte, aus der rückwärtigen Stube kommend konnte Claudia von Seckendorff-Gonsior jedoch niemanden sehen, bis sich eine kleine Hand auf die Ladentheke schob und eine Kinderstimme ertönte, die sagte: „Ich hätte gern ein Beratungsgespräch.“ Der junge Mann suchte im Fachgeschäft ein Geschenk für seinen kleinen Bruder.

Von der Freude mit Kindern

Die Einkäufe verpackt die Geschäftsfrau mit viel Liebe als Geschenke. Dieser Service mit Herz kostet nichts zusätzlich. Die Kinder dürfen dabei helfen. „Es macht Spaß, mit Kindern zu tun zu haben“, sagt die dreifache Mutter, die mit ihren eigenen, längst erwachsenen Kindern immer gern spielte. Nun ist sie glücklich, dass sie wieder spielen darf – mit ihren fünf Enkeln. Ihr Lieblingsspielzeug aber ist nichts aus dem Sortiment, sondern ein kleiner Steiff-Teddy, den sie zum Kennenlernen von ihrem Mann bekam.

Lustige Handpuppen erfreuen vor allem kleinere Kinder.
Bild: Julian Leitenstorfer

Kurz vor Weihnachten musste Claudia von Seckendorff-Gonsior wie alle Einzelhändler ihren Laden schließen und bot ersatzweise Lieferservice an. Als Mikrobiologin hat sie Verständnis für den erneuten Lockdown: „Wir müssen uns solidarisch erweisen.“ Traurig fühle es sich dennoch an, denn durch das Corona-Jahr konnte schon die für Ostern, Halloween und Sankt Martin georderte Ware nicht verkauft werden. „Ich habe alles ausgezeichnet und dann ins Lager gestellt“, bedauert sie. Auch viele weihnachtliche Kleinigkeiten wie Baumhänger, Servietten oder Tassen blieben liegen. Im Vorweihnachtsgeschäft zeichneten sich jedoch wieder die Klassiker ab: Lego für Jungs, Puppen für Mädchen. Beklemmend findet die Geschäftsfrau auch als rheinische Frohnatur die momentane Stimmung. „Man hört kein Kinderlachen auf der Straße“, bedauert sie.

In Köln stieg sie in die Spielwaren-Branche ein

Als ihr jüngster, jetzt 24-jähriger Sohn zur Schule ging, wollte von Seckendorff-Gonsior wieder arbeiten. Die Rückkehr in den ursprünglichen Beruf war in Teilzeit nicht möglich, doch durch einen glücklichen Zufall konnte sie zusammen mit ihrer Schwester einen Spielwarenladen in Köln übernehmen. Die beiden Frauen führten ihn so erfolgreich, dass sie ihn sogar vergrößern konnten. „Die beste Erfahrung, die man haben kann, ist drei Kinder groß zu ziehen“, sagt die inzwischen fünffache Großmutter.

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren