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Lesung

09.10.2012

Die Frau hinter dem Fenster

Helbert Häberlin las aus Fuentes’ „Unheimliche Gesellschaft“.
Bild: Löbhard

Helbert Häberlin beim Schondorfer Kreis im Studio Rose

Schondorf Blaue Stunde im Studio Rose – eine Stimmung wie geschaffen für die surreale Erzählung, die Helbert Häberlin bei der jüngsten Veranstaltung der vom Schondorfer Kreis ins Leben gerufenen Reihe da vortrug. Der bekannte Landsberger Sprecher hatte aus dem Buch „Unheimliche Gesellschaft“ von Carlos Fuentes „Der Theaterliebhaber“ ausgesucht, die wohl subtilste der sechs darin zusammengefassten Erzählungen. Und sie passte mit ihren Andeutungen, Vermutungen, Fantastereien so gut in die draußen beginnende Dämmerung, die sich an dem Abend als wahrhaft „blaue Stunde“ erwies.

Der Theaterliebhaber ist ein in London einsam vor sich hin lebender Mexikaner, der einer geradezu abgöttischen Liebe für das Theater erliegt. „Weil im Theater keine Aufführung der anderen gleicht“, erklärt er und philosophiert dazu assoziativ über den Film und die menschliche Haut, Begriffe, die im Spanischen den gleichen Wortstamm haben: „película“ und „piel“. Beide, der illusionäre Film und die verletzliche Haut, würden unsere Vergänglichkeit verbergen, was ihnen allerdings nie lang gelinge. Alles geht seinen gewohnten Gang – bis im Haus gegenüber eine unbekannte Schöne einzieht.

Die Geschichte, bis hierher von Häberlin ruhig dahinfließend, mit leicht rauer Stimme vorgetragen, nimmt eine Wendung. Die Gedanken des einsamen Mexikaners beginnen mehr und mehr um diese Frau zu kreisen, die er hinter ihrem Fenster hin und her gehen sieht. Mit zunehmender Verstrickung entfernt sich der Protagonist von der realen Welt, schleicht sich beim Zuhörer ein Gefühl des Unheimlichen ein. Helbert Häberlins Vortrag wird lebendig, die unwirklichen Andeutungen und wirren Vorstellungen des Theaterliebhabers beginnen, sich im Raum breit zu machen, dreidimensional zu werden.

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Die größte Raffinesse hat sich Fuentes für das Ende der Erzählung aufgehoben. Häberlin hat das – natürlich – erkannt und lässt die Zuhörer in der kleinen Runde im Studio Rose sinnierend und miteinander ins Gespräch kommend zurück.

Das Buch „Unheimliche Gesellschaft“ von Carlos Fuentes (1928 – 2012) ist 2004 auf Spanisch erschienen und wurde 2006 vom Fischer Verlag auf Deutsch veröffentlicht.

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