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Lesung

19.02.2015

Lebensblume und neue Dimension

Liebeslyrik zum Valentinstag rezitierten Mirjam Kendler und Helbert Häberlin im Landsberger Stadttheater.
Bild: Julian Leitenstorfer

Celan-Rezitationsabend mit Helbert Häberlin und Mirjam Kendler

Clair de Lune – nicht der französische Komponist Claude Debussy stand im Zentrum der so betitelten Lesung von Helbert Häberlin und Schauspielerin Mirjam Kendler im gut besuchten Landsberger Stadttheater. Der berühmte dritte Satz aus Debussys Suite bergamasque war vielmehr eines der Stücke, mit denen Milana Chernyavska am Flügel und Alexander Moshnenko, Bratsche, musikalisch aufnahmen, was die beiden Rezitatoren im losen Wechsel einem aufmerksam folgenden Publikum präsentierten: Liebesgedichte, darunter auch ,,Clair de Lune“, von Paul Celan und ausgewählte Briefe der Jahre 1951/52 und 1954/55 des Künstlerehepaars Paul Celan - Gisèle Celan-Lestrange.

Einen literarischen Abend, bei dem die Musik Teil des gestalterischen Gesamtkonzepts und nicht nur dekorative Umrahmung sei, kündigte Theaterleiter Florian Werner an, und Privatdozent Dr. Markus May von der LMU München übernahm es, in einem kurzen einleitenden Vortrag auf die beiden Protagonisten hinzuführen: Lestrange, die begabte Kunststudentin, behütete Tochter aus einem alten französischen Adelsgeschlecht und katholisch erzogen, Celan, der sieben Jahre ältere Mann, an der Schwelle zu erstem dichterischen Ruhm, osteuropäischer Jude, dem Holocaust nur knapp entronnen – „eine Beziehung voller Asymmetrien“, wie May es zusammenfasste.

Den ersten Brief liest Mirjam Kendler. Gefasst, unaufgeregt bringt sie mit klarer Stimme innere Gewissheit zum Ausdruck. Hinter noch geschlossenem Vorhang findet eine junge Frau berührende Worte, um ihrem Geliebten zu beschreiben, wie prägend und lebensbestimmend die Begegnung mit ihm vom ersten Moment an für sie war: Gisèle Lestrange, die Grafikerin, schafft dafür das Bild der „Lebensblume“, die der Dichter Paul Celan bereits in ihr geschaffen habe, und er, im ruhigen, einfühlsamen Vortrag Helbert Häberlins, gesteht ihr, dass durch sie seine Welt eine neue Dimension gefunden habe, eine „neue Koordinate, die ihr zu gewähren ich mich nicht mehr durchringen konnte, dass sie nicht mehr diese unerbittliche Einsamkeit ist, die mich fortwährend dazu zwang, niederzureißen, was sich vor mir auftürmte, verbissen über mich selber herzufallen.“ Dass ihn auch die Liebe seiner Frau letztendlich nicht davor bewahren konnte, genau das doch zu tun, bleibt an diesem Abend unerwähnt: Am 20. April 1970 beging der unter schweren Depressionen leidende Dichter Selbstmord.

Es folgen im gut zweistündigen Programm Briefe, deren Inhalt im Wesentlichen in Liebesbeteuerungen und Berichten Celans an seine Frau von seinen Arbeitsreisen nach Deutschland besteht. Sie alle stammen aus der frühen Zeit des Kennenlernens beziehungsweise der Familien- und Existenzgründungsphase. Überraschend datieren die ausgewählten Liebesgedichte Paul Celans allesamt entweder früher oder bedeutend später und sind insofern wohl eher im Zusammenhang mit dem Liebesverhältnis zu sehen, das ihn mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann verband.

Im Zeichen der Liebe stand dieser Rezitationsabend, und wohl dem Valentinstag war es geschuldet, dass Missklänge vermieden wurden. Die Auswahl der Briefe ergab das stimmige Bild eines jungen, unbelasteten Liebesglücks. Doch stimmt das? Angesichts des heftigen Widerstands, den Gisèle Lestranges Familie ihrer Verbindung mit Celan entgegenbrachte, und auch des Ringens des schwer vorbelasteten Dichters um bloße „Lebensfähigkeit“, ist fraglich, ob sich gerade dieses Paar für die Gestaltung eines Programms zum Valentinstag eignet.

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