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20.07.2010

Menschenbilder: Vom Einzug der Bischöfe

Vor dem Exerzitienhaus in St. Ottilien ist die Installation "Einzug der Bischöfe" von Andreas Kuhnlein zu sehen. Die Spannung der zwölf überlebensgroßen Figuren resultiert aus ihrer uniformen Haltung und ihren individuellen, vom Leben gezeichneten Gesichtern. Foto: Gudrun Szczepanek
Bild: Gudrun Szczepanek

St.Ottilien Man kann sich kaum einen sinnlicheren und interessanteren Ort für die "Menschenbilder" von Andreas Kuhnlein vorstellen als das Kloster St. Ottilien. Im Garten vor dem großen Exerzitienhaus steht derzeit eine Parade von zwölf hölzernen Bischöfen. Sie blicken in Richtung Exerzitienhaus oder vielmehr auf einen mächtigen hölzernen Thron, mit dem eine dunkle Gestalt fest verwachsen ist. Doch wer ist die Gestalt, die so geschunden und zerklüftet in dem schweren Thron kauert?

Der Titel der Installation "Einzug der Bischöfe" gibt auf diese Frage keine Antwort. Vielmehr möchte der Bildhauer die Betrachter zu Diskussionen und Fragen anregen. Und Fragen stellen sich angesichts der Gestalt mit dem flammenden Kopf jede Menge. Das massige, schwarz geflämmte Holz, das dick mit Leinöl getränkt wurde, wirkt unverrückbar und für die Ewigkeit bestimmt. Passend dazu erscheinen die Bischöfe als aufrechte Stelen, deren Holzkorpus jedoch mitunter kräftig gespalten ist.

Glatt geschnitten sind auch die Mitren, die zur "Uniform" gehören. Lediglich die mehr oder weniger zerklüfteten Gesichter zeigen menschliche Antlitze von sehr unterschiedlichem Ausdruck, der sich je nach Blickwinkel verändert. Die Uneindeutigkeit und Widersprüchlichkeit ist charakteristisch für die Arbeiten von Andreas Kuhnlein. Ja, sie ist gewollt, spiegelt sie doch die Zerrissenheit im wirklichen Leben wider. So symbolisiert der Thron selbstverständlich Macht, doch zugleich zeigt er ihre Vergänglichkeit. Die zwölf Bischöfe mit den Mitren treten in dieser strengen, statuarischen Formation als starre Institution in Erscheinung. Doch die Gesichter jeder der Figuren sind individuell gestaltet und geben so auch einen menschlichen und höchst privaten Eindruck.

Dialog mit den Köpfen und Figuren

Menschenbilder: Vom Einzug der Bischöfe

Unweigerlich tritt der Betrachter in Dialog mit den Köpfen und Figuren. Im Foyer des Exerzitienhauses kommt uns eine Frau entgegen. Auch ihre Gestalt und Physiognomie ist zerklüftet, und doch erscheint sie in ihrer Unnahbarkeit ganz lebensnah und bekannt. Den Kopf zur Seite gewendet, ihre rechte Hand an den Riemen einer Umhängetasche geklammert, schreitet sie vorbei.

Lediglich der Sockel, ein hölzerner Baumstamm, hindert sie am Weglaufen. Im 1. Stock erwarten den Besucher auf der Fensterseite drei Köpfe, von denen der mittlere durch die schroff gesägte Dornenkrone als Christus identifiziert werden kann. Rechts davon verrät der Titel "Ich weiß, dass ich nichts weiß" den Philosophen Sokrates und links ist ein Imperator dargestellt. Die drei Köpfte symbolisieren die weltliche, die geistliche und die geistige Macht.

Die zerklüfteten Oberflächen, die ein bewegtes Spiel von Licht und Schatten erzeugen, können ambivalent betrachtet werden. Einerseits strahlen die Figuren eine erschreckende Brutalität aus, doch zugleich wirken die geschundenen Oberflächen verletzbar und zerbrechlich. Thematisiert wird also auch die Vergänglichkeit, die jedem Leben auferlegt ist. Den Köpfen gegenüber ist eine kleine Gruppe aufgebaut, die Kuhnlein als "Bedrohte Familie" bezeichnet. Im Kontext des Klosters drängt sich die Ikonographie der "Heiligen Familie" auf. Doch diese hölzerne Familie hier ist völlig irdisch. Betrachtet man die Haltung der Eltern und das im Holz gespaltene Kind, so lässt sich ihre Zukunft bereits erahnen. Die "Menschenbilder" von Andreas Kuhnlein verraten seine intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz in all ihren Widersprüchen. Sein Lebensweg führte den 1953 geborenen Chiemgauer nach einer Schreinerlehre für nahezu neun Jahre zum Bundesgrenzschutz. Die Begegnungen mit Anti-Atomkraft-Demonstranten, mit deren Idealen er durchaus sympathisierte, bescherten ihm, der beruflich auf der anderen Seite stand, lebensbedrohliche Erfahrungen. Wut, Hass und unmenschliche Reaktionen bewegten ihn, diesen Weg aufzugeben. Seit 1983 arbeitet er als Bildhauer zunächst gegenständlich, später dann abstrahierend und expressiv. 1997 entstand mit dem "Großinquisitor" die erste Skulptur, deren Oberfläche mit der Kettensäge tief zerklüftet wurde.

Werke Die Ausstellung "Menschenbilder" ist im Eingangsbereich und im 1. Stock des Exerzitienhauses in St. Ottilien tagsüber bis zum 29.Oktober zu sehen. Die Skulpturen im Außenbereich sind permanent zugänglich. Zur Ausstellung erscheint ein Flyer, der die Stationen der Ausstellung wiedergibt.

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