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19.06.2009

Witzig, überraschend - Goethe einmal anders

Landsberg Kann Goethes Faust witzig sein? Unter Umständen ja. Das zeigte das Stück "Gretchen 89 ff." von Lutz Hübner in der Inszenierung der landsberger bühne im Stadttheater. Die Komödie beleuchtet die unterschiedlichsten Sicht- und Herangehensweisen an Gretchens berühmte "Kästchenszene", und dies auf äußerst amüsante und unterhaltsame Weise.

"Die Kästchenszene - die ist doch abgefrühstückt!" - blafft Diedke Lichtenstern in der Rolle der frustrierten, nicht ganz reüssierten Schauspielerin. Doch auf wie vielfältige Weise man diese Szene interpretieren kann, beweisen die über 20 Schauspieler in zehn kurzweiligen Zweier-Szenen. Da trifft die naive, kokette Jungdarstellerin (Edelgard Dörre) auf den abgeklärten, modernistischen Regisseur (Harald Dollinger), und der demontiert den Text erst mal bis zur Unkenntlichkeit. So heißt es im Originaltext: "Es ist so schwül, so dumpfig hie, und eben doch so warm nicht drauß'; es wird mir so - ich weiß nicht wie, ich wollt', die Mutter käm' nach Haus". Zu ihrem kaum unterdrückten Zorn muss die Schauspielerin am Ende sagen: "Schwül ist es - irgendwie. Und Mutter ist nicht da. Wir armen!" Und so witzig, überraschend und amüsant geht es weiter. Daniela Lang erntet als Gretchen-Darstellerin zahlreiche Lacher mit ihren ständigen Kniefall-Einlagen, Atem- und Stimmübungen und ihrem überdrehten Aktionismus, Gabriel Raum gibt passend den Gegenpart als genervter Regisseur.

Urkomische Diva

Sabine Kittel hat einen urkomischen Auftritt als dominante Diva, die dem eingeschüchterten Regisseur (Mike Bischof) erst einmal zeigt, wo es lang geht. Sepp Wörsching als alternder Regisseur textet seine Gretchen-Darstellerin (Beatrice Ball) so lange mit seinen Theatergeschichten von anno dazumal zu, bis sich beide - sie erbost, er ohne es zu merken - ein Sprechduell liefern, und "Gretchen" muss als Unterlegene das Handtuch werfen. Höhepunkt der Inszenierung ist sicher die Szene mit Harald Dollinger als sexbesessenem Regisseur in schwarzer Lackhose und Eva Reidl als Gretchen-Darstellerin. "Goethe war total versaut, den hat doch bloß die Literaturwissenschaft kastriert", röhrt Dollinger, und das zu Anfang empörte Gretchen macht ihn am Ende mit Sado-Maso-Spielzeug zur Minna. Alle Szenen sind glänzend besetzt, jede ist ganz anders als die vorhergehende, der Zuschauer wird überrascht, amüsiert und unterhalten. Das große Bindeglied zwischen den Szenen bildet der Mephisto-artige Conférencier (Matthias Spandl) mit seinen anspruchsvollen und hintergründigen Texten (Texte und Regie: Florian Werner), die Passagen aus dem restlichen Faust aufgreifen. Elegant leitet er über, ruft die Musen an, reflektiert die Szenen oder kündigt Charaktere an. Ein verlorenes Gretchen (Jarah Maria Schmid) versucht zwischen den Szenen, zwischen Bühne und Zuschauerraum, die "Wahrheit" der Kästchenszene zu entdecken - ein Ding der Unmöglichkeit. Der landsberger bühne ist es mit "Gretchen 89 ff." gelungen, ein Stück zu finden, das perfekt auf die Truppe zugeschnitten ist. Die Inszenierung von Sabine Kittel, Franz Krauß und Florian Werner überzeugt durch Tempo, Witz und Gespür für die Charaktere. Goethe einmal anders!

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