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Maria Ward

26.03.2015

Die neue Lust aufs Lernen

Alles, was die Schülerinnen wie hier Paula Heckelmüller selbst erarbeiten, heften sie in einem Ordner ab, den später der Lehrer bewertet.
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Alles, was die Schülerinnen wie hier Paula Heckelmüller selbst erarbeiten, heften sie in einem Ordner ab, den später der Lehrer bewertet.

An der Mindelheimer Realschule werden Fünftklässler auch am Nachmittag unterrichtet. Warum das den Kindern so gut gefällt

Die Schule hat begonnen, und Anna strahlt. Die Elfjährige aus Warmisried besucht die fünfte Klasse der Maria-Ward-Realschule. Es ist nicht irgendeine fünfte Klasse. Anna geht mit 20 weiteren Mädchen in die „gebundene Ganztagesschule“, die es seit gut einem halben Jahr an der Schule gibt. In „normalen“ Klassen werden meist über 30 Schülerinnen unterrichtet.

Oft sind beide Eltern berufstätig und deshalb sehr froh, wenn die Kinder auch nachmittags gut versorgt sind. Um 8 Uhr fängt der Unterricht an, um 16 Uhr ist Schluss. Nur freitags endet die Schule um 12.45 Uhr.

Die Hausaufgaben sind dann bereits geschafft. Trotz des langen Schultages gefällt Anna Katharina Reitebuch diese Form des Unterrichts richtig gut, viel besser, als wäre schon um 13 Uhr Schulaus. Da ist sie sich mit ihrer Freundin Lucia Maria Stache aus Unteregg einig. „Die Woche vergeht viel schneller“, sagt Anna. Und Lucia findet, der Nachmittag eile dahin wie im Flug. Was machen die bei Maria Ward anders?

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Erste Stunde, es ist kurz nach 8 Uhr an diesem Freitag. Anna und Lucia ziehen sich in ein Nebenzimmer zurück. Sie müssen dazu niemanden fragen. Jedes der 21 Mädchen der Ganztagesklasse hat die freie Wahl zwischen zwei Klassenzimmern. Wer es lieber etwas stiller mag, geht in den Nebenraum. Die anderen bleiben im eigentlichen Klassenzimmer. Den Lehrer brauchen sie dazu nicht fragen. Die beiden Mädchen wissen genau, was zu tun ist. In dieser Stunde steht Freiarbeit an, und da dürfen die Kinder lernen, wozu sie gerade Lust haben.

Jedenfalls gilt das im Großen und Ganzen. Jede Schülerin kann selbst festlegen, mit welchen Stoff sie sich an einem bestimmten Tag beschäftigen will. Machen müssen alle aber irgendwann alles.

Biologielehrer Thomas Hertel ist in dieser ersten Stunde bei den Kindern. Er geht von Tisch zu Tisch und steht für Fragen bereit. Einen Frontalunterricht gibt es in dieser Stunde nicht. Der kommt in der dritten Stunde mit Lehrerin Jana Feistel. Sie unterrichtet Mathematik. Da sitzen alle Mädchen auf ihren Plätzen und lösen zuerst gemeinsam eine Rechenaufgabe, die an der Tafel steht.

Im zweiten Teil ihrer Stunde dürfen die Mädchen kreativ werden. Feistel verteilt an jedes Kind ein Arbeitsblatt mit einer Schlange drauf, auf der wiederum zehn Rechenaufgaben stehen. Die Kinder dürfen eine Aufgabe nach der nächsten wegschneiden und sollen sehen, wie weit sie kommen.

Die Stunde hat kaum angefangen, da ist sie schon vorbei. Am Ende gibt es leichten Protest. Die meisten Kinder hätten gerne weitergerechnet, so viel Spaß macht ihnen Mathematik. Aber jetzt ist erst einmal Pause.

Zurück zur ersten Stunde, der Freiarbeit. Jedes Mädchen holt sich einen Holzkasten aus dem Regal, in dem Lernmaterialien bereitliegen. Die Lehrkräfte an der Schule haben das Material selbst zusammengetragen und sich weitergebildet. Das hat einiges an Mehrarbeit verlangt. Freiarbeit nach Maria Montessori will gelernt sein. Auch ein anderer Reformpädagoge, Peter Petersen, liefert wertvolle Anregungen.

Die Kinder füllen Arbeitsblätter aus und heften sie danach in einen sauber geführten Ordner. Die Lehrer schauen sich die Ergebnisse regelmäßig an und bewerten sie. Thomas Hertel findet, dass vor allem die Schwächeren von den Stärkeren lernen. Und die Besten erhalten Zusatzaufgaben.

Wie der Freiarbeitsordner geführt ist, darauf gibt es Noten. „Die Kinder sollen ihre Arbeit organisieren“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Sibylle Gerner. Vor allem aber sollen sie angstfrei in die Schule kommen. Deshalb werden auch alle Proben vorher angesagt.

Und noch etwas ist anders. Das zeigt sich in der zweiten Stunde. Waltraud Stendel tritt vor die Kinder und unterrichtet Erdkunde. Diesmal aber sind es vor allem die Mädchen, die die Schulstunde gestalten. Die Elfjährigen halten Referate, immer in kleinen Gruppen gemeinsam.

Ihr Thema heute: Pygmäen, Aborigines und Tschuktschen - Urvölker aus Afrika, Australien und Sibirien. Die Mädchen haben viel Arbeit investiert und bunte Plakate gestaltet. Von der Lehrerin gibt es dickes Lob. Rhythmisierter Unterricht sagen die Fachleute zu diesem Wechsel von freier Stillarbeit und Fachunterricht.

Montags beginnt die Woche mit einem Morgenkreis, in dem die Kinder über Konflikte reden und wie sie diese lösen. Hier geht es um die Vermittlung von christlichen Werten, was der Schule, die zum Schulwerk der Diözese Augsburg gehört, wichtig ist. Diese Werteerziehung steht im sogenannten Marchtaler Plan ganz weit oben.

Vorreiter für diese Form des Unterrichts an kirchlichen Schulen war die Diözese Rottenburg. In Bayerisch-Schwaben gehört Maria Ward in Mindelheim zu den wenigen kirchlichen Schulen, die bisher eine Ganztagesklasse eingerichtet haben.

Die Realschule will das Konzept weiterführen und jedes Jahr eine weitere Klasse zu Ganztagesklasse ausbauen. Allerdings wird dann eine Mensa benötigt. Derzeit essen die Kinder bei Kolping. Weil sie dazu in die Altstadt laufen müssen, ist die Zeit bis zum Nachmittagsunterricht oft sehr knapp.

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