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Ettringen

05.01.2020

Ettringer Kommunalpolitik statt Kaffeeklatsch

Dieses Jahr wird Elli Schmid in den wohlverdienten Ruhestand wechseln. Ihre Leidenschaft für Kommunalpolitik geht die Siebnacherin dann aber weiterhin nach, das ist gesetzt.
Bild: Regine Pätz

Plus Elli Schmid besucht jede Gemeinderatssitzung in Ettringen. Sie findet, dass sich zu wenige Bürger für die Belange der Gemeinde interessieren.

Wenn die Ettringer Gemeinderäte im Turnus von etwa sechs Wochen zur Sitzung im Mehrzweckraum der Mittelschule zusammenkommen, haben nicht nur das 15-köpfige Gremium, Bürgermeister Robert Sturm und Geschäftsführer Karl-Heinz Müller einen festen Platz am Ratstisch. Auch Elli Schmid nimmt dann, wenn man so will, ihren „festen Platz“ dort ein.

Die Sitzungstermine des Ettringer Gemeinderates sind fix in ihrem Kalender

Zu finden ist die agile Siebnacherin dann natürlich nicht am Ratstisch selbst; sie lässt sich vielmehr auf einem der Zuschauerstühle nieder und beobachtet das Geschehen von dort, aus nächster Nähe. Bemerkenswert dabei ist die Tatsache, dass Elli Schmid das nicht nur macht, wenn etwas auf der Tagesordnung zu finden ist, das sie selbst betrifft; etwa in Form eines Bauantrages.

Nein, die Siebnacherin ist so gut wie an jedem Sitzungstag in Ettringen anzutreffen - und das seit zwei Legislaturperioden. „Die Sitzungstage sind einfach ein fester Termin in meinem Kalender“, sagt sie. „Andere gehen zum Stammtisch oder zum Sport, ich gehe eben zur Gemeinderatssitzung.“

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Eine gewisse berufliche Vorbelastung bringt Elli Schmid mit, das verrät die Siebnacherin im Gespräch. Viele Jahre ist sie schon am Landratsamt Unterallgäu beschäftigt, in jungen Jahren hat sie dafür eine klassische Beamtenlaufbahn absolviert. Jetzt steht der Ruhestand quasi schon sichtbar vor der Tür - die Leidenschaft für kommunale Abläufe, für Politik generell, die wird bleiben. Da ist sich Elli Schmid sicher.

Zu spannend findet es die Mutter zweier längst erwachsener Kinder, wenn man den Lokalpolitikern quasi „auf den Mund“ sehen kann. „Wie sonst kann ich mir ein Bild von den gewählten Ratsmitgliedern machen, wenn nicht im Rahmen öffentlicher Sitzungen“, ist sie überzeugt. Sehr schade findet sie es deshalb, dass nicht mehr Bürger dieses Instrument der direkten Information nutzen. Denn überwiegend bleiben die Zuschauerränge leer, sagt Elli Schmid.

Bis auf wenige Ausnahmen. Mittlerweile hat die Siebnacherin einen Mitstreiter. Auch er besucht seit längerem regelmäßig alle Sitzungen - und fühle sich fast schon mit Elli Schmid verbunden, wie sie lachend bestätigt. Wenn ihr Auto nicht vor der Tür stehe, fahre er wieder nach Hause, habe er ihr einmal verraten. Beide tauschen sich vor und nach den Sitzungsabenden kurz aus.

Wie Elli Schmid wird auch er zu Beginn jeder Sitzung von Bürgermeister Robert Sturm namentlich begrüßt. Aus Anlass eines runden Geburtstages des Geschäftsführers vor geraumer Zeit hatten beide denn auch ein Gläschen Sekt bekommen. Eine Geste, die Elli Schmid schön fand. Dennoch, so betont sie, steht ihre persönliche Meinungsbildung im Vordergrund.

Das ist das eigentliche Motiv, das sie zu allen Sitzungen kommen lässt. „Meinungen haben die Bürger viele“, sagt sie, „sich dann über Fakten oder Hintergründe zu informieren, da hört das Interesse meist wieder auf“. Das findet Elli Schmid schade.

Ihr Interesse für die Ettringer Kommunalpolitik stößt manchmal auf Unverständnis und Verwunderung

In ihrem eigenen Umfeld stößt die Siebnacherin ob ihrer Leidenschaft für Kommunalpolitik eher auf Verwunderung, manchmal auch auf Kopfschütteln.

Wenn sie sich an den Sitzungsabenden auf den Weg nach Ettringen macht, bleibt auch Ehemann Theo zu Hause. Dennoch schätzt er ihr Engagement, nimmt die Abende ohne Frau „ganz locker auf“, lacht Elli Schmid. Ist etwas Interessantes vorgefallen, kann sie ihm ja, sozusagen, am gleichen Tag aus erster Hand berichten. Und ein wenig genießt die Siebnacherin auch, alleine dort hinzugehen. „Es ist mir kostbar geworden“, sagt sie, diese selbst gewählte Aufgabe, die ihren persönlichen Interessen entspricht. Eine Rücksichtnahme auf die Belange der Familie, des Ehemannes, die falle so für eine kurze Zeit einfach weg. „Ich bin kein Vereinsmensch“, sagt sie. Den Freiraum, den sie sich durch die Sitzungsbesuche schaffe, den brauche sie einfach.

Konkret verfolgt die Siebnacherin auch Politik auf Bundesebene. Würde man sie um Rat fragen, würde Elli Schmid eines ganz klar benennen. „Es müsste mehr Wahrheit in den politischen Alltag einziehen“, ist sie überzeugt. „Auch wenn das unpopulär geworden ist.“

Die Bürger zufrieden zu halten, das sei nicht Sinn der Sache. Auch aus diesem Aspekt heraus kann sie ihre Gemeinderatssitzungsbesuche rechtfertigen. Anders als in Berlin gehe es auf dieser Ebene noch etwas transparenter, eben direkter zu, sagt sie.

Ob sie sich selbst ein Mandat hätte vorstellen können? Da wird Elli Schmid ein wenig still, überlegt. „Ja, vor sechs bis zehn Jahren hätte ich mir eine Kandidatur durchaus zugetraut“, bestätigt sie. Jetzt sei sie dafür zu alt.

Eine Erkrankung ihres Mannes, dazu die Betreuung zweier damals kleiner Kinder, „das wäre nicht gegangen“, bedauert sie. Dennoch - wäre jemand auf sie zugekommen, hätte sie auf die Wahlliste gesetzt, „dann vielleicht schon“.

Zu einer Kandidatur für den Ettringer Gemeinderat kam es nicht

Noch heute wirkt es für Elli Schmid ein wenig befremdlich, wie um manche potenziellen Kandidaten seitens der Parteien vor Ort regelrecht gebuhlt worden war. Aus ihrer Leidenschaft für Politik hatte sie nie einen Hehl gemacht, Fachwissen hätte sie allein beruflich schon mitgebracht. Doch Anfragen habe es nie gegeben. „Es hatte nicht sein sollen“, fasst Elli Schmid zusammen.

Verbittert darüber ist sie nicht. Eher eine Art Wehmut glaubt man zu erkennen, wenn die Siebnacherin den Blick nach innen wirft und ihren kommunalpolitischen Weg Revue passieren lässt. Der nun zwar passiv bleibt, aber nicht minder spannend. Noch heute schwärmt sie vom Besuch des Bayerischen Landtags. Auf Einladung Franz Josef Pschierers war sie mit einer Gruppe nach München gekommen, hatte so an einer öffentlichen Sitzung teilnehmen können.

Die große Politik ist nun auf kommunaler Ebene nicht unbedingt zu beobachten. Und dennoch, Elli Schmid wird weiterhin zu den Sitzungen in der Ettringer Mittelschule kommen. Nicht immer lohne sich der Besuch, „aber dann gibt es wieder spannende Einblicke“, sagt sie. Wie lange wird sie noch kommen? „So Gott will“, lächelt sie.

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