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Ausbildung im Unterallgäu

05.09.2016

Manchmal ist sie mehr Diplomatin als Försterin

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2 Bilder
Die künftige Försterin Astrid Schneider und ihre beiden wichtigsten Arbeitsmittel: das Auto und ihre Deutsch-Langhaar-Hündin Iska.
Bild: Anika Zidar

Astrid Schneider will jüngste Försterin Bayerns werden. Vier Monate hat sie im Unterallgäu gearbeitet, jetzt fehlt ihr nur noch die Prüfung. Im Interview erzählt sie, warum sie mehr Psychologin als Oberöko ist

Astrid Schneider ist mit ihren 23 Jahren die jüngste Forstanwärterin Bayerns. Vier Monate lang hat sie bei Förster Thomas Klein im Forstrevier Memmingen gearbeitet. Bevor sie nun das Unterallgäu verlässt, erzählt sie, was sie gelernt hat.

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Wie kann man sich Ihren typischen Berufsalltag vorstellen?

Schneider: Den typischen Berufsalltag gibt es gar nicht – das ist ja das Tolle am Beruf Förster! Man hat eine bestimmte Sprechzeit am Amt. Und die restliche Woche gestalte ich einfach so, wie es sinnvoll ist. Ich kann um sechs Uhr früh beginnen, aber ich kann auch erst um halb neun anfangen. Wenn es regnet, bleib ich im Büro. Wenn das Wetter schön ist, habe ich natürlich große Lust, hinaus in den Wald zu gehen. Und es ist schon auch eine große Kunst, seinen Arbeitstag durchzustrukturieren. Woanders hat man einen Chef, der einem sagt, wo’s lang geht und was der Reihe nach zu tun ist. Hier stelle ich mir meine Arbeit selbst zusammen. Und das finde ich total cool!

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Welchen Aufgaben gehen Sie draußen im Wald nach?

Schneider: In den Wäldern im Unterallgäu haben wir Ortstermine mit Waldbesitzern oder schauen nach, ob es Käferholz gibt. Wir planen auch Wegebauten und prüfen, ob der Holzeinschlag richtig läuft und ob gesetzliche Vorschriften eingehalten werden. Und das ist eine Mischung, die mir unheimlich gefällt.

Wie sind Sie zum Beruf gekommen?

Schneider: Ich bin praktisch schon damit aufgewachsen. Meine Familie hat bei Ingolstadt sechs Hektar Wald, da bin ich oft mit meinem Papa gewesen. Um die Brennholzbretter rauszuschleppen war ich viel zu schwach. Aber: Ich war immer mit im Wald! Und von da an wollte ich einfach draußen sein. An der Uni in Weihenstephan habe ich mich in die Probevorlesung zur Forstwirtschaft gehockt und wusste: Jawoll, das ist es!

Was genau hat Sie so fasziniert?

Schneider: Es rennen lauter Hunde herum, jeder hat dreckige Schuhe und Klamotten in Schlammfarben an. Da hab ich mich auf Anhieb wohlgefühlt. Es ist schon etwas Besonderes, diese Richtung. Einfach das Grüne. Und innerhalb von diesem Bereich ist es bei mir Forstwirtschaft geworden.

Wie groß ist der Frauenanteil bei dir in der Forstwirtschaft?

Schneider: Na, der wird im Laufe der Karriere immer geringer. Im Studium sind es 30 Prozent, im Anwärterjahr noch 20 Prozent Frauen. Und die Frauen, die den Beruf später wirklich ausüben, sind nur noch zehn Prozent aller Förster.

Warum das denn?

Schneider: Also meine Vermutung ist diese: Försterin werden eher die, die relativ konservativ sind oder diejenigen, die oberökogrün sind. Und wenn man sich vorstellt, dass die konservativen, bodenständigen Frauen später bei ihren Kindern zu Hause bleiben, fallen die schon mal weg. Und diejenigen, die so wahnsinnig ökoideologisch sind, realisieren vielleicht im Laufe des Studiums erst, dass man als Förster gar nicht so ein Ober-Öko ist.

Für den Umweltschutz tun Sie als Försterin also gar nicht so viel?

Schneider: Naja, man tötet Tiere, man tötet Bäume und fährt mit großen Maschinen im Wald herum. Für mich ist genau das Umweltschutz. Andere sehen das aber nicht so und wechseln dann oft zu einem Naturschutzverband. Dort kümmern sie sich lieber um den Biber oder machen Waldpädagogik mit Kindern. Und das sind tatsächlich oft Frauen.

Forstwirtschaft, wie man sie studiert, hat also eher mit Wirtschaft zu tun?

Schneider: Ja genau! Man muss überlegen, wie man sinnvoll in den Wald investiert und was überhaupt rentabel ist. Das große Ziel ist und bleibt die Nachhaltigkeit. Den Begriff gibt es heutzutage in jeder Firma, aber eigentlich kommt er aus dem Wald. Im besten Fall arbeite ich als Försterin also wirtschaftlich, ökologisch und gut mit den Menschen zusammen.

Wer sich nur dem Umweltschutz verpflichtet fühlt, kommt also nicht weit?

Schneider: Es kommt darauf an, wo man als Förster arbeitet. Aber gerade in der Zusammenarbeit mit Waldbesitzern muss einfach klar sein, dass der Wald hier in privater Hand liegt. Und da darf der Eigentümer natürlich größtenteils selbst entscheiden, was passiert. Als Förster kann ich ihn nur in gewisse Richtungen lenken und Ratschläge geben. Aber mein Einfluss ist schon sehr beschränkt.

Ist man als Försterin also Diplomatin?

Schneider: Genau! Und das macht mir Spaß. Denn es ist wirklich ein Kunstwerk. Über Wald, Boden, Klima, Maschinen und Tiere lernt man im Studium fast alles. Aber über Menschen fast nichts. Und manchmal meint man als Förster fast, man ist ein Psychologe. Wenn ich einen Waldbesitzer treffe, muss ich im ersten Moment schon erkennen: Was ist er für einer, wie tickt der, wie gehe ich am besten mit dem um? Und wie kann ich ihm helfen?

Welche Waldbesitzer-Typen gibt es?

Schneider: Oh, da gibt es große Unterschiede: Wohnt er in München und will nur, dass die Zahlen passen? Dann sieht er den Wald eher als Wertanlage. Wohnt er in Memmingen und ist zwar eher ein Stadtmensch, aber möchte, dass der Wald schön ausschaut, um dort spazieren zu gehen? Oder ist er ein Landwirt und hat wenig Zeit für seinen Wald, mag sich aber auch nicht davon trennen, weil der Wald seit Jahrzehnten in der Familie liegt? Also es gibt diese und noch ganz viele andere Waldbesitzer.

Und wie geht man auf die zu?

Schneider: Ich muss mir immer überlegen, wie ich sie dazu bringe, das zu tun, was ich ihnen vorschlage. Das klingt so negativ, als wär ich ein Banker, der ihnen etwas verkaufen will. Aber tatsächlich wissen die Waldbesitzer oft ganz vieles gar nicht so genau – woher auch? Und mein Ziel ist es, ihnen beizubringen wie sie ihren Wald so bewirtschaften, dass alle glücklich sind: Sie als Waldbesitzer, ich als Försterin und eventuell auch noch die Waldarbeiter, die die Bäume schneiden. Und deshalb muss ich immer herausfinden: Was für ein Mensch ist das eigentlich? Und da gehört auch dazu, sich eine halbe Stunde anzuhören, wie sie den Krieg erlebt haben oder was die Enkeltöchter tun. Und erst wenn man sich das alles angehört hat, sind manche soweit, auch meine Vorschläge anzunehmen und mir zu vertrauen.

Was haben Sie im Unterallgäu denn so alles erlebt?

Schneider: Einer wollte, dass wir Stämme markieren, damit er sie verkaufen kann. Das ist eine Arbeit von ein paar Minuten, bei ihm hat es eineinhalb Stunden gedauert. Nur, weil es im Gespräch um Gott und die Welt ging. Er erzählte von seiner verstorbenen Frau, den Milchpreisen um 1940 und auch, wo genau seine sechs Bäume gestanden haben, nämlich bei seiner Tochter im Garten. Details, die vergesse ich bis heute nicht!

Die Leute sind hier in der Region noch sehr eng verbunden mit ihrem Wald, oder?

Schneider: Ja, total. Manche haben im Wald angefangen zu weinen. Einfach, weil sie so emotional damit verbunden sind. Wenn ein Sturm Bäume kaputt macht, die seit 100 Jahren dort stehen, ist das für die Menschen hart. Und das kann ich verstehen, weil ich damit aufgewachsen bin. Außenstehende können vielleicht nicht nachvollziehen, warum sechs Bäume so einen großen Wert haben. Interview: Anika Zidar

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