Der gläubige Eremit von Maria Baumgärtle

11.03.2017

Marias Zimmermann

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4 Bilder
Mariental bei Maria Baumgärtle. Eremit Heinrich Maucher. Reparatur des Wegs.
Bild: Johann Stoll

Warum lebt ein Mensch seit 32 Jahren allein im Wald im Unterallgäu?

Der Weg zum Allerheiligsten hat gelitten. Schnee, Eis und nächtliche Temperaturen um die zehn Grad minus haben in diesem Winter ein paar unschöne Löcher in den Boden gerissen. Ein klarer Fall für Heinrich Maucher. Hier kümmert sich der Chef um alles selbst. Er ist Baumeister, er ist Reparateur und glühender Verehrer Mariens in einem. Und er ist der einzige Bewohner von Mariental bei Maria Baumgärtle, das einen ganz eigenen Zauber verbreitet. Weniger sinnlich Begabte würden sagen: Hier hat einer mitten in den Wald Dutzende von Schwarzbauten errichtet, die die Behörden in himmlischer Nachsicht seit Jahrzehnten dulden.

Mit einem Schubkarren kippt der 75-Jährige kiesigen Schlamm auf den Weg und verspachtelt die Löcher mit Schaufel und Rechen. Er packt an wie ein Junger. Heinrich Maucher ist gesund und fit. Krankheiten kennt er nicht. Auch bei Minustemperaturen pflegt er barfuß über die Waldwege zu laufen. Das sieht bei ihm in seinem langen blauen Mantel immer so aus, als huschte er zwischen den Bäumen umher.

Sein ganz persönliches Paradies

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Er baut am Weg Weg zu seinem ganz persönlichen Paradies. Wer ihm weiter folgt, trifft auf einen Wendehammer mit ein paar Holzhütten drumherum. Heinrich hat dort Bauholz gelagert. In einer Hütte steht sein Traktor, den ihm ein Gönner vor ein paar Jahren vermacht hat. Von da geht es nur noch zu Fuß weiter. Es ist ein schmaler Pilgerpfad, der von Blumenkübeln umsäumt ist. In die meisten hat Maucher pflegeleichte Plastikblumen gesteckt. Alle paar Meter sind handgeschriebene Bibelsprüche zu lesen oder Mariendarstellungen zu sehen.

Seit 32 Jahren lebt Heinrich Maucher hier im Wald auf einem Hektar Grund. Das Areal gehört ihm selbst. Viel mehr ist von dem Bauernhof nicht geblieben, dem er entstammt ist. Heinrich Maucher lebt ohne Strom, ohne fließend Wasser. Ganz allein. Dennoch ist er nicht scheu, vielmehr überraschend leutselig. Eine eigene Siedlung mit 46 Holzhütten hat er hier zusammengeschreinert, und sie wächst weiter.

Ein neuer Altar zur Ehre der Gottesmutter

Im Vorjahr hat Heinrich Maucher eine neue Holzhütte mit Altar zu Ehren Mariens erreichtet. Ein Modell einer Kirche aus Paris hat ihn dazu angeregt. Auch ein Unterstand mit Tisch und Bänken ist dazu gekommen. An dieser Tafel nehmen in der wärmeren Jahreszeit Besucher Platz zu mitgebrachtem Kaffee und Kuchen.

Dieser Winter 2016/17 hatte es in sich. Die meiste Zeit hat Heinrich Maucher in seinem Mariental ausgehalten. In seiner Schlafhütte steht ein kleiner Holzofen. Den schürt er abends ein gegen die schlimmste Kälte. An sechs Tagen war es aber auch Heinrich zu kalt. Da gewährte ihm eine fürsorgliche Dame aus dem Landkreis Landsberg vorübergehend Asyl. Seit mehr als zehn Jahren schaut sie jeden Sonntag nach dem Rechten, sorgt dafür, dass die Wäsche gewaschen wird und fährt ihn jeden Sonntag zur Gebetsstätte nach Wigratzbad bei Lindau. Dort hören die beiden die lateinische Messe.

Das ist nicht der einzige Kontakt zur Außenwelt. Alle zwei Wochen schaut eine Frau aus Memmingen vorbei. Zuletzt hat sie ein paar Blumentöpfe mitgebracht. Damit können die Altäre frisch geschmückt werden. Aber auch bildliche Darstellungen von Bibelszenen finden über die Gläubigen den Weg ins Mariental.

Heinrich stammt aus einem tief gläubigen Elternhaus. In jüngeren Jahren besuchte er Rom, Fatima und Lourdes. Vor allem die Marienwallfahrtsorte haben ihn berührt. Nach einer Reise nach Jerusalem hat er mit dem Bau der Hütten begonnen. Es war auf dem Rückflug, als ihm eine Stimme riet, sein Leben in den Dienst Marias zu stellen. „Das war meine Berufung“, erzählt er.

Gläubige kommen von weit her

Heinrich ist kein Geistlicher, hat auch nicht Theologie studiert. Aber er strahlt auf nicht wenige eine göttliche Aura aus. Immer wieder finden Gläubige zum Teil von Hunderten von Kilometern entfernt ins Mariental und bitten ihn, für sie und ihre Familien zu beten, auch für die Verstorbenen. Davon zeugen die 200 Holzkreuze von Friedhöfen, die Maucher auf den Waldboden gestellt hat. Er selbst braucht zum Leben nur das Nötigste. Gerade einmal 160 Euro Rente bezieht der frühere Landwirt und Bauarbeiter. Honigbrote sind seine Leibspeise, hin und wieder gönnt er sich ein Stück Hartwurst mit Brot. Vor allem aber trinkt er fast keinen Alkohol. Wenn er mal doch eine Flasche Bier aufmacht, zehrt er davon drei Tage. Das hält fit.

Wozu aber all die Hütten? Für Heinrich Maucher sind sie Schutzräume für die Menschheit. Er rechnet mit Krieg und Zerstörung. Bücher von neuzeitlichen Propheten hat er schon so oft durchgelesen, dass sie fast auseinanderzufallen drohen. So zitiert er die Worte eines Alois Irlmaier, der vor mehr als 60 Jahren gesagt hatte: Zuerst kommt der Wohlstand, dann der Glaubensabfall, dann die Sittenverderbnis. Eine große Zahl fremder Leute käme ins Land, gefolgt von der Inflation. Und am Ende würden die Russen ins Land fallen.

Heinrich Maucher hegt keinen Zweifel, dass es genau so kommt. Die Frage sei nur, wann die Apokalypse über die Menschheit hereinbricht. Seine Gebete sollen den Menschen Linderung verschaffen. Stundenlang betet der Eremit jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und manchmal noch bei Kerzenlicht. Dazwischen ist er der Zimmermann Gottes und der Gottesmutter.

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