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Mussenhausen

20.01.2019

Von der Schul- direkt auf die Orgelbank

Als Neunjähriger hat Wilhelm Eisenschmid aus Mussenhausen das Orgelspielen gelernt, als Zwölfjähriger hat er zum ersten Mal bei einer Andacht in der Kirche gespielt. Inzwischen ist er 88 alt – und immer noch begeisterter Organist.
Bild: Baumberger

Wilhelm Eisenschmid aus Mussenhausen ist seit fast 77 Jahren Organist – und denkt längst nicht ans Aufhören.

Mussenhausen Wenn Wilhelm Eisenschmid in der Wallfahrtskirche in Mussenhausen behände die schmale Treppe zur Orgel hinaufsteigt, merkt man ihm seine bald 89 Jahre nicht an. Und noch weniger merkt man es, wenn er sich auf die Orgelbank setzt und die Finger auf die Tasten legt – so wie er das seit inzwischen fast 77 Jahren als Organist tut. Zwar nicht mehr so häufig wie in jüngeren Jahren, als er jeden Sonntag, jeden Samstagabend bei der Vorabendmesse und zudem zwei bis drei mal unter der Woche georgelt hat, aber immer noch oft genug: Alle 14 Tage begleitet er die Messe werktags und alle 14 Tage den Sonntagsgottesdienst. Hinzu kommen Aushilfsdienste: Weil viele Organisten in den Nachbargemeinden noch berufstätig sind und unter der Woche kaum Zeit haben, springt Wilhelm Eisenschmid vor allem bei Beerdigungen öfter für sie ein.

Für das Requiem war er schon als Jugendlicher abonniert. Weil die Schule in Eutenhausen praktischerweise in unmittelbarer Nähe der Kirche lag, durfte er regelmäßig von der Schul- auf die Orgelbank wechseln – und nach der Messe schleunigst wieder zurück, versteht sich. Seinen ersten Einsatz als Nachwuchs-Organist hatte der damals Zwölfjährige übrigens am Ostermontag. „Die Klosterschwester, die immer georgelt hat, ist damals Knall auf Fall nach Altötting abberufen worden“, erinnert sich Wilhelm Eisenschmid. Und so kam es, dass er an diesem Tag zum ersten Mal ganz offiziell in der Wallfahrtskirche in die Tasten gegriffen hat. Zum Glück nur in der Andacht und nicht beim Amt, wie Wilhelm Eisenschmid mit einem Lächeln betont. „Ich glaub’, ich hab’ mich am Anfang von ,Jesus lebt‘ ein bisschen verspielt. Weil da war ich schon aufgeregt.“

Der Mussenhausener ist nicht nur seit Jahrzehnten Organist, sondern leitete auch den Chor

Nach beinahe 77 Jahren könne davon keine Rede mehr sein, sagt seine Frau Herlinde, die zu Recht ein wenig stolz ist auf das, was ihr Mann da seit so vielen Jahrzehnten leistet. Schließlich ist er ja nicht nur Organist, sondern hat auch viele Jahre den Kirchenchor geleitet. „Eine Zeitlang“, winkt Wilhelm Eisenschmid bescheiden ab, räumt auf Nachfrage dann aber doch ein, dass es schon so zwischen 30 bis 40 Jahre gewesen sein könnten. Aktiver Sänger war er freilich noch ein paar Jahrzehnte länger. Erst vor zwei Jahren hat er mit dem Singen aufgehört, weil seine Stimme oft so belegt ist. Aber orgeln, das geht noch einwandfrei. „Der wäre ja kein Mensch mehr, wenn er nicht mehr spielen könnte“, sagt Herlinde Eisenschmid.

Auch sie hat im Kirchenchor gesungen und unterstützt ihren Mann, wo sie kann. Sie achtet darauf, dass er die richtigen Noten einpackt, die richtige Brille und das Hörgerät. Musik spielt im Leben der beiden eine große Rolle – sie hören gerne Mozart, Beethoven und Chopin – und auch auf die drei Kinder haben sich Vorliebe und Talent übertragen: Wilhelm Eisenschmid junior zum Beispiel sitzt ebenfalls regelmäßig an der Orgel, leitet die Sängergemeinschaft Erisried und ist als einer der Sänger des A-capella-Quintetts „Picobello’s“ bekannt.

Dass sich das alles einmal so entwickeln würde, hat Wilhelm Eisenschmid senior vor bald 77 Jahren wohl kaum geahnt. Wie er damals zum Orgeln gekommen ist, kann er beim besten Willen nicht mehr sagen. Er erinnert sich noch an ein Brett, das er einmal zu Weihnachten bekommen hat, und auf das Tasten aufgemalt waren. „Vielleicht hab ich da drauf rumgedrückt?“ Jedenfalls hat er dann mit neun Jahren das Orgelspielen gelernt. Erst bei einer Klosterschwester in Mussenhausen, dann bei Martin Martin in Köngetried. „Als ich da einmal in der Kirche gespielt habe, hat plötzlich eine Frau über den Orgeltisch geschaut – wohl um zu gucken, wer da spielt. Ich war nämlich so klein, da hat man mich gar nicht gesehen“, erzählt Wilhelm Eisenschmid.

Wilhelm Eisenschmid will weiter in Mussenhausen orgeln

Sein Talent haben damals auch andere erkannt: Eine Zeitlang war im Gespräch, ihn zu den Regensburger Domspatzen zu schicken. „Aber dafür haben die Voraussetzungen gefehlt. Und die Blechmusik hätt’ mich auch wollen.“ Das aber hat der Vater nicht erlaubt, weil er verhindern wollte, dass sich der Bub verzettelt. Zumal ja schon das Üben für die Orgel – jeden Tag mindestens eine halbe Stunde – nicht immer leicht war, wenn draußen auf dem Hof die anderen Kinder gespielt haben. Gitarre hat Wilhelm Eisenschmid dann aber trotzdem noch gelernt und sie bei der Landjugend immer dabeigehabt. Und vielleicht, ja vielleicht hätte er die Musik ja sogar zum Beruf gemacht. Doch dann hat sein älterer Bruder im Krieg einen Oberarmdurchschuss erlitten und so war es an Wilhelm Eisenschmid, die Schreinerei des Vaters zu übernehmen. In der knappen Freizeit ist er der Musik aber treu geblieben.

„Am liebsten mag ich die Adventslieder“, sagt der rüstige Senior, der auch offen ist für neue Lieder. „Nur die, die extrem modern sind, die mag ich nicht“, gibt er zu. „Aber ich spiel’s halt.“ Diese Offenheit hat Pfarrer Guido Beck bei der Übergabe der Ehrenurkunde des Amts für Kirchenmusik extra hervorgehoben und sich natürlich für das enorme ehrenamtliche Engagement bedankt: Im vergangenen Jahr wurden im Bistum Augsburg nur drei weitere Organisten für ein mehr als 70-jähriges Engagement als Organist ausgezeichnet.

Ans Aufhören denkt Wilhelm Eisenschmid derweil keineswegs. Er will weiterorgeln, so lange es geht. Einen Gottesdienst ohne Orgelbegleitung kann er sich zur Not zwar vorstellen, aber eben nur zur Not. „Die Leute sind’s ja gewohnt“, sagt er in seiner ruhigen Art und fügt mit Blick auf die jetzige Auszeichnung hinzu: „Von mir aus hätte man gar nichts tun müssen. Das wäre mir am liebsten.“

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