Basilika in Ottobeuren

18.09.2016

Warum der Bau

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3 Bilder
So werden die Besucher der Basilika am Eingang empfangen.
Bild: Ralf Lienert

Im September 1766 sind Kloster und Kirche endlich fertig – nach 55 Jahren. Die Baugeschichte liest sich wie ein spannender Roman. Heute gilt die Basilika als Rokoko-Juwel.

„Das Haus Gottes und Himmels Porten“ steht über dem Hauptportal der Basilika Ottobeuren. Eine verheißungsvolle Begrüßung. Wer das Gotteshaus dann betritt, gelangt tatsächlich an einen himmlischen Ort. Die Augen können eine paradiesische Pracht genießen, die es im Allgäu kein zweites Mal gibt. Diese Kirche ist ein Wunder – wegen ihrer Größe, ihrer Schönheit und ihrer Baugeschichte.

Vor genau 250 Jahren, im September 1766, wurde dieses Rokoko-Juwel eingeweiht. Aber um die Fertigstellung der Kirche ging es nur in zweiter Linie, sagt Abt Johannes Schaber, der heute die Benediktiner-Abtei in Ottobeuren führt. Für ihn bedeutet das Jubiläum mehr. Die Weihe der Abteikirche war Abschluss und Höhepunkt eines noch viel größeren Bauprojekts: Endlich war die neue Klosteranlage der Benediktiner fertig geworden – nach 55 Jahren Bauzeit mit Höhen und Tiefen, mit festen Absichten und großen Zweifeln. Nun strahlte das Ottobeurer Konvent in weltlicher Macht und geistlicher Herrlichkeit.

Die Mönche lehnen ab

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Fast 200 000 Besucher bestaunen Jahr für Jahr die mit üppiger Kunst bestückte Kirche. Herrliche Altäre, Plastiken, Bilder, Fresken, Säulen und Schnitzereien schmücken den riesigen Raum. Wer gegenüber Abt Johannes Schaber davon schwärmt, den holt der Mönch schnell auf den Boden benediktinischer Strenge zurück. „Für mich ist das ein Haus Gottes“, sagt er. „Das Drumherum ist sekundär.“ Auch den Erbauern sei es nicht um die schiere Pracht gegangen, sondern um eine Kirche.

Wie auch immer: Die Ottobeurer Mönche machten es sich nicht leicht, als sie beschlossen, ein neues Kloster samt neuer Kirche zu bauen. Ende des 17. Jahrhunderts begannen sie darüber nachzudenken. Das Konventgebäude befinde sich in schlechtem Zustand und müsse „mit der Zeit notwendig von newem erbawt werden“, heißt es 1682. Erste Entwürfe verschwanden allerdings bald wieder in den Schubladen. Man darf spekulieren, ob nur der schlechte Zustand des Klosters und die wachsende Mönchsgemeinschaft einen Neubau nahelegten. Vermutlich war es auch eine Sache des Prestiges. Immerhin entstanden rings um das stolze Reichsstift Ottobeuren herausragende barocke Anlagen, etwa in Kempten oder Weingarten.

Um das Jahr 1700 herum nahm Abt Gordian Scherrich einen weiteren Anlauf für einen Neubau. Er machte die Rechnung freilich ohne seine drei Dutzend Mönche: Sie lehnten die Pläne ab. Begründung: Ein solch prächtiges Gebäude sei weder notwendig noch mit der Modestia (Mäßigung) und Honestas (Ehre) der Benediktiner zu vereinbaren. Scherrich verlegte sich deshalb auf eine andere Strategie: Mit Hilfe des klugen, ökonomisch beschlagenen Paters Rupert Ness sanierte er systematisch die Finanzen. Damit legten sie den ideellen wie finanziellen Grundstein. Das überzeugte die übrigen Mönche. So konnte der inzwischen zum Abt aufgestiegene Rupert Ness am 5. Mai 1711 den realen Grundstein für dieses ebenso wundervolle wie wundersame Bauwerk legen.

Warum der Bau so lange dauerte

Zwölf Jahre dauerten die Arbeiten am 142 Meter langen und 128 Meter breiten Konventgebäude. Das alte Kloster, das fast an der gleichen Stelle stand, wurde nach und nach abgerissen – so ging man auch später beim Bau der Basilika vor. Auf der Baustelle und als Zulieferer arbeiteten bezahlte Handwerker, Handlanger, Künstler – und natürlich auch viele der 10 000 Untertanen der Reichsabtei, die Frondienste zu leisten hatten. Bezahlt wurde das kühne Unternehmen vor allem aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Wie viel es kostete, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Von einem Wahnsinnsunternehmen“ spricht Kunsthistorikerin Dr. Gabriele Dischinger. „Es ist unglaublich, was die Ottobeurer auf die Beine gestellt haben.“ 1723 war das Gebäude fertig. Jetzt wäre die Kirche drangekommen. Aber zunächst ging nichts vorwärts. Zwar hatten die Mönche Ideen und Pläne. Doch erst 15 Jahre später konnte Abt Rupert den ersten Stein in die Ottobeurer Erde setzen.

Warum hatte es so lange gedauert? Zunächst taten sich Ness und seine Bauexperten schwer, einen geeigneten Plan für die freistehende Kirche zu bekommen, die vor der Mittelachse des Stifts heraustreten sollte. Wie schon beim Konvent nahmen sie vergleichbare Bauten in Augenschein, reisten sogar bis nach Rom. Abt Rupert schwebte offenbar eine Kirche vor, der alles Ähnliche in Deutschland übertreffen sollte. Das jedenfalls erklärte er seinerzeit. Allerdings fehlte Material. Und die Mönche meinten, man solle sich nach dem anstrengenden Konventbau erst mal erholen. Erst 1736 gaben die Mönche grünes Licht. Auch die finanzielle Lage ließ das Projekt zu: Die Schulden waren abgebaut, 10 000 Gulden (etwa eine Million Euro) lagen bereit, ebenso Baumaterial. Die Grundsteinlegung erfolgte am 27. September 1737. Realisiert werden sollte der Entwurf des Ottobeurer Maurermeisters Simpert Kramer.

Die Bauarbeiten gingen freilich nicht so voran, wie die Abtei sich das wünschte. 1743 waren die Zweifel am Können von Kramer so groß geworden, dass die Mönche ihn entließen. Fünf Jahre lang geschah wenig.

Rettung aus München

Die Rettung kam aus München: 1748 übernahm Architekt Johann Michael Fischer, der einen hervorragenden Ruf als barocker Baumeister genoss, die Planung. Prompt ging es aufwärts. 1753 feierte die Abtei Richtfest. Eitel Sonnenschein herrschte dennoch nicht. Den Mönchen ging die Sache nun zu schnell. Sie kritisierten Abt Anselm Erb, der 1740 auf Rupert Ness gefolgt war: Er betreibe die kostspieligen Bauten zu eifrig und die wissenschaftliche Kultur zu wenig.

Dennoch gab die Abtei die Innenausstattung in Auftrag. Herausragende Stuckateure, Freskenmaler, Bildhauer und Schnitzer taten sich zusammen. Der Wessobrunner Johann Michael Feuchtmayer stand wohl an der Spitze: Er dürfte für die heute so bewunderte Einheitlichkeit und Prächtigkeit verantwortlich sein. Neben den Künstlern arbeitete ein Heer von Handwerkern an der Ausgestaltung mit.

Nach zehn Jahren waren sie fertig. Das „Gottes Haus und Himmels Porten“ erstrahlte in einzigartiger Schönheit, als es im September 1766 eingeweiht wurde.

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