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Haustiere

09.08.2014

Wo sich Igel und Kaninchen „Guten Tag“ sagen

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4 Bilder
Gertraud Keil aus Mindelheim darf ihrem Kater Batzi nicht verraten, wenn er zum Tierarzt muss. Er flüchtet sonst vorher
Bild: Melanie Lippl

Beim Tierarzt kommen alle möglichen Vierbeiner zusammen. Elke Eichinger-Lein hat sie alle im Griff.

Freitag, 15.50 Uhr: In zehn Minuten beginnt die Sprechstunde von Elke Eichinger-Lein. Das Wartezimmer ihrer Wiedergeltinger Praxis ist noch leer, doch es gibt schon etwas zu tun: Katze Mimi – Diagnose „total ausgetrocknet“ – bekommt eine Spritze. „Schnitzel unter die Haut“, sagt die Tierärztin und lächelt.

Tochter Julia Lein steht auch schon parat. Heute geht sie ihrer Mutter zur Hand, ausnahmsweise. Sie studiert eigentlich Mathe und Sport auf Lehramt. Tierärztin will sie – anders als ihre jüngere Schwester Johanna – nicht werden. Ein Erlebnis hat sie geprägt: Als Neunjährige sah sie einen Storch mit einem offenen Bruch. Dazu das spritzende Blut, das hat ihr gereicht.

Was sie heute erwartet, weiß Julia Lein ebenso wenig wie ihre Mutter. „Das ist das Spannende an meinem Beruf“, sagt die Tierärztin. „Aber es stresst auch manchmal.“ Ganz schlimm findet sie es, wenn sie mitten in einer normalen Sprechstunde ein Tier einschläfern muss. Um zu vermeiden, dass der Besitzer mit seinem toten Tier durch das durchaus lebendige Wartezimmer muss, legt Elke Eichinger-Lein solche Termine auf vorher oder nachher oder macht gleich einen Hausbesuch.

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16 Uhr: Der erste Patient wirkt alles andere als sterbenskrank. Ein Igel. Schwimmend im Pool gefunden und das bereits zum zweiten Mal. „Total fit, aber voller Zecken“, diagnostiziert Eichinger-Lein und greift zur Pinzette. Anschließend kommt das Stacheltier in einen Karton, dazu ein bisschen Katzenfutter. Wenn der Igel es vertilgt hat, darf er wieder in die Freiheit. Schnell Hände und Behandlungstisch desinfizieren, dann geht es weiter.

Merlin ist als Nächster dran. Der vierjährige Kater bekommt eine Spritze gegen seine Zahnfleischentzündung. Besitzer Uwe Nickel aus Buchloe nimmt noch Globuli mit, dann ist auch schon der Nächste dran. Die Nächste, besser gesagt: Cindy, 14 Jahre alt, frisst schlecht. Elke Eichinger-Lein nimmt den Kopf der Katze in die Hände, schiebt die Lefze beiseite, um sich die Zähne anzusehen. Cindy gefällt das überhaupt nicht. Doch der Übeltäter ist schnell gefunden und mit einem Handgriff beseitigt. Klack! Etwas Hartes fällt auf den Behandlungstisch. „Keine Angst, es ist kein Zahn“, beruhigt Eichinger-Lein die Anwesenden. Das etwa einen Zentimeter große Stück ist Zahnstein. Kein Wunder, dass Cindy damit Schmerzen hatte! Draußen wartet derweil Ramona Mayr aus Stockheim mit ihrer Mama. Die Achtjährige hat eine Babykatze auf dem Schoß, die wohl ausgesetzt worden ist. Der Schwanz von Felix war gebrochen. Er musste amputiert werden. Jetzt scheint der Kater aber wieder putzmunter zu sein.

Die elf Jahre alte Enya rechts daneben ist da deutlich verhaltener. Ganz ruhig sitzt der kleine, graue Hund am Boden vor seiner Besitzerin. Enya kennt die Tierärztin schon, schließlich kommt sie alle vier bis sechs Wochen zum Abhören von Kaufbeuren nach Wiedergeltingen. Der Allergikerhund hat Herzbeschwerden. Als die sensible Enya auf dem Behandlungstisch steht, ist sie trotz Routine immer bereit zum Absprung. Man weiß ja schließlich nie, was so eine Tierärztin mit einem anstellt.

Es folgt: Kater Kiki, stolze 17 Jahre alt. Dessen Besitzerin Gisela Knauber aus Bad Wörishofen hat ihn einst im tiefsten Winter auf einem Baum gefunden. Seitdem sorgt sie für ihn. Zum Beispiel mit Rinderhack, das sie nach der Anweisung von Elke Eichinger-Lein extra zubereitet hat. Es hat geholfen: Jetzt ist Kikis Durchfall wieder weg.

Um die tierische Verdauung geht es auch im Gespräch mit Natalie Kunder aus Türkheim. Außerdem will die Besitzerin von Finchen und Emma noch Krallen und Zähne ihrer beiden Kaninchen kontrollieren lassen. Das ist schnell getan, schon dürfen die zwei wieder in die Transportbox und über das Wartezimmer nach draußen.

Dort möchte wohl auch Beagle Benno aus Ettringen gerne hin. Am Vortag hat der neun Jahre alte Hund den Untersuchungsraum noch freiwillig betreten und drei Spritzen bekommen, so schlecht ging es ihm. Heute sträubt er sich und setzt dazu noch seinen mitleidigsten Blick auf. „Nur Beagles können so schauen“, sagt Tierärztin Eichinger-Lein und schmunzelt.

Als Benno beim Fiebermessen laut aufheult, ducken sich die wartenden Vierbeiner draußen schon, ist sich die Tierärztin sicher. So ist es fast immer: Alle leiden mit. Der Beagle lässt sich, ebenso wie die meisten Katzen, aber nicht durch Leckerlis von den Spritzen ablenken. „Er ist einer von den wenigen nicht bestechlichen Hunden“, bedauert die Tierärztin.

Filou gehört zur anderen, weitaus größeren Gruppe unter den Hunden. Bereitwillig stürzt er sich auf die Leckerlis, die Julia Lein ihm anbietet. Dass deren Mutter ihm gleichzeitig eine Spritze verpasst, bekommt der Berger-des-Pyrenées-Hund gar nicht mit. Ein solch stressfreier Tierarztbesuch freut seine Besitzerin Anna Weber aus Buchloe.

Filou schnuppert noch ein wenig herum – eine Tierarztpraxis riecht für einen Hund wohl wahnsinnig interessant – dann geht es auch schon wieder nach draußen, wo bereits Gertraud und Franz Keil warten. Die beiden haben es ihrem Batzi lieber vorher nicht gesagt, dass er mal wieder zum Tierarzt muss. „Sonst sieht man ihn den ganzen Nachmittag nicht mehr“, erklären die Mindelheimer. Doch der 15 Jahre alte Kater leidet unter Grasmilben – und kommt deshalb heute um eine Behandlung nicht herum.

Schon ist es 17 Uhr: Über ein Dutzend Kleintiere hat Elke Eichinger-Lein innerhalb der vergangenen Stunde behandelt. Darunter auch eine Katze, die von einem Artgenossen in den Kopf gebissen worden ist. Die Wunde hat sich entzündet und eitert. „Ein Katzenbiss ist wie eine Stichverletzung“, erklärt Elke Eichinger-Lein. Er gehe tief ins Gewebe hinein und die Muskeln und die Haut darüber würden sich schnell wieder schließen, während sich darunter eine Entzündung bildet. Fünf bis sechs Mal sei es bei ihr selbst bereits zu beginnenden Blutvergiftungen gekommen. Ihr Respekt vor Katzenbissen ist deshalb groß, sagt Elke Eichinger-Lein. Angst habe sie aber vor keinem ihrer Patienten.

Aus Tierliebe ist sie einst Tierärztin geworden: Elke Eichinger-Lein will den Vierbeinern helfen. Dass ihre Patienten das naturgemäß nicht so gut verstehen und schnellstmöglich wieder raus aus der Praxis wollen, damit hat sie sich abgefunden. Spätestens in dem Moment, als Bad Wörishofens Altbürgermeister Erwin Singer bei einem Besuch der Ärztin seine Vierbeiner mit den Worten herbeirief: „Katzen, Euer Feind ist da!“

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