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Ulm

19.04.2015

Das Gegenteil der glatten Moderne

Der Künstler mit einer seiner Arbeiten: Jan Muche stellt ab heute beim Kunstverein Ulm aus.

Kunstverein Ulm: Der Berliner Jan Muche zeigt im Schuhhaussaal architektonisch inspirierte Malerei

Aber so einfach ist es nicht. Irgendwann hatte der 1975 geborene Muche satt, was er machte: Figürliche Malerei, Collagen und – wie er sagt – „lustiges Zeug“. Alles über Bord werfen, alles auf Neuanfang? Muche ging dabei über „Los“, denn seine neue Bildstrategie lebt wie seine vorherigen Arbeiten vom Hinterfragen und auch von einem selbstkritischen Element, dass ihn fortwährend fragen lässt, was die Welt antreibt. Seit etwa zwei Jahren verzichtet Muche ganz auf die Kompositionselemente, für die man den jungen Künstler kannte: Texte und Wortfragmente im Bildaufbau. Statt dessen fokussierte sich der damals 37-Jährige auf architektonisch inspirierte Motive, die er mitunter in bunter Farbigkeit abstrahiert und so die Aussage von einer nostalgisch eingefärbten Rückschau auf die Industriearchitektur fortlenkt.

Muche verzichtet dabei völlig auf das narrative Element der Menschendarstellung. Es gibt keine figürlichen Zitate; dass mancher Bilduntergrund aus collagierten Papieren oder den Vordrucken einer DDR-Jugendorganisation besteht, ist schon das Höchstmaß an menschlicher Spur im Bild. Dominierend sind komplexe Konstruktionen, die in der Regel aus architektonischen Entwürfen und Fotografien abgeleitet sind. Faszinierend sind für Muche die russischen Futuristen, beispielsweise Tatlin; aber auch die Eisenkonstruktionen der Industrialisierungszeit ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert fesseln den Maler.

Doch statt eines dokumentarischen Ansatzes verfolgt Muche ganz klar das Ornament und das Muster, ästhetisiert er durch Farbe und Format. Letzteres wechselt zwischen Kleinformat und echtem Großformat, das auf installativen Konstruktionen in die Mitte des Schuhhaussaals komponiert ist.

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Muches Gemälde zeichnet eine schwer zu fassende Mischung aus Gegenwärtigkeit und Nostalgie aus. Das Nostalgische mag sich über die Farben transportieren – manchmal denkt man da an die grafischen Entwürfe der 1920er bis 1960er Jahre. Es mag auch von dem lasierenden Überzug aus Staub und Ruß „aus echten Berliner Koksöfen“ kommen, die der Künstler über die Malerei zieht. Damit das Bild aussieht, als habe es schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Hinter all diesem ästhetischen Vorfinden von untergehender Industrie- und Arbeitskultur steckt letztendlich aber der in Form und Farbe formulierende Maler, der gegen das „heutige glatte Bauen und die Abrissarchitektur“ (Muche) einen kantigen, haptisch prägnanten Gegenpol verfasst.

Ausstellung: Eröffnung heute, Samstag, um 19 Uhr im Schuhhaussaal. Zur Einführung sprich Jan Kage, Berlin. Danach läuft die Ausstellung bis einschließlich 21. Juni.

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