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Burlafingen

16.05.2015

Realität in Reih und Glied

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3 Bilder
„Printing on Water“: Diese Arbeit des Chinesen Song Dong zeigt den Künstler, wie er das Schriftzeichen für „Wasser“ in einen tibetischen Fluss druckt. Ein hoffnungsloses, aber doch symbolträchtiges Unterfangen.
Bild: Song Dong/Walther Collection

Die Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“ in der Walther Collection ermöglicht neue Einblicke in die Sammlung – und die Fotografie an sich.

Avedons Serie ist ein Paradebeispiel für Serialität in der Fotografie: Er erzählt einen komplexen Zusammenhang in einfachen Bildern – und vermisst so die Welt neu. Um solche Positionen geht es der Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“, die am Sonntag in Burlafingen eröffnet. Mit ihr macht die Walther Collection einen großen Schritt: War in den bisherigen drei Präsentationen fast ausschließlich afrikanische Fotografie zu sehen, bietet die neue einen anderen Blick auf die Sammlung des Ex-Investmentbankers Artur Walther. „Wir sehen hier die ganze Breite und Tiefe“, sagt Kurator Brian Wallis. Die Arbeiten kommen aus Europa, Nordamerika, Asien und Afrika, und entstanden zwischen 1850 und der Gegenwart.

Typologie, Klassifizierung und Serialität sind Konzepte und Anwendungen, die die Fotografie seit ihrer Erfindung begleiten. Wallis, ehemals Chefkurator am „Center of International Photography“ in New York, verweist auf die Standardisierung von Porträtfotos, die heute noch auf jedem Ausweis sichtbar ist. Im „Grünen Haus“ des Ausstellungskomplexes in Burlafingen finden sich noch andere Beispiele: Verbrecherkarteien des 19. Jahrhunderts etwa. Daneben ist die serielle Fotografie auch ein ideales Medium, um den Alltag zu dokumentieren. So wie bei dem US-Amerikaner Stephen Shore, der am 22. Juli 1969 einen Freund 24 Stunden lang begleitete und alle 30 Minuten fotografierte. Der Japaner Nobuyashi Araki führte 1993 eine Art fotografisches Tagebuch in 101 Bildern, die sich im ersten Stock des Gebäudes wie ein Fries durch die Räume schlängeln. Freilich ist „Alltag“ eine Frage der jeweiligen Person: Bei Araki, bekannt für seine Bondage-Fotografie, spielen nackte junge Frauen eine wohl größere Rolle als beim Durchschnittsmenschen. Aber dazwischen gibt es eben auch Wolken, Mahlzeiten oder ein Bild von der Katze. Normalität im Außergewöhnlichen: eine der stärksten Serien der Ausstellung, wenn auch eine nicht unbedingt jugendfreie. „Eine Art Vorgänger von Instagram“, nennt sie Kurator Wallis mit einem Augenzwinkern.

Im Grünen Haus hängen aber auch die Studien von Eadweard Muybridge, die Bewegung in zahlreiche Einzelbilder zerlegten – und damit als Vorläufer des Films gelten. Sie stehen aber auch für die perfomativen Ausdrucksmöglichkeiten der seriellen Fotografie, die neben deren taxierenden, archivalischen und dokumentarischen Charakter in der Ausstellung das zweite große Gruppe bilden, speziell im Weißen Kubus, dem Hauptausstellungsgebäude: beispielsweise Ai Weiweis berühmtes Triptychon „Dropping an Han Dynasty Urn“ oder auch Song Dongs „Printing on Water“, das den Künstler zeigt, wie er mit mit einer Holztafel immer und immer wieder das Schriftzeichen für „Wasser“ in einen tibetischen Fluss „druckt“. Eine Art fotografisches Daumenkino, das an buddhistische Rituale erinnert – und aufgrund des Schauplatzes natürlich auch eine politische Dimension aufweist.

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Das gilt auch für eine Arbeit im Kubus, die gleichsam das Gegenbild zu Avedons anfangs erwähntem Zyklus „The Family“ bildet: „Occupying Wall Street“ von Accra Shepp, die den Protest und die Anliegen der demonstrierenden „99 Prozent“ für die Zukunft bewahrt. Eine Art Gegen-Archiv gegen Mainstream und Mächtige, genau wie Zanele Muholis „Faces and Phases“, die Porträts südafrikanischer Lesben und Transsexueller sammelte. Kennern der Walther Collection kennen die Bilder bereits, genauso wie etliche andere afrikanische Arbeiten im Kubus. Doch in dem neuen Kontext von „Die Ordnung der Dinge“ sind sie nun weniger Einblick in den fremden Kosmos als formal interessant.

Wirklich neu sind aber die meisten Positionen im „Schwarzen Haus“, wo der Schwerpunkt auf Architektur legt: angefangen von der berühmten Aufnahmen des alten Paris von Eugène Atget über die Dokumentation der Geschäfte an der New Yorker 6th Avenue eines unbekannten Fotografen aus den 30er Jahren bis hin zu den „Twentysix Gasoline Stations“ („26 Tankstellen“) von Ed Ruscha, die als Diashow in der Ausstellung zu sehen sind. Der Magnum-Mitbegründer Henri Cartier-Bresson hatte einst den „entscheidenden Augenblick“ gepredigt.

Das Medium vermag jedoch mehr, das zeigt „Die Ordnung der Dinge“ umfassend und eindrucksvoll. Fotografie kann Zustände und Entwicklungen sichtbar machen – und Ordnung in Ästhetik verwandeln.

Ausstellung: „Die Ordnung der Dinge“ wird morgen, Sonntag, eröffnet. Um 14 Uhr spricht zur Einführung Kurator Brian Wallis. In allen Gebäuden gibt es an diesem Tag kostenlose Führungen: im „Weißen Kubus“ (11 und 15 Uhr), im „Schwarzen Haus“ (12 und 16 Uhr) sowie im „Grünen Haus“ (12.30 und 16.30 Uhr). Um 14.30 und 17 Uhr gibt es Kuratorenführungen in englischer Sprache.

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