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Buchvorstellung

08.12.2018

Rumänien ohne Klischees

Buchvorstellung im DZM: (von links) die Herausgeber Florian Kührer-Wielach und Michaela Nowotnick mit Iris Wolff und Joachim Wittstock.
Bild: Florian L. Arnold

Im Donauschwäbischen Zentralmuseum geht es um das Balkanland zwischen Kindheitserinnerungen und Gegenwart

Rumänien neu erzählen“ ist der passende Untertitel für einen neuen Erzählband mit rumänischen und deutsch-rumänischen Autoren, der mit dem etwas plakativen Titel „Wohnblockblues mit Hirtenflöte“ Leser sucht. Und hoffentlich finden wird, enthält das 224 Seiten starke Buch doch wirklich die Chance, in Rumänien mehr als „Dracula und Ceaucescu“ zu sehen. Deutlich wurde dies auch bei der Präsentation des Buches im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM).

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Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick vom Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität und Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München, hatten Autoren aus Rumänien sowie deutschsprachige Literaten mit rumänischen Wurzeln oder starkem Rumänien-Bezug eingeladen, über ihr Land zu schreiben. Das Bild, das Autoren wie etwa Jan Koneffke oder Iris Wolff zeichnen, ist oftmals melancholisch durchfärbt, nicht selten sind die Geschichten von einer mehr oder minder deutlichen Trauer um Verlorenes geprägt. Wolff und der aus Hermannstadt stammende Joachim Wittstock waren im DZM anwesend und lasen ihren Beitrag zur Anthologie vor – die Autorin mit „Drachenhaus“ eine poetische, der Autor mit dem „Sanatorium Tatler“ eine betont historisch-analytische Erzählung.

Wolffs „Drachenhaus“ erzählt die Geschichte von Henny, deren Eltern aus Kronstadt (rumänisch Brasov) flohen. Die Tochter blieb zurück, baute sich eine Existenz auf und wird doch an jeder Ecke mit den Spuren des verlorenen einstigen Glücks konfrontiert: „Eine Zeit, in der die Kraft gerade einmal ausreichte, um nach sich selbst zu sehen ...“ Das Drachenhaus gibt es wirklich – es ist heute mustergültig renoviert und fasziniert mit ringsum laufenden gusseisernen Drachenköpfen an der Fassade. Wolff, die schon mit „Leuchtende Schatten“ und „Halber Stein“ eine lang nachwirkende Auseinandersetzung mit Siebenbürgen vorlegte, empfinde die Orte der rumänischen Kindheit zwar als „Paradies“, doch sei dieses heute verschwunden.

Rumänien ohne Klischees

Wittstocks Erzählung basiert auf der wahren Geschichte des Sanatoriums Debner, das einst führend war in der Strahlentherapie – und heute einem Parkhaus weichen muss. Im Gespräch mit den Herausgebern machten Wolff und Wittstock deutlich: „Es gibt keinen neutralen Blick, der Blick auf Siebenbürgen ist immer auch ein Blick der Trauer und des Verlustes“, so Wolff. Wittstock ergänzte: Auch in Rumänien empfinde man das so. Denn die Siebenbürger Sachsen waren oftmals kulturell und sozial die Triebfeder im Land. Deren massenhafte Aussiedelung glich einem „kulturellen Selbstmord“, so die Herausgeber.

Die 20 Autorinnen und Autoren dieses Bandes zeichnen ohne Klischees eine wenig bekannte europäische Literaturlandschaft an der unteren Donau, Elke Erb, Dana Grigorcea, Jan Koneffke, Ingo Schulze und Uwe Tellkamp sind nur einige weitere Beitragende. Einen zweiten Band stellte Florian Kührer-Wielach direkt schon in Aussicht: „Überwältigend“ sei das Echo gewesen, und die (literarische) Erkundung Rumäniens habe gerade erst begonnen. (flx)

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