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25.10.2008

Wolken nicht vergessen

Ulm Die Bühne ist den Albträumen eines Bühnenbildners entsprungen: Alles liegt kreuz und quer herum, der spärliche freie Platz ist durch Klebeband in "Wege" eingeteilt, Pfeile weisen ins Irgendwo. Inmitten dieses Tohuwabohu die Theatertruppe, die sich dem Wahnsinn stellt: "Wir haben nichts - keinen Platz, kein Geld, keine Zeit und nur eine Schauspielerin".

Und diese sieht sich vor die schreckliche Aufgabe gestellt, allein den "Faust" von Goethe darzustellen - als Monolog, dem das Ende fehlt. Ein Dichter (großartig: Philip Blom) erscheint sogleich und bringt "den letzten Satz", der, natürlich, nicht passt. Was tun? Alles abblasen? Oder doch irgendwie weitermachen, nur eben: reduziert, reduziert und noch mal reduziert?

Autorin und Regisseurin Stefanie Meyer hat zusammen mit ihren Darstellern dieses "Abzurdithorium" geschaffen, das auf vergnügliche Weise Urängste der Darsteller, Klischees über Intendanten und Dichter verquirlt und an grotesken Verzerrungen nicht spart. Die zartbesaitete Schauspielerin (Renate Steinle) ist überfordert. Die Assistentin (Eva Koch) träumt selbst vom Dasein als Charakterdarstellerin, doch kommt sie nie über den ersten Satz hinaus. Mitleidlos werden ihre Versuche von der Regisseurin (Mia Constantine) zerdrückt: "Mehr Erde! Weniger Blume! Die Wolken nicht vergessen!" Nein, der "Gretchen"-Monolog gelingt nicht mehr. Dann tritt, zu donnerndem Chor (vom Band) der Intendant (Michael Schlecht) aus seinem Olymp herab; ihm wirft sich alles zu Füßen, auch der hinterlistige Couturier, der für die Darstellerin 500 Kostüme in Rechnung stellen will.

Immer skurriler wird der Reigen um fragmentarische "Faust"-Ausschnitte, immer verspielter die Persiflage auf den Theaterbetrieb. Bei aller Kürze - das Stück dauerte gerade einmal 50 Minuten - ist das "Abzurdithorium" eine herrlich respektfreie, überdrehte Persiflage auf manches, was vor und hinter der Bühne engagierte Theaterliebhaber kennen dürften. Der "Faust" geistert als unaufführbares Phantom zwischen hysterischen Diven, überdrehten Poeten und desillusionierter Regisseurin herum. Fabelhaft gelang die zerbrechliche Balance zwischen Groteske, Lustspiel und tragischem Anklang.

Und das Publikum vergnügte sich so sehr, dass es nach dem Schlussapplaus sichtlich keine Lust hatte, zu gehen. Die Schauspieler führten das Stück hinter der Bühne fort, der Zuschauer musste zurück in den grauen Alltag. Leider. Man hätte noch stundenlang weiter zuschauen mögen.

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