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Wiblingen

18.08.2017

Xavier Naidoo und die anderen Typen

So viele Söhne: Den meisten näher bekannt dürften vor allem Xavier Naidoo (Zweiter von links) und H-Blockx-Sänger Henning Wehland (rechts) sein.
Bild: Alexander Kaya

Singende Kompanie aus Kurpfalz: Die Söhne Mannheims kommen mit 16 Mann in den Klosterhof. Ihren Skandal-Song sparen sie sich – und ein Mitglied hält sich auffällig zurück.

Für die meisten im Klosterhof war wohl Xavier Naidoo, berüchtigt für Verschwörungstheorien und steile politische Thesen, Favorit für den blödesten Spruch des Abends. Falsch gedacht. Es ist es schon spät, die Söhne Mannheims haben fast zwei Stunden gesungen und gerappt, da sagt Rolf Stahlhofen, der große Bruder der Truppe, das vorerst letzte Stück des Abends an – und spricht dabei den Terror von Barcelona an. Die Antwort darauf könne nur lauten: „Mit Liebe volle Kraft voraus.“ Und genau da fordert irgendeiner der 3500 Besuchern laut: „Marionetten“! Also den Song, der nicht etwa zu Liebe, sondern Pegida-artig zur Selbstjustiz gegen Politiker aufruft. Der idiotische Wunsch bleibt unerfüllt: Weil die Söhne „Marionetten“ auf der ganzen, mäßig erfolgreichen Tournee nicht singen. Aus rein „musikalischen Gründen“, heißt es.

Liebe, Glaube und Frieden predigen, anderswo von angeblich fremdgesteuerten „Volksverrätern“ faseln und dann doch wieder den Schwanz einziehen? Irgendwie passt bei den Kurpfälzern wenig zusammen. Und das fängt schon bei der Besetzung an. Die hat sich seit der Gründung von 20 Jahren so oft geändert, dass selbst Fans den Überblick verloren haben dürften. Für das aktuelle Album „MannHeim“ und die zugehörige Tour wurden ein paar verlorene Söhne reaktiviert – allen voran Stahlhofen und Naidoo, der 2011 ging und den Erfolg versehentlich mitnahm. Damit scharen sich in Wiblingen sieben singende und zwei rappende Söhne um die Mikrofone. Und werden dabei von noch einmal sechs spielenden Söhnen und einem scratchenden begleitet. Bei so vielen Sprösslingen würde selbst der biblische Vater Abraham neidisch.

Auf der Bühne geht es entsprechend zu wie bei einem Basketballspiel: Je nach Song werden die Sänger ein- und wieder ausgewechselt. Bestimmte Spielsituationen erfordern besondere Spieler: So wird etwa in der Kitsch-Runde („Wenn ein Lied meine Lippen verlässt“) der klassisch ausgebildete Tenor Claus Eisenmann aufs Feld geschickt. Natürlich zusammen mit Star Naidoo, der eher den Soulgesang pflegt. Zum Team gehört seit zehn Jahren aber auch Henning Wehland, Frontmann der in den 90ern recht erfolgreichen Crossover-Band H-Blockx, ein etwas abgewetzter Rocker und eigentlich ein Sohn Münsters. Die Wege des Kaderplaners der Söhne Mannheims sind unergründlich.

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Fast so wie die Gedanken unter der Batschkapp von Xavier Naidoo. Dem Typen, der zwar an Jesus und das nahende Ende der Welt glaubt, nicht aber an die Rechtmäßigkeit von Zeitzonen oder der Bundesrepublik. Dem Typen, der mit seiner Stimme ein deutscher Stevie Wonder werden könnte, wenn er nicht immer wieder wirre Kanye-West-Interviews gäbe. Dem Typen, neben dem die restlichen Söhne nur irgendwelche anderen Typen sind. Doch in Wiblingen singt er schön, lässt sich brav ein- und auswechseln und überlässt das Reden lieber Stahlhofen und Wehland. Wer auf einen Ausrutscher gehofft hatte, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es Liebesbekundungen für das Publikum, den Klosterhof, die „große Familie“ hinter der Bühne.

Dafür bekommen die Fans im Klosterhof eben die Söhne Mannheims. Musik, die zwischen Soul, Gospel, Hip-Hop, Reggae, Radio-Pop und angerockter Power-Schnulze fast alles bietet. Und Texte, die zwischen freikirchlichem Jugendgottesdienst, staksiger Liebeslyrik und Kalenderweisheiten pendeln. Schon okay, schimmerte bisweilen nicht eine diskussionswürdige Haltung hindurch. „Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg! Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief.“ Systempresse an Söhne Mannheims: Ihr dürft es sagen, sogar singen. Das gilt übrigens auch für „Marionetten“, das der erwähnte Schreihals und die anderen Besucher nur am Merchandise-Stand bekommen: als Teil des Albums „MannHeim“. Wer manche Titel darauf nicht möge, ruft Obersohn Stahlhofen, solle einfach weiterskippen. „Mir gefallen alle Stücke.“

Das ist das Schöne im angeblichen GmbH-Deutschland: Man darf auch anderer Meinung sein.

Bilder vom Konzert gibt es hier.

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