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22.04.2019

Zum Welttag des Buches bringt der Postbote Bestseller statt Rechnungen

Romane, Thriller, Kinderbücher und Biografien: Elfi Lutz und viele andere freuten sich zum Welttag des Buches über kostenlosen Lesestoff von der Deutschen Post. Überbringer der Geschenke war Postbote Andreas Bischof, der in Witzighausen schon seit mehr als 30 Jahren die Briefe und Pakete an die Haustür bringt.
Bild: Alexander Kaya

Plus Zum Welttag des Buches verteilt der Postbote in Witzighausen ausnahmsweise nicht nur Briefe. Warum Andreas Bischof seinen Beruf für nichts auf der Welt eintauschen würde.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit wandert die Hand von Andreas Bischof zu einem kleinen schwarzen Hebel. Noch ein kurzes Ruckeln, dann setzt sich das knallgelbe Postauto geräuschlos in Bewegung. „Ich mache das schon eine Ewigkeit“, beginnt der 56-Jährige zu erzählen. Dieser Morgen ist allerdings besonders. Denn im Gepäck hat er heute nicht nur die üblichen Briefsendungen und Pakete. In einer gelben Kiste hinten auf der Ladefläche warten knapp 25 Bücher darauf, verschenkt zu werden.

Seit mehr als 30 Jahren bringt Bischof den Menschen in Witzighausen ihre Post. Von dem neuen Elektroauto ist er begeistert. „Meine Freunde meinen, ich hätte was mit Technik machen sollen“, sagt er und lacht. Mitten in der folgenden Erklärung muss er unterbrechen, eine Frau winkt ihm aus einem Vorgarten zu und grüßt ihn beim Namen. Ein breites Lächeln lässt Bischofs blonden Schnauzer in die Höhe zucken, dann hebt er seine Hand vom Lenkrad und winkt der Frau durch das offene Fenster des Wagens zu. „Guten Morgen, Frau Lutz – Sie lesen doch gerne, richtig?“, ruft er.

Es dauert keine zwei Minuten, da hat sich Elfi Lutz schon für einen Roman aus der gelben Kiste entschieden. „Ich bin ein richtiger Bücher-Fan“, sagt sie. Von der Geschenkaktion der Deutschen Post zum Welttag des Buches habe sie nichts gewusst: „Das ist eine tolle Sache, das habe ich so noch nie erlebt.“ Angetan ist die Witzighauserin auch von ihrem Postboten: „Der gehört zu den nettesten, die ich kenne. Wir plaudern oft miteinander, über den Urlaub und solche Dinge.“

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Vor mehr als 40 Jahren hat sich Bischof bei der Post beworben

Ein flinker Griff an den schwarzen Hebel und das Postauto rollt wieder. „Ich könnte noch ewig weiter ratschen, aber man muss schließlich auch etwas leisten als Postbote“, sagt Bischof. Direkt nach der Schule habe er sich bei der Deutschen Post beworben. Über 40 Jahre ist das her, seitdem ist er Beamter. „Das war die einzige Bewerbung, die ich in meinem Leben geschrieben habe – bereut habe ich es nie“, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Auch wenn der Druck manchmal schon etwas weniger sein könnte.“ Um 7 Uhr morgens beginnt sein Arbeitstag in Neu-Ulm. Dort holt er die Sendungen ab, bevor er sich auf den Weg in Richtung Witzighausen macht. Feierabend habe er erst dann, wenn alle Briefe und Pakete verteilt sind. Gerade im Winter bei heftigen Minusgraden sei die Arbeit hart. „Das ist nicht zu unterschätzen“, betont der 56-Jährige. „Aber jetzt im Frühling, wenn die Sonne scheint und alles blüht, gibt es kaum was Schöneres als draußen zu sein.“

Obwohl die Briefe von Jahr zu Jahr weniger würden, habe er stets mehr als genug zu tun. Gerade von Hand geschriebene Sendungen bringe er kaum noch an die Haustüren. „Früher gab es Angestellte, die nur für die Leerung der Briefkästen zuständig waren – das mache ich heute nebenbei“, sagt Bischof. Dafür hätten die Online-Bestellungen massiv zugenommen. Etwa 80 Pakete liefere er derzeit täglich aus – das seien so viele wie noch nie.

Witzighausen ist für ihn die zweite Heimat

Zu den Empfängern pflege er größtenteils eine persönliche Beziehung. „Ich habe knapp 5000 Namen von Kunden im Kopf und kenne ihre Geschichte. Schließlich bin jeden Tag hier und ein Teil ihres Lebens. Deswegen mache ich diesen Beruf so gerne“, sagt Bischof, nachdem er ein Kinderbuch verschenkt hat und mit den Worten „Sie sind ein Engel“ verabschiedet wird. Er kommt selbst aus der Gegend, wohnt in Illerzell. „Aber hier in Witzighausen ist meine zweite Heimat.“ Diese Verbundenheit habe aber auch ihre Schattenseite: „Wenn jemand stirbt, geht mir das jedes Mal sehr nahe.“ Schon in seiner Anfangszeit als Postbote habe er zudem festgestellt: „Man ist austauschbar, es geht auch ohne einen weiter.“

Bereits gegen Mittag sind von den Büchern in der gelben Kiste knapp ein Dutzend verschenkt. Und schon jetzt ist klar: Austauschbar ist Bischof für die meisten Witzighauser keinesfalls: „Er ist mein Bester“, sagt Anneliese Renz über ihren Postboten und bedankt sich nach einem kurzen Pläuschchen mehrfach für die Autobiografie von Michelle Obama. „Sie können mir ruhig öfter Bücher vorbeibringen, das freut mich“, ruft die Rentnerin Bischof noch hinterher, während dessen Hand schon längst wieder unfehlbar den Weg zu dem kleinen schwarzen Hebel gefunden hat und das knallgelbe Postauto von dannen rollt.

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