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Jazz

22.01.2019

Eine musikalische Lebenszwischenbilanz

Der 39-jährige Denis Gäbel war mit seinem Tenorsaxofon zu Gast im Birdland in Neuburg.
Bild: Frank Matthey

Wie Denis Gäbel mit seinem Tenorsaxofon Kopfkino beim Publikum im Birdland auslöst

Deutscher Jazz? Wen interessiert das schon im Jahr 2019! Während die Politik zunehmend den Patriotismus wiederentdeckt, lieber das Trennende betont und das Verbindende beiseiteschiebt, heißt es im Jazz längst nicht mehr „America first“. Da spielen zwei „Cats“ aus den Vereinigten Staaten auf Augenhöhe mit zwei deutschen Weltklasse-Instrumentalisten, und sie treffen sich – nicht etwa in der Mitte, sondern einfach da, wo es ihnen gerade gefällt. Das kann Brooklyn sein oder Castrop-Rauxel, am Wochenende dankenswerterweise auch Neuburg, und zwar im rappelvollen Birdland.

Die Vier nehmen ihr Publikum mit auf eine gemeinsame Reise durch anonyme Großstadt-Landschaften, die diesseits wie jenseits des Atlantiks erschreckend viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Im Zentrum des kurzweiligen Abends positioniert sich Denis Gäbel mit seinem Tenorsaxofon als leidenschaftlicher, einfühlsamer Erzähler. Der 39-Jährige gehört zu denjenigen Jazzmusikern aus „Germany“, die in New York seit geraumer Zeit allerhöchste Achtung genießen. Der Kölner entpuppt sich nicht nur in seiner Heimat als Hoffnungsträger, sondern wird zunehmend auch „drüben“ wahrgenommen, weil er wie kein Zweiter den robusten, kraftvollen Ton eines Sonny Rollins und die rhapsodische Linienführung eines Wayne Shorter zu einem eigenen Persönlichkeitsstil verschmilzt. Nicht umsonst stehen ihm mit dem Bassisten Reuben Rodgers und dem Drummer Clarence Penn zwei der gefragtesten Rhythmiker der US-Szene zur Seite. Sie verstehen sich nicht bloß als intuitive Stichwortgeber, sondern steuern selbst eine Vielzahl eigener Geschichten bei, ebenso wie Gäbels langjähriger Freund und Leib-und-Magen-Pianist Sebastian Sternal.

So erleben die faszinierten Gäste im Hofapothekenkeller vier unterschiedliche Standpunkte, die dennoch auf eine verblüffend organische Weise zu einem ebenso anregenden wie ungezwungenen Statement für die globale Kraft des modernen Jazz geraten. Das Gros der Stücke stammt aus Denis Gäbels grandioser aktueller CD „Good Spirits“. Die guten Geister des Genres standen dabei Pate. Etwa wenn sie die gründelnd flackernden „Neon Lights“ instrumental illuminieren, mit „Wining“, einer stark treibenden, etwas schleppend schrägen Komposition, jedem signalisieren, sie sollen nicht jammern, sich zusammenreißen, den Mund abputzen und einfach weitermachen. Die „Mystic Scene“ lässt ein federleichtes, kaum fassbares, schwebendes Bild aufblitzen, während „Insomnia“ das Gefühl der Schlaflosigkeit modelliert, diesen Zustand zwischen Erschöpfung und Verzweiflung.

Es sind keine verklärten, geschönten Storys, sondern ist die Lebenszwischenbilanz von vier Männern im gesetzten jungen Alter. Ein flirrendes Kopfkino von verhaltenem Glück, stiller Entschleunigung, Überlebensmechanismen und Seifenblasen über kalten U-Bahn-Schächten. All dem verleihen Gäbel, Rodgers, Sternal und Penn einen plastischen Rahmen. Und es bleibt Jazz, von der ersten bis zur letzten Note. Knackiger, improvisierter Hardbop ohne Patina. Etwas, das sich frei zwischen den Polen bewegt, pausenlos groovt oder funkige Elemente absondert und einen nicht mehr loslässt. Die ideale Kombination von intelligenter und emotionaler Musik mit einem sahnigen „East Coasting“ von Charles Mingus als umjubelter Zugabe. Bravo!

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