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Neuburg an der Donau

22.10.2017

Hochkarätige Musikstrategie in der Neuburger Hofkirche

Domkapellmeister Reinhard Kammler ließ die Besucher in der Hofkirche einem Schachspiel gleich ein besonderes Konzert mit dem Kammerchor der Augsburger Domsingknaben erleben.
Bild: Brigitte Clemens

Der Auftritt der Augsburger Domsingknaben am Samstagabend wird zum Höhepunkt des Dekanatskirchentages. Die Platzwechsel erzielten dabei besondere Effekte.

Nicht nur akustisch war am Samstagabend der Auftritt des Kammerchors der Augsburger Domsingknaben unter der Leitung von Domkapellmeister Reinhard Kammler ein Highlight. Der mehrfach ausgezeichnete Dirigent nutzte jeden akustisch wertvollen Platz in der ehrwürdigen Neuburger Hofkirche, um seine 40 Sänger zu positionieren und dadurch immer wieder andere Klangerlebnisse zu ermöglichen.

Wie in einem Schachspiel wechselten die Domsingknaben von einer Position in die andere, bildeten immer wieder neue Formationen. Anfangs schien der Gesang von der Empore herabzuschweben, dann wieder beherrschten sieben oder acht „Solisten“ den sakralen Raum vom Volksaltar aus, oder gut ein Drittel der Chorknaben stand um den Vorplatz des Altarraumes. Mal ballte sich jeweils fast die Hälfte der Vokalisten – sich gegenüberstehend –, ergänzt von einer Chorlinie solistisch wirkender Domsingknaben, dann wieder rückte eine Kleingruppe bis zur ersten Zuschauerreihe vor. Strategisch auch hervorragend positioniert war eine Handvoll Sänger, die sich – im Kreis zueinander gewandt stehend – von Strophe zu Strophe, von Musikstück zu Musikstück dem im Block hinter dem Volksaltar versammelten Chor näherten, um sich im Finale, bei Johann Sebastian Bachs „Komm, Jesu komm“ mit ihm zu vereinen. Jede Position, jede Formation war wohldurchdacht, effektvoll eingesetzt und vollzog sich in stiller Disziplin.

Die Reformation brachte ja ihre eigene Musik hervor und gerade diese Musik spiegelte auch den Zeitgeist genauestens wieder. Musik, die 500 Jahre alt ist, Musik von römisch-katholischen, aber auch evangelischen Komponisten war in dem reichhaltigen Programm zum größten Teil aus der Zeit Luthers zu finden. Und diese Musik aus dem 16. Jahrhundert kam in Neuburg sehr gut an. Da brauchte es nicht erst das fulminante Finale, Bachs „Komm, Jesu komm“, bei dem die Läufe, mühelos und mit Leichtigkeit vorgetragen, durch die Kirche perlten. Das „Komm“ hierbei hatte einen Aufforderungscharakter, der ansteckte, die „verschwindende Kraft“ wurde emphatisch bestens vermittelt und bei „ich sehne mich“ stand ein unhörbarer Seufzer mitten im Raum. Harmonisch löste sich dies aber schnell in friedliche Stimmung auf, der „rechte Weg“ erschien geklärt und erlöst bis hin zu der spannungsgeladenen Auflösung im letzten Akkord. Ein Bach, der in all seinen Nuancen ausgelotet, ja fast ausgekostet worden war und den Zuhörer mit auf einen Leidensweg nahm, aber letztendlich mit Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit belohnte.

Der Weg zu diesem dem Konzert seinen Namen gebenden Werk war gepflastert mit kleinen Edelsteinen. Vier Stücke von Tomaso L. da Vittoria, der einst selbst Chorknabe war, boten einen perfekten Einstieg in das geistliche Konzert und gaben den Zuhörern die Möglichkeit, die klaren Knabensopranstimmen zu bewundern, ließen sie selbst spüren, wie die Vokalisten ihrem eigenen Musizieren nachspürten, Klänge modellierten, sich in Harmonien hineingleiten ließen oder spannungsgeladene Akzente setzten. William Byrds Psalmen, Motetten und Madrigale gehörten zu den bestangenommenen Kompositionen des 16. Jahrhunderts. Dies wurde auch bei einem voluminös vorgetragenen „Miserere“ deutlich. Das „Laetentur coeli“ war freudig, flott und temporeich, wurde hochkonzentriert, jedoch mit fast unbewegten Minen dargebracht. Bei dem „Senex puerum portabat“ kam der Charakter der Zeit gut in den Terzen, Sexten, Schleifen und Tonfolgen zum Tragen und wurde nuanciert dargeboten. Sozusagen aus der Zeit fiel Max Baumanns Kyrie und Gloria aus der Missa op. 39. Es wirkte „modern“ in diesem Konzertprogramm, es passte nur bedingt in das Zeitalter der neuen musikalischen Ästhetik der Renaissance, gab aber dem Kammerchor die Möglichkeit, auch hier seine besonderen Fähigkeiten zu präsentieren und löste sich in ein wohlgefälliges Amen auf.

Drei „Spitzenreiter“ durften nicht fehlen: „O Welt ich muss dich lassen“ (Heinrich Isaak), „Verleih uns Frieden“ (Balthasar Resinarius) und „Allein auf Gottes Wort“ (Johann Walther) wurden geschmeidig, mit flüssiger und schlüssiger Interpretation, abwechselnd, schon fast kanonähnlich, durch einen kleinen „Singkreis“ und dem Kammerchor in Totale eindrucksvoll gestaltet. Ein Konzert, das in vieler Hinsicht begeisterte und bei dem die „Jesus-Boygroup“ mit ihrer Zugabe „Der Mond ist aufgegangen“ ausgeprägte Gänsehaut beim Konzertbesucher erzeugte und diese mit äußerst wohligem Schauer noch sehr, sehr lange nachwirkte.

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