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Neuburg

12.09.2019

Im Auwald lebt der größte heimische Käfer Europas

Der Hirschkäfer sieht aus wie ein Relikt aus Urzeiten. Und nicht nur das: Er gilt als der größte einheimische Käfer Europas.
Bild: Michael Denk

In den Donau-Auen zeigt sich gerade ein seltener Bewohner: der Hirschkäfer. Wann und wo er entdeckt werden kann.

Der Donau-Auwald zwischen Neuburg und Ingolstadt bietet vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten eine Heimat. Das Aueninstitut Neuburg erforscht seit über zehn Jahren dieses besondere Ökosystem und unterstützt die Arbeit des Wasserwirtschaftsamtes Ingolstadt und der Naturschutzbehörde Neuburg und Ingolstadt bei deren Bemühungen, den Auwald und seine natürlichen Bedingungen zu erhalten. Hier wird regelmäßig über besondere Arten, fragile Beziehungen und Kuriositäten aus der Aue vor unserer Haustüre berichtet.

Er gilt mit seinen bis zu acht Zentimetern Körperlänge als der größte einheimische Käfer Europas. Wie ein alter Mythos besagt, soll er mit seinen imposanten, geweihartigen Mundwerkzeugen Blitze anlocken können. Dieser Umstand brachte ihm den Beinamen Donnerkäfer ein, gemeinhin bekannt ist er aber als Hirschkäfer. Auch sein wissenschaftlicher Name Lucanus cervus enthält ebenfalls einen Hinweis auf die mächtigen Mandibeln (Oberkiefer) des männlichen Käfers: cervus (lat.) bedeutet Hirsch. Unser Bild zeigt hingegen ein Hirschkäferweibchen, dessen Mundwerkzeuge ebenfalls mächtig sind, aber eben nicht wie ein Geweih aussehen.

Spaziert man im Sommer mit offenen Augen und der nötigen Geduld durch die Auwälder südlich und nördlich der Donau, so trifft man diesen gepanzerten Gesellen mit etwas Glück an. Wirklich eine Besonderheit in Deutschland, denn der Hirschkäfer ist stark gefährdet und sogar auf europäischer Ebene geschützt. Ein Blick auf seinen Lebenszyklus zeigt warum.

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Darum fühlt sich der Hirschkäfer in den Donauauen wohl

Der thermophile, also wärmeliebende Käfer bevorzugt lichte, möglichst eichenreiche Hartholzauen, Buchenwälder und Kiefernforste; daneben bieten auch Kulturlandschaften wie Streuobstwiesen diesem Insekt ein geeignetes Habitat. Entscheidend dabei ist, dass das Gebiet einen hohen Anteil an Altholzbeständen mit einem Alter von mindestens 150 Jahren sowie viel Totholz bietet. Denn die Hirschkäferweibchen legen ihre Eier, nur etwa 20 Stück, im Erdreich in bis zu 75 Zentimetern Tiefe am Wurzelwerk alter oder toter Bäume ab. Die schon im Zersetzungsstadium befindlichen Wurzeln sind die einzige Nahrungsquelle der bald darauf geschlüpften Käferlarven. Unter der Erde verbringen sie drei bis acht (!) Jahre, bis sie sich zu bis zu hühnereigroßen Kokons verpuppen. Jetzt im Herbst schlüpfen sie. Ihre Größe kann je nach Nahrungsangebot stark variieren, wobei die Männchen meist mit vier bis acht Zentimetern zum Teil deutlich größer sind als die Weibchen (drei bis fünf Zentimeter). Kleine männliche Exemplare werden auch, etwas spöttisch, als Hungermännchen bezeichnet. Beobachten können wir sie aber erst im darauffolgenden Frühsommer, wenn sich die ausgewachsenen Tiere nach dem Winter den Weg an die Erdoberfläche frei graben.

Im Freien angekommen beginnt erneut die Suche nach Nahrung, die jetzt ausschließlich aus Pflanzensäften besteht, die die Käfer an sogenannten Leckstellen finden. Solche Leckstellen können unter anderem dadurch entstehen, dass Hirschkäferweibchen Wunden in die Rinde von Bäumen beißen. So können sie sogar ihren männlichen Artgenossen bei der Nahrungsversorgung helfen. Diese Tatsache ist auf den Umstand zurückzuführen, dem diese Käfer ihren Namen verdanken – da nur die Mandibeln der Männchen geweihartig vergrößert sind, stehen ihnen diese buchstäblich im Weg. Die Oberkiefer dienen im Wesentlichen dazu, heftige Balzkämpfe mit Konkurrenten zu bestreiten. Denn nur der Bewerber, der seine Widersacher mit seinen kräftigen Kiefern auf den Rücken oder gar vom Ast befördern kann, darf sich mit dem Weibchen paaren. Angelockt werden die Männchen durch weibliche Sexualpheromone, wobei teilweise regelrechte Sammelorte an Leckstellen angeflogen werden (ja, Hirschkäfer können trotz ihrer stattlichen Größe fliegen). Dort wird die nächste Käfergeneration gezeugt, die alte scheidet spätestens bis zum Spätsommer dahin. So konnten wir das Hirschkäferweibchen auf dem Foto auch nur mehr tot auffinden, in der Hoffnung, dass es seine Eier schon an einer Eichenwurzel vergraben hat.

Dort ist der Hirschkäfer in den Donauauen zu finden

Sowohl die geringe Reproduktionsrate (lange Entwicklungszeit von bis zu acht Jahren, geringe Anzahl an Eiern) als auch die speziellen Ansprüche an den Lebensraum machen klar, warum der Hirschkäfer in unseren Wäldern leider so selten geworden ist. Alte strukturreiche Wälder, in denen Bäume auch langsam absterben können und Totholz im Wald verbleiben kann, die zudem auch lichte Strukturen, wie sie die Eiche benötigt, bieten, werden meist aus wirtschaftlichen Gründen immer seltener.

Traditionelle Waldwirtschaftsformen wie die im Gerolfinger Eichenwald herkömmliche Mittelwaldnutzung, die seit einigen Jahren wiederbelebt wird, bieten dagegen für den Hirschkäfer optimale Bedingungen. Gut, dass der Käfer hier überlebt hat, denn eine Neuausbreitung aus anderen Gebieten ist aufgrund der geringen Ausbreitungsfähigkeit von maximal zwei Kilometern (so gut können sie dann doch nicht fliegen!) kaum möglich. Der Klimawandel mit seinen vermutlich trockeneren Sommern stellt für die verbliebenen Hirschkäfer ebenfalls eine Gefahr dar: Die Saftproduktion der Bäume als Nahrungsquelle für die Adulten ist in trockenen Jahren stark eingeschränkt. Gut, dass es in Neuburg die Donau gibt. Insbesondere im durch den Ottheinrichbach wieder mit der Donau verbundenen Teil des Auwaldes bekommen die Eichen und anderen Bäume immer ausreichend Wasser, so dass sie sicher ein wenig für die seltenen Hirschkäfer entbehren können. Auf dass der Neuburger Auwald dem gehörnten Riesen auch weiterhin ein Zuhause bietet.

Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Serie "Vielfalt der Donauauen":

Königsblaue Pracht im Neuburger Auwald: der Kreuz-Enzian

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