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Neuburg

16.02.2018

Schön bunt – oder?

Wie im Farbmalkasten: schön brav nebeneinander folgt eine Farbe auf die nächste. Diese Reihenhauszeile in der Grünauer Straße macht es vor, viele andere Bauten im Stadtgebiet machen es nach und setzen bunte Akzente. Diese kommen jedoch nicht bei jedem Betrachter gut an.
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Wie im Farbmalkasten: schön brav nebeneinander folgt eine Farbe auf die nächste. Diese Reihenhauszeile in der Grünauer Straße macht es vor, viele andere Bauten im Stadtgebiet machen es nach und setzen bunte Akzente. Diese kommen jedoch nicht bei jedem Betrachter gut an.
Bild: Marcel Rother

Was dem einen ein willkommener Farbklecks, ist dem anderen ein ästhetisches Ärgernis. Ein Haus sorgt in Neuburg besonders für Aufsehen.

Da steht es in all seiner quietschgrünen Pracht und zieht die Blicke magisch an – ein strahlender Eckpfeiler an der Spitze zwischen Rohrenfelder und Grünauer Straße: ein Haus, ein Hingucker, ein optisches Ausrufezeichen. An das sich für manche eine Reihe Fragezeichen anschließen. Etwa am Ende von Fragen wie: Ist das noch schön? Oder: Muss das wirklich sein? Wer beides für sich mit „Nein“ beantwortet hat, stellt sich zuletzt vielleicht noch die Frage: Ist so etwas überhaupt erlaubt oder lässt sich dem gestalterischen Wildwuchs an Hausfassaden Einhalt gebieten?

„Eine Beleidigung für‘s Auge“

Diese Frage warf in der jüngsten Bauausschusssitzung Stadträtin Eva Lanig auf und ließ damit durchblicken, dass sie vom farbenfrohen Anblick des Hauses – um es mal so zu sagen – nur mäßig begeistert ist. Oberbürgermeister Bernhard Gmehling wurde direkt deutlicher: „Das ist eine Beleidigung für’s Auge!“ So, damit ließe sich trefflich eine Diskussion um die Frage, wer was als schön empfindet, eröffnen. Das ist jedoch müßig, da es in diesem Punkt erfahrungsgemäß so viele Meinungen wie Menschen gibt. Darum soll an dieser Stelle Stadtjurist Ralf Rick zu Wort kommen, der sich auf dem neutralen Boden des Gesetzes bewegt. Das schreibt schwarz auf weiß vor, in welchem Fall es zu bunt wird.

Die schlechte Nachricht für alle Pastellliebhaber, Farbverweigerer und Freunde der vornehmen Zurückhaltung: Die Fälle, in denen das Gesetz oder die Stadt in die Wahl des Farbtopfs eingreifen kann, sind selten. Große Ausnahme seien Gebäude oder Gebäudeensembles, die unter Denkmalschutz stehen, sagt der Jurist: „Da gibt es strenge Vorgaben.“ Davon betroffen ist beispielsweise fast die komplette obere Altstadt. Farbliche Ausreißer sucht man daher dort vergeblich. Ebenso wie bei einzelnen Baudenkmälern und Bereichen der Unteren Altstadt. Etwa im Umfeld von Kirchen. Knallbunte Gebäuden in direkter Nachbarschaft von Heilig Geist beispielsweise würden die Untere Denkmalschutzbehörde auf den Plan rufen.

Es gibt immer weniger Vorschriften

Abgesehen davon seien die Vorschriften für die Gestaltung von Gebäuden in den vergangenen Jahren stetig nivelliert worden. Das betrifft nicht nur die Farbgebung, sondern das gesamte Erscheinungsbild eines Hauses samt Dächern, Fenstern und Proportionen. Früher habe der Begriff der „Verunstaltung“ noch eine große Rolle innerhalb der Bayerischen Bauordnung gespielt, im Zuge der Liberalisierung der Baugesetze habe dieser jedoch zunehmend an Bedeutung verloren, erklärt der Jurist. Das öffnet gestalterischem Individualismus Tür und Tor. Die einzige Möglichkeit für Städte, darauf Einfluss zu nehmen, sei über einen Bebauungsplan oder eine sogenannte Gestaltungssatzung. Neuburg hat eine solche, sie umfasst auch weite Teile der Unteren Altstadt, ist jedoch nicht viel mehr als ein zahnloser Tiger.

Denn: „Es steht nicht darin, welche Farben verwendet werden dürfen“, sagt Rick. Im Idealfall versuche sich die Stadt daher im Vorfeld mit Hausbesitzern abzustimmen – was bei Neubauten, für die ein Bauantrag das Rathaus passieren muss, naturgegeben einfacher sei als bei Bestandsgebäuden. Will der Eigentümer diesen ein neues Farbkleid verpassen, muss er nicht erst bei der Stadt um Erlaubnis fragen, sondern kann einfach loslegen. Ist das Gebäude erst einmal in den Farbeimer gefallen, stehen die Chancen, daran etwas zu ändern schlecht: „Vor Gericht kämen wir damit kaum durch“, sagt Rick.

Kaum eine Handhabe für die Stadt

Ganz düster sieht es aus, wenn sich Gebäude außerhalb des Geltungsbereichs der Gestaltungssatzung befinden, wie das Haus in der Rohrenfelder Straße. Dort sei selbst gegen Giftgrün kein Ankommen. Selbst rosa Pünktchen, Graffiti, oder ein Bunker in schwarz müssten toleriert werden, sagt Rick. Damit es nicht so weit kommt, hofft er auf das Geschmacksempfinden der Eigentümer und die soziale Kontrolle des Umfelds. Sollte dennoch einmal jemand meinen, sich in einer Weise kreativ austoben zu müssen, die „so himmelschreiend furchtbar und für die Allgemeinheit offensichtlich untragbar ist“, könne die Stadt mit einem Bußgeld reagieren. Als letztes Mittel könne die Stadt versuchen, die Sache vor Gericht durch zu klagen. In allen anderen Fällen obliege die Farbwahl der Freiheit des Eigentümers. Wem das Ergebnis nicht gefällt, kann ebenfalls von einer Freiheit Gebrauch machen: der, einfach wegzuschauen.

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