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Neuburg

16.11.2017

Sport-Kolumne: Im Supermarkt-Dilemma

Mmmh... Geschmacksverstärker. Der Kompass zur gesunden Ernährung im Supermarkt würde fast ausschließlich auf das Gemüse zeigen.
Bild: David Ebener, dpa

Zucker, noch mehr Zucker, irgendetwas mit der Endung „-ose“ und Weizen. Einkäufe sind nur etwas für Nervenstarke.

Wer tiefste Verzweiflung spüren will, muss im Supermarkt nach Mandelmehl suchen. Grundsätzlich hielt ich es für eine gute Idee, meinen freien Samstag zu nutzen, um Zutaten für ein Eiweiß-Brot-Rezept zu besorgen, das mir Julia gegeben hat. Julia Brauner ist selbstständige Personaltrainerin in Neuburg, hat meine Kolumne gelesen und mich angeschrieben. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen und sie hat mir erzählt, was sie zu erzählen hatte.

Personaltrainer und Journalisten sind gar nicht so unterschiedlich, habe ich festgestellt. Wir können beide kein Dach decken und unsere Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt. Das ärgert Julia. Sie ist bis zum Master gegangen und hat alle wichtigen Trainerinnen-Prüfungen abgelegt. Sie findet es nicht fair, dass sich andere Trainer Personaltrainer nennen, obwohl sie nicht ausgebildet sind und nur Geräte vorführen. Wenn sie einen Kunden hat, ist sie nur für ihn da, sagt sie. Julia geht mit ihm einkaufen und versucht ihn auf einen Weg zu bringen, an dessen Ziel ihm Sport und Ernährung Spaß machen, er Gewicht verliert und am Ende das Mandelmehl von allein im Supermarktregal findet.

Soweit bin ich nicht. Als ich am Samstag in einem Supermarkt in Superdimension den Wagen durch den Hindernis-Parcour schiebe, finde ich mich eineinhalb Stunden später wieder zwischen den Gängen. Fluchend, verzweifelt, orientierungslos. In den vergangenen acht Wochen habe ich soviel geschafft. Gewichte gestemmt und Bier ignoriert – aber ein Supermarkt löst in mir Ur-Ängste aus. Als würde ich in Lendenschurz einen Mammut jagen und feststellen, dass ich statt einen Speer nur eine Packung Mehl in der Hand halte. Ich frage eine Kundin, die sich mit einer anderen Frau bei den Backwaren über Rezepte unterhält. „Mandel-MEHL? Meinen Sie gehackte Mandeln? Noch nie gehört.“ Auch der Verkäufer weiß nicht weiter. Ich packe die Gehackten ein und schwanke nach eineinhalb Stunden frustriert zur Kasse. Aus den Lautsprechern kommt Musik: „Send me an angel.“

Eigentlich ist nicht das Mandelmehl schuld an meiner Stimmung. Es ist die Tatsache, dass ich Regal für Regal abgesucht habe und bei geschätzten 90 Prozent aller Produkte erkannt habe, dass ich sie nicht kaufen kann. Dass die Lebensmittelindustrie in der Supermarktdiktatur alles dafür tut, vielleicht einmal Nahrhaftes so weiter zu verarbeiten, dass es nicht in meinem Wagen landet. Zusatzstoffe die auf „-ose“ und „-mat“ enden in den Fertiggemüseprodukten, Zucker in den eingeweckten Gurken. Zucker, Zucker, Weizenmehl. In den Biosachen und im Vollkornbrot.

Ich habe irgendwann im Studium angefangen, Nährwerttabellen zu beachten. Aber dass die „-oses“ darin gar nicht auftauchen, war mir neu. Die Lebensmittelindustrie ist also damit beschäftigt, alles zu verstecken, was den Kunden wachrütteln könnte. Ich gehe ein zweites Mal – mit Julia – einkaufen und frage sie, was denn jemand tun kann, der sich gesund ernähren will, aber keine Ahnung hat. Immer die nicht verarbeiteten Sachen suchen, sagt sie. Und nicht nur die Nährwerttabellen lesen, sondern auch die Zutaten. Am Ende bleibt Gemüse.

Am Abend nach der Einkaufs-Odyssee gehe ich auf ein Konzert in Augsburg. Der zweite Song der Band „Frau Wohlfahrth“ heißt Supermarkt und geht in etwa so: „Supermarkt, Supermarkt. Geh rein, kaufe ein, geh wieder raus.“

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