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Erster Weltkrieg

28.06.2014

Von Kanonendonner

Museumsdirektor Ansgar Reiß vor der französischen Festungskanone. Das Beutestück ist schon vor vielen Jahren ins Armeemuseum gekommen.
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Museumsdirektor Ansgar Reiß vor der französischen Festungskanone. Das Beutestück ist schon vor vielen Jahren ins Armeemuseum gekommen.

Das Armeemuseum zeigt eine Sonderausstellung. Darin findet man die Aufzeichnungen eines Feldartilleristen aus Pörnbach. Und so etwas wie eine Flaschenpost

Das Reduit Tilly ist quasi die Zweigstelle des Bayerischen Armeemuseums. Der Festungsbau steht in diesen Tagen und Wochen im besonderen Besucherinteresse. Denn dort ist die vermutlich größte Dauerausstellung Europas zum Ersten Weltkrieg zu sehen, der – als Folge des Attentats von Sarajevo genau heute vor 100 Jahren – zehn Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Ergänzt wird die Dauerausstellung seit gestern durch eine Sonderschau über das Schicksal der bayerischen Truppen in den ersten beiden Kriegsmonaten. Der Blutzoll der Regimenter war gewaltig. Die letzte Abteilung der Sonderausstellung zeigt das Ausmaß: Die Verlustlisten des Bayerischen Kriegsministeriums für August und September 1914 füllen viele Quadratmeter Wandfläche. 27000 Namen von Gefallenen, Verwundeten und Vermissten sind dort nachzulesen. Nahezu jede Stadt und jedes Dorf in Bayern hatte bereits nach wenigen Kriegstagen Opfer zu beklagen.

In den Vordergrund gerückt wird die Wandlung des Schlachtenbildes damals. Offensiven unter fliegenden Fahnen gab es bei den Einsätzen der bayerischen Truppen in Lothringen kaum. Die Soldaten kämpften wochenlang in Löchern und Schützengräben und um jeden Meter. „Dieser Stellungs- und Festungskrieg ist fürchterlich“, lautet auch der Titel der Sonderausstellung. Tagelanges, schweres Trommelfeuer aus Kanonen zermürbte die Soldaten hüben wie drüben. Eine französische Festungskanone ist schon vor langer Zeit nach Ingolstadt gekommen. Das Beutestück wurde restauriert und ist als Blickfang ausgestellt.

Von Kanonendonner

Wer die schier endlosen Verlustlisten studiert, stößt auf viele Namen von Opfern und Orten auch aus dieser Region. Einem Mann aber räumt die Ausstellung einen besonderen Platz ein: Dem Schmied Wilhelm Heider aus Pörnbach.

Sein Schicksal ist aus mehreren Gründen besonders interessant. Einmal, weil er seine Erlebnisse – mit einer für einen Handwerker ungewöhnlich sauberen Handschrift und sprachlich sehr versiert – festgehalten hat. Außerdem hat es der Zufall gewollt, dass Heider nach einer schweren Verwundung in das damals eilends gebildete Reservelazarett II am Hauptbahnhof in Ingolstadt kam, wo er zwei Jahre unter 2200 verwundeten deutschen und französischen Soldaten lebte. Seine Aufzeichnung ist ein wichtiges Dokument und stellt die Verbindung zwischen Frontstellung und bayerischer Heimat her. Ein idealer Stoff für diese Sonderausstellung.

Heider wurde am 13. September 1881 in Pörnbach geboren und trat im Oktober 1913 beim 8. Feldartillerie-Regiment in Nürnberg zum Militärdienst an. Nach der Mobilmachung rückte seine Einheit nach Lothringen ab. Dort wurde der Pörnbacher am 25. August 1914 durch einen Granatsplitter schwer verletzt. Hilflos lag er Stunden zwischen Toten und Verwundeten, bis ihm ein unbekannter Landser half. Heider schleppte sich zu einem Verbandsplatz und schlug sich zusammen mit Kameraden durch umkämpftes Gebiet, ehe er nach 35 Stunden Fahrt in einem Viehwaggon mit einem Verwundetentransport per Bahn in Ingolstadt ankam.

Nach vielen gesundheitlichen Rückschlägen konnte er zwei Jahre später entlassen werden. Mit einer Behinderung, die ihn zeitlebens begleitete. Er fand eine Stelle als Mechaniker in einer Pörnbacher Brauerei, gründete eine Familie, baute ein Haus. Er starb am 3. Juni 1966.

Seine Lebens- und Leidensgeschichte und eine Abschrift seiner persönlichen Erinnerungen sind in einem Buch zusammengefasst, das Dieter Storz herausgegeben hat. Es ist an der Museumskasse erhältlich.

Neben der Vitrine mit Heiders Handschrift entdeckt man ein auf den ersten Blick unscheinbares breites Brett hinter Glas. Es handelt sich um die Rückwand eines Spiegels. Darauf, mit dickem Bleistift, eine Erinnerung des Münchener Schreiners Johann Reichhold, der den Spiegel gefertigt hat: „Hineingemacht ins Kriegsjahr 1914, genau 1 Tag vor Abmarsch ins Feindesland. München, den 4. August 1914“. Vor drei Jahren ist der Spiegel von der Wand gefallen und die Besitzer entdeckten zum ersten Mal, dass etwas auf dem Holz steht. Das ist wie eine Flaschenpost. Auch Johann Reichhold hat den Krieg überlebt.

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