1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Als es in Oettingen eine Camembert-Industrie gab

Oettingen

29.11.2019

Als es in Oettingen eine Camembert-Industrie gab

In der Goldenen Gans in Oettingen gab es früher eine Camembert- und Rahmfabrik. Der gebürtige Schweizer Robert Müller stellte Milchprodukte und Limonade-Essenzen her.
6 Bilder
In der Goldenen Gans in Oettingen gab es früher eine Camembert- und Rahmfabrik. Der gebürtige Schweizer Robert Müller stellte Milchprodukte und Limonade-Essenzen her.
Bild: Peter Urban

Plus Die neue Ausstellung im Heimatmuseum in Oettingen heißt: „Alles in Milch und Butter“. Es gibt Einblicke in eine Zeit, als Butter und Sahne noch keine Selbstverständlichkeit waren.

Die Information, dass es in Oettingen einstmals eine „Camembert-Industrie“ gab, war der Auslöser für die Konzeption einer neuen Sonderausstellung im Heimatmuseum Oettingen. Dessen Leiterin, Dr. Petra Ostenrieder, war von der Tatsache, dass es eine Camembertfabrik in Oettingen gegeben haben soll, so fasziniert, dass daraus gleich eine ganze „Milchschau“ daraus geworden ist.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Die Ausstellung „Alles in Milch und Butter“ erzählt von der Zeit, als es noch nicht selbstverständlich war, mit einem Griff ins Kühlregal Milch, Joghurt, Butter, Sahne und Ähnliches zu jeder Zeit und in einwandfreier Qualität zur Hand zu haben. Denn wie anders war das noch vor ein paar Jahrzehnten?

Wer nicht selbst eine Kuh oder Ziege hatte, holte Milch in der Nachbarschaft. Es gab noch reine Milchgeschäfte und die Milchsupp’ mit Eingebrocktem Tag für Tag zum Frühstück, die Scheibe Brot mit „guter Butter“ war der Höhepunkt der Woche oder die Schlagsahne in der Waffel beim Besuch der Molkerei. Butter war so teuer, dass eine Taglöhnerin mit ihrem Verdienst davon nicht einmal ein Pfund kaufen konnte. In beinahe jedem fünften Haus in Oettingen gab es ein oder zwei Kühe, um 1920 kamen auf 120 Viehhalter insgesamt 370 Kühe. Die Milch diente hauptsächlich dem Eigenbedarf, der Rest wurde verarbeitet oder an Stammkunden verkauft. Als sich allmählich Molkereien etablierten, sorgte die zentrale Verarbeitung dank moderner Kühlanlagen für gleichbleibende Qualität der Milchprodukte.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der Milchmann war ein vertrauter Anblick

Die Oettinger Landwirte gründeten eine Genossenschaftsmolkerei mit dem Ziel der „vorteilhaftesten Verwertung der in der Wirtschaft der Mitglieder gewonnenen Milch“. Ab 1034 wurde in der Hexengasse ein Laden eingerichtet, die Versorgung frei Haus kam 1950 auf: Der Milchmann mit seinem Gefährt war drei Jahrzehnte lang ein vertrauter Anblick.

Die Ausstellung im Heimatmuseum zeigt die Veränderungen, erklärt, warum viele Gerätschaften vom Stoßbutterfass bis zum Butterrührglas ins Museum wanderten. Sie spricht aber auch das an, was sich nicht unbedingt zum Guten entwickelt hat. Während 1937 in Oettingen ein Jahresdurchschnitt von 2308 Liter Milch pro Kuh gemessen wurde, erbrachte 1957 „die beste Kuh des Landkreises Nördlingen“ bei August Behringer, Schaffhauser Hof, eine Leistung von 6500 Liter Milch. Heute erreichen Spitzenkühe Leistungen von über 10000 Liter pro Jahr. Es ist noch nicht lange her, dass an Straßenrändern Milchbänkle standen und Milchkanne, Zentrifuge, Milchkarte oder Melkeimer für viele zum Alltag gehörten.

Ein typisches Milchflaschentragerl aus Holz.

An Milch und Butter lassen sich gesellschaftliche Veränderungen festmachen, auch in der „Oettinger Camembertindustrie“: Der gebürtige Schweizer Robert Müller richtete 1915 im Gasthof zur Goldenen Gans eine „Camembert- und Schlagrahmfabrik“ ein. Er stellte Milchprodukte und Limonade–Essenzen her, allerdings nur einige Jahre. Nicht nur wegen der schwierigen Verhältnisse in Zeiten der Wirtschaftskrise konzentrierte sich die Familie nach 1930 wieder auf die Gastwirtschaft, der ehemalige Camembertbetrieb wurde zum Kino, das heute beinahe schon Kultstatus besitzt.

Milch und Butter, damals und heute Grundnahrungsmittel, lassen die unterschiedlichsten Erinnerungen wach werden. Beim Besuch der Ausstellung laden die zahlreichen gesammelten Stücke zum Sinnieren, Fragen und Erzählen im Heimatmuseum ein. Sie ist für all diejenigen, die die Zeit noch erlebt haben – eignet sich aber auch für die Jüngeren, die Kühe unter Umständen nur in Lila, Milch lediglich aus der Tüte und Butter nur in 250-Gramm-Supermarkt-Verpackungen kennen.

Lesen Sie auch: Die etwas andere Krippenausstellung in Maihingen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren