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Porträt

19.01.2020

Ein Leben mit knappen Ressourcen in Ehingen am Ries

Biolandwirt Peter Hillesheimer setzt auf Muskel- statt auf Maschinenkraft. Seine Tochter Sonja (Mitte) lenkt Pony Tarik mit dem Heuwagen. Für sie und ihre Schwester Julia ist das keine Arbeit, sondern Vergnügen. 

Plus 2000 Quadratmeter stehen jedem Menschen zu, sagt Peter Hillesheimer. Der Ehinger Landwirt arbeitet mit einem Zugpferd. Die Zeit will er aber nicht zurückdrehen

Vor 15 Jahren stellte sich der Ehinger Landwirt Peter Hillesheimer die Gretchenfrage, die allgemein immer mehr ins Bewusstsein dringt: Wie können wir uns nach der Decke strecken, die wir haben, sprich, welche Ressourcen hat jeder Einzelne von uns? 2000 Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche, erörterte er als Antwort für unser Land, die Hälfte zum Anbau direkt für den Menschen, die andere Hälfte für die Tiere.

Dann beschloss der heute 49-jährige Maschinenbau-Ingenieur, der genau seit dem 1.1.2000 einen Bauernhof in Ehingen betreibt, einfach zu probieren, ob er und seine Familie mit diesem natürlichen Budget auskommen und dabei weitgehend auf den Einsatz von großen Maschinen verzichten können. Auf je 1000 Quadratmetern pro Kopf baut die Familie alles für den Eigenbedarf an – schon etwa 200 Kulturen von Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer über Erbsen und Bohnen bis hin zu Zucker- und Mehlmais oder Rhabarber kamen zum Einsatz.

Alles wird optimal genutzt - von Mensch und Tier

Nach altbewährten, teils verlorengegangenen Methoden werden zum Beispiel Weizen und Erbsen in Gemengesaaten ausgebracht. Alles wird optimal genutzt, zum Beispiel die Ölkürbisse: die Kerne sind für die Menschen, das Innere der Schale picken die Hühner heraus, die Schale selbst fressen die Schafe. Was diese an Futter verschmähen, schmeckt wiederum den Pferden, deren Muskelkraft große Motoren und ihre Emissionen erspart: „Rund 14 Jahre lang hatten wir ein großes Zugpferd und brauchten keinen Traktor“, sagt Peter Hillesheimer.

Das Pferd starb 2018, derzeit arbeitet die sechsköpfige Familie Ersatz dafür ein. In einer eigenen Werkstatt konstruiert der Biobauer Vorrichtungen, mit denen die Ackergeräte durch Pferdekraft bewegt werden können, eine kleine Schreinerei dient zur Verarbeitung der Balsampappeln, die seine Frau Sandra in einer Allee angepflanzt hatte. Auch hier wird alles voll verwertet – Rinden und kleine Zweige knabbert das Vieh, in der Werkstatt werden Pfosten und Bretter hergestellt, es fällt noch genügend Brennholz ab und die dicht stehenden Bäume dienen als Trockengerüst für Heu.

Peter Hillesheimer sieht seinen Hof nicht als Experiment und will auch nicht generell die Zeit zurückdrehen: „Rebooten hieße ja, dass die Entwicklung von neuem einsetzt und irgendwann wieder an dem Punkt angelangt, wo wir jetzt sind.“ Vielmehr will er einzelne „Mosaiksteine“ ausprobieren, die sich mit vielen anderen zum Bild eines nachhaltigen globalen Lebens zusammensetzen, das zweifellos alle Menschen anstreben.

Symbiosen machen Sinn

Das Zusammensetzen dieses Bildes entspricht der Symbiose, die für ihn schon immer entscheidendes Element jeder Entwicklung war: „Nicht, wer der bessere Einzelkämpfer war, zählte bisher, sondern wie gut die Symbiosen untereinander funktionierten.“ So sollten künftig auch Höfe wie seiner als Hofgemeinschaften geführt und untereinander verknüpft sein. Dann hätten Spezialisierungen, wie sie heute die Landwirtschaft bestimmen, ebenfalls ihren Sinn. Beispielsweise lohne sich die zeitaufwendige Reinigung der Zentrifuge bei der Butterherstellung aus der Ziegenmilch nur für eine Familie nicht; aber wenn ein Hof mehrere mit Butter versorgt, funktioniere es.

Die guten Erfahrungen, die er und seine Familie mit dem ursprünglichen Leben auf dem Hof machen, gehen über die reine Landwirtschaft hinaus: Die tägliche Bewegung, der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad und die fleischarme Ernährung sind gesund, das Bewusstsein für die existenziellen Grundlagen wird geschärft, die Kinder lernen viel über Lebensmittel und ihre Verarbeitung, die Lösung der alltäglichen Herausforderungen bringt Kreativität und Erfolgserlebnisse mit sich, das Leben ist vielfältig von der Holzbearbeitung bis zum Umgang mit dem Computer, der wertvolle Informationen liefert bis hin zu CAD-gestützten Apparatekonstruktionen, die zum Teil mit Lego-Modellen getestet werden.

Traditionsbewusstsein entsteht durch die Pferdearbeit oder beispielsweise durch das Trocknen von Getreide als Vorbereitung zum Dreschen in der Scheune. Über allem liegt die heute so oft vermisste Entschleunigung: „Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ist aufgelöst, weil jeder seine Beschäftigung als Mischung aus Spiel, Hobby und Alltagsaufgaben empfindet“, so Peter Hillesheimer. Viele seiner Begriffe fallen in der derzeitigen öffentlichen Diskussion um eine nachhaltige Zukunft – von daher produziert seine Familie auf ihrem Hof wohl so manchen Gesprächsimpuls.

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