1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Ein „gruseliger Ort“ mitten im Wald

Uhlberg

30.04.2013

Ein „gruseliger Ort“ mitten im Wald

Die Ruine Uhlbergkapelle.
Bild: Wolfgang Widemann

Nördlich von Zwerchstraß steht seit rund 500 Jahren die Ruine einer Kapelle. Sie zieht nicht nur Wanderer, sondern offenbar auch Mystiker, Satanisten und Vandalen an

Wolferstadt-Zwerchstraß Als Thomas Kleinle von der Giebelseite her den Innenraum der Ruine betritt, erstarrt er kurz und ihm entfährt ein ungläubiges „Nein“. Er hat schon viel über die Uhlbergkapelle gelesen und gehört. Er weiß, dass das einstige Gotteshaus mitten im Wald nördlich des Wolferstädter Ortsteils Zwerchstraß bereits vor 500 Jahren aufgegeben wurde. Dem studierten Historiker ist auch bewusst, dass das nur über holprige Forstwege erreichbare Gemäuer mehrere Kilometer abseits der Zivilisation „scheinbar eine besondere Anziehungskraft besitzt“ – nicht nur auf Wanderer, sondern auf allerlei Gestalten, die sich in der Nacht dort herumtreiben.

Nun waren wieder welche da. Sie haben etwas hinterlassen, was zu den Erzählungen rund um den Uhlberg passt und Kleinle erschaudern lässt. In einem frisch gegrabenen Loch in der Mitte der Kapelle, von der nur noch die Außenmauern stehen, steckt ein aus dürren Ästen gefertigtes umgedrehtes Kreuz. Es ist ein Zeichen mit satanischer Bedeutung.

Was sich auf der Anhöhe direkt an der Grenze zu Mittelfranken abgespielt hat, darüber kann Kleinle ebenso nur spekulieren wie der Wolferstädter Pfarrer Volker Kurz. „Das ist kein sakraler Ort mehr, sondern nur noch ein historisches Gemäuer“, stellt der Geistliche klar. Bis vor einigen Jahren feierte die Pfarrei dort Andachten, aber mittlerweile habe man das aufgegeben: „Die Ruine liegt so abseits und ältere Menschen können sie schwer erreichen.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ob dort bei Dunkelheit tatsächlich Satanisten schwarze Messen feiern oder junge Leute nur den „Reiz des Verbotenen“ verspüren, sich einen Scherz erlauben und einfach Party machen, mag Kurz nicht zu beurteilen: „Ich hoffe, dass es hauptsächlich jugendliche Streiche sind.“

Die jüngsten Besucher scheinen durchaus Kenntnisse von diesem Ort beziehungsweise den Sagen, die sich um ihn ranken, zu haben. Die Unbekannten gruben mit einem dickeren Ast, um den sie ein Klebeband wickelten gleich mehrere kleine Gruben aus. Vielleicht suchten sie die Schätze der Kirche, die in dieser in finsteren Zeiten des Bauernkriegs 1525 in der Erde versteckt worden sein sollen.

Im Internet finden sich zahlreiche Beiträge über den Uhlberg und seine Kapelle, bevorzugt auf Seiten, die sich mit Geistern, Gespenstern, Spukorten oder vermeintlich mysteriösen Begebenheiten beschäftigen. „Der Uhlberg ist so gruselig“, lautet ein Eintrag in einem Gästebuch. Gleich darauf folgt der Tipp, dort zu übernachten wäre aber „nicht schlimm“ – auch wenn eine TV-Serie vor einigen Jahren den Uhlberg zu den „zehn gruseligsten Orten in Deutschland“ gezählt hat. Der ist allerdings gar nicht so leicht zu finden, merkt der Wolferstädter Bürgermeister Xaver Schnierle an. Vor einigen Jahren reisten zwei Burschen aus Feuchtwangen an – nachts um 3 Uhr. Sie verliefen sich im Wald und fanden ihr Auto nur mithilfe der Polizei wieder.

Immer wieder wird im Internet auf die Sage der „weißen Frau“ verwiesen, die seit Jahrhunderten am Uhlberg den Menschen erscheinen soll. Thomas Kleinle hält sich da lieber an die Fakten, die er selbst in Archiven recherchiert hat. Demnach siedelten – darauf lassen Funde schließen – schon die Kelten auf der Anhöhe gut 600 Meter über dem Meeresspiegel. Von 1140 bis ins 17. Jahrhundert gibt es Hinweise auf einen Weiler.

Der Deutsche Orden mit Sitz im fränkischen Ellingen baute die Kapelle, die stolze 26 Meter lang und 10 Meter breit war. 1466 wird sie in einem Ablassbrief des Papstes Paul II. erstmals erwähnt. Die Kapelle sei errichtet worden, weil an dieser Stelle ein Bildstock Wunder gewirkt haben soll, so der Historiker aus Wolferstadt. Aber schon etwa 50 Jahre später, wohl in den Wirren der Reformation, sei die Kirche dem Verfall preisgegeben worden. Ein Kloster, wie oft zu lesen ist, habe es dort nie gegeben.

Die Ruine blieb nach Erkenntnissen von Kleinle aber ein Ziel für Gläubige. Vom Anfang des 18. Jahrhunderts sind geheime Zusammenkünfte einer evangelisch-pietistischen Sekte am Uhlberg überliefert. „Der Anstifter musste mit einer schwarzen Kerze in der Hand vor der Kirchentür in Wolferstadt verharrend seine Ketzerei büßen“, so der Heimatforscher. Auf den Uhlberg seien weiter Wallfahrer gekommen, sogar bis aus dem Allgäu.

Nach den angeblichen Schätzen sei bereits in früheren Zeiten gesucht worden. Die Ingolstädter Zeitung berichtete 1874, dass „zwei weiße Gestalten“ sowie Raben als Wächter am Uhlberg seien. Viele Besucher beließen es aber nicht beim Graben von Löchern in der dunklen Erde im Inneren der Ruine, die zuletzt 1970 restauriert wurde. „Es wird immer wieder etwas kaputt gemacht“, berichtet Thomas Kleinle.

Von der Infotafel stehen längst nur noch die Pfosten. Eine steinerne Madonna, die der aus Wemding stammende Künstler Ernst Steinacker aufstellte, zertrümmerten Unbekannte 1993 mit brachialer Gewalt. Die Bruchsteinmauern wurden wiederholt mit roter Farbe beschmiert.

Mehrmals wüteten ungebetene Gäste

Noch schlimmer erging es der Jagdhütte, die seit gut 200 Jahren einen Steinwurf von der Kapelle entfernt stand. Mehrmals wüteten dort ungebetene Gäste. Sie verwüsteten das Gebäude, rissen den hölzernen Vorbau ein und verbrannten die Balken und Bretter in der Hütte. „Das war Vandalismus pur“, sagt Elmar Bernauer, Leiter des Staatsforsten-Betriebs Kaisheim, der für den Staatswald am Uhlberg zuständig ist. Weil der Zustand des Gebäudes desolat war und das Zündeln eine Gefahr für den Wald darstellte, ließ der Kaisheimer Betrieb die Hütte im Sommer 2012 abreißen.

Das nächtliche Treiben in und um die Uhlbergkapelle löst bei Bernauer nur Kopfschütteln aus: „Von unseren Förstern, die jeden Tag dort oben sind, ist noch keinem die ,weiße Frau‘ begegnet. Ich will mal Prophet sein: Das wird auch nicht passieren.“ Magnus Kastenhofer von der Polizeiinspektion Donauwörth ist da gleicher Ansicht: „In Wirklichkeit ist da eine Ruine und sonst nichts.“

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20IMG_6899.tif
Nördlingen

Sie fährt mit dem Bus am liebsten durch die Gassen der Nördlinger Altstadt

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen