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Theater

23.02.2018

Freundschaft im Stresstest

Diese Schauspieler hatten viele Besucher im Klösterle zuvor im Fernsehen gesehen (von links): Luc Feit als Serge, Heinrich Schafmeister als Yvan und Leonard Lansink als Marc.
Bild: Dieter Mack

Schauspieler, die viele Besucher schon im TV gesehen haben, spielten in der Komödie „Kunst“ im Klösterle. Warum Yasmina Rezas Erfolgsstück beim Publikum bestens ankam

„Ein Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt“, formulierte der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Elbert Hubbard einst ironisch. Dass Freundschaften jedoch bisweilen auch Bewährungsproben ausgesetzt sind, zeigt die Komödie „Kunst“ von Yasmina Reza, die im Rahmen des Kulturprogramms der Stadt Nördlingen im Stadtsaal Klösterle zur Aufführung kam.

Angesiedelt ist das Stück im wohlhabenden, weltgewandten Bildungsbürgertum, in einer Welt, in der es keine Probleme gibt – außer den selbst gemachten. Der „Casus knacksus“ ist eigentlich nur ein Bild, das sich der kunstsinnige Dermatologe Serge (Luc Feit) zu einem mehr als stolzen Preis gegönnt hat. Allerdings ist das „Gemälde“ komplett weiß – „weiße Streifen auf weißem Hintergrund“. Deshalb mag Serges Kumpel, der bodenständige Ingenieur Marc (Leonard Lansink), dessen Begeisterung für die „Vibrationen der Monochromie“ keineswegs teilen – und kann gar nicht fassen, dass Serge „200000 Franc für diese Scheiße“ bezahlt hat. Schon ist ein formidabler Streit im Gange, den der gemeinsame Freund Yvan (Heinrich Schafmeister) schlichten soll. Doch der befindet sich gerade selbst in einer permanenten Lebenskrise und macht mit seinen unbeholfenen Vermittlungsversuchen („ihr seid doch beide bescheuert“) alles nur noch schlimmer. So gerät Yvan selbst ins Kreuzfeuer („du schaffst die Grundlage für unseren Konflikt“) – statt auf Verständnis und Annäherung zu setzen, regiert bald das Prinzip „jeder gegen jeden“. Dabei geht es schon lange nicht mehr um das Bild, vielmehr treten nicht aufgearbeitete Altlasten ans Tageslicht – ein echter Stresstest für die Freundschaft der drei.

Nach „Drei Mal Leben“ im Klösterle und „Gott des Gemetzels“ in der Schauspielmanufaktur ist mit „Kunst“ bereits das dritte Stück der französischen Autorin Yasmina Reza in Nördlingen zu sehen. Das überaus erfolgreiche Werk aus dem Jahr 1994 wurde in 40 Sprachen übersetzt und von der Kritik als „Triumph der Gesellschaftskomödie“ gefeiert. Mit Recht, denn das Stück greift nicht nur das Thema persönliche Wahrnehmung von Kunst auf und setzt gezielte Seitenhiebe in Richtung einer überkandidelten Kunstszene. Vielmehr ist es auch eine wunderbare Parabel über Freundschaft sowie deren Belastbarkeitsgrenzen. Mit spritzigen Dialogen, feinen Wortspielen und einem stets humorvollen Grundton entsteht eine intelligente Komödie, für die Reza mit dem Prix Molière, dem „französischen Theater-Oscar“, ausgezeichnet wurde.

Zudem hat die Konzertdirektion Landgraf das Drei-Personen-Stück mit ebenso bekannten wie ausgezeichneten Schauspielern besetzt: Leonard Lansink genießt vor allem als TV-Detektiv Wilsberg, den er seit mehr als 20 Jahren spielt, eine breite Popularität. Dessen Charakterzüge – streitbar, trocken und doch gutherzig – passen ziemlich genau auf die Figur des Marc, was dieser viel Authentizität verleiht. Aus zahlreichen Fernsehrollen (Tatort, Erkan & Stefan …) ist auch Luc Feit bekannt, der als verkappter Intellektueller Serge mit verbalem Biss und Konfliktpotenzial zu überzeugen weiß. Den Vogel schießt jedoch der großartige Heinrich Schafmeister ab, welcher als Midlife-Crisis geplagter Hypochonder und Pessimist Yvan („meine Perspektive: Heirat – Kinder – Tod“) mit ständigen Gefühlsschwankungen für die Lacher im Stück sorgt. Allein wie er – mit sich ständig überschlagender Stimme und mithilfe seines Schuhs – vor seinen Kameraden ein Fünf-Minuten-Telefonat mit seiner Mutter nachstellt, scheinbar ohne auch nur ein einziges Mal zu atmen, ist eine Klasse für sich.

Am Ende aller Irrungen und Wirrungen obsiegt schließlich doch die Freundschaft, nach diversen reinigenden Gewittern vertragen sich die Kumpels wieder. Die rund 400 Besucher im Nördlinger Klösterle spenden ausgiebigen Schlussapplaus für eine ebenso unterhaltsame wie sehenswerte Komödie mit erstklassigen Darstellern, die sich – keineswegs alltäglich – nach der Vorstellung noch für eine Autogramm- und Fotorunde zur Verfügung stellen.

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