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Donau-Ries

19.01.2021

Friseure im Donau-Ries: Schwarzarbeit im Lockdown?

Seit über einem Monat müssen Friseure ihre Läden geschlossen halten.
Foto: Arnde Dedert, dpa (Symbolfoto)

Plus Geschlossene Friseursalons stellen viele vor ein Problem – am meisten die Betriebe selbst. Manche lösen dieses mit Schwarzarbeit. Wie Friseure aus dem Landkreis Donau-Ries das beurteilen.

An Fußballerfrisuren haben sich die Geister schon immer geschieden. Denn die wenigsten Kicker zeigen sich auf dem Kopf so stilsicher wie David Beckham, der Grat zwischen Paradiesvogel und Struwwelpeter ist schmal. Und selbst jetzt, während Friseure im Lockdown nicht arbeiten dürfen, sind die Haarschnitte der Bundesliga-Profis ein Thema. Denn womöglich ignorieren viele den Schneidestopp. Eine Praxis, die der Zentralverband des Friseurhandwerks kürzlich in einem offenen Brief prominent angeprangert hat. Was kurios klingt, legt jedoch ein größeres Problem offen, das auch im Landkreis Donau-Ries Auswirkungen hat: Während manche Friseure im Lockdown um ihren Betrieb bangen, flüchten Kollegen sich in die Schwarzarbeit.

„Das ist überhaupt nicht okay“, sagt Doris Reiner aus Kaisheim. Sie betreibt dort einen Friseursalon, der wie alle anderen seit knapp über einem Monat geschlossen sein muss, um die Corona-Infektionszahlen einzudämmen. Täglich erreichen sie 20 bis 30 Anrufe mit der Bitte um einen Friseurtermin, den es gar nicht geben darf, erzählt Reiner. Sie lehne kategorisch ab, der Kontakt sei unverantwortlich, die Strafe mit 5000 Euro zu hoch. Deshalb habe sie auch kein Verständnis für ihr bekannte Kollegen, die die unmoralischen Angebote annähmen – dabei ist Reiner selbst zunehmend ungeduldig. „Es tut furchtbar weh, nicht arbeiten zu dürfen“, sagt sie. Finanziell gehe es ihr gut, doch der Kontakt zu ihren Kunden fehle ihr enorm.

Friseure kämpfen um ihre Zukunft, sagt der Nördlinger Innungsmeister

Die Ungeduld und der Frust wachsen auch bei Willi Uhl. Der Maihinger betreibt einen Salon in Nördlingen und ist Innungsmeister in Nordschwaben. Der Brandbrief seines Zentralverbandes habe die Friseure endlich in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, sagt er. Uhl und der Zentralverband drängen darauf, dass Friseure bald wieder öffnen können. In der Region kämpften viele Betriebe um ihre Zukunft, während staatliche Hilfsgelder auf sich warten ließen.

Darüber regt sich auch Stefanie Kritsch auf, die Inhaberin von Curly Friseure in Wemding. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben die Hilfen besser funktioniert, sagt sie. Zudem hätten die Menschen gelernt, die Arbeit der Friseure wertzuschätzen, als diese geschlossen hatten. Doch diesen Eindruck hat sie aktuell nicht mehr. „Ich frage mich, ob die Politik aus dem Frühjahr nichts gelernt hat“, sagt sie. Hilfsgelder erhielte sie gerade gar keine.

Illegale Friseurtermine stoßen bei Kollegen auf Kritik und Verständnis

Und für Rainer Bscher, der wenige Ecken von Kritsch entfernt ebenfalls einen Salon betreibt, seien diese ohnehin nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Deshalb hat er auch Verständnis für diejenigen, die aktuell Schwarzarbeit anbieten. „Viele geraten derzeit ins Schwimmen, wissen nicht mehr, wie sie ihre Miete zahlen sollen“, sagt er. Ihm sei konkret kein solcher Fall bekannt, und gut finde er das Vorgehen ebenfalls nicht. „Alle müssen sich an Gesetze halten“, erklärt Bscher.

Ähnlich sieht es Innungsmeister Uhl. Er verurteilt die Schwarzarbeit – und verweist zugleich auf „pure Existenzangst“, die manche dort hineintriebe. Zumal er es als ungerecht empfindet, dass viele Betriebe weiter Büros oder Produktion offen halten dürfen, während er und seine Kollegen schließen mussten. Uhl verweist auf funktionierende Hygienekonzepte und darauf, dass man keine Infektionskette auf einen Friseursalon habe zurückführen können. Tatsache ist jedoch auch: Bei 75 Prozent der Corona-Infektionen konnte zu Beginn der zweiten Welle die Infektionsquelle nicht nachvollzogen werden. Dass die Hygienekonzepte in Friseursalons sämtliche Ansteckungen verhindert haben, könnte also möglich sein – sicher ist es nicht.

Hygienekonzepte sind das Argument der Friseure

Ob bei Friseurterminen unter der Hand Hygienekonzepte überhaupt beachtet werden, ist mehr als fraglich, kontrolliert werden können sie dort ohnehin nicht. Auch das ist für Uhl ein Argument dafür, Läden wieder zu öffnen: In den Salons hätten Behörden die Möglichkeit, Friseure zu kontrollieren. Die Konzepte hätten gut funktioniert, sagen die Friseure in der Region – auch Natalie Guthy-Reuter aus Oettingen. Noch halte der Betrieb, den ihr Urgroßvater vor über 100 Jahren gegründet hat, die Schließung durch, doch lange ginge es nicht mehr. Dennoch sagt sie: „Ich sehe keine Möglichkeit, es besser zu machen.“ Zwar würden andere Branchen zu locker gehandhabt, sagt sie. Doch die Schließungen kann sie verstehen. Bis sie wieder öffnen darf, habe sie Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Und auch mit ihren Kunden bleibt sie in Kontakt – allerdings nur online. Selbst dann, wenn es Fußballer sind.

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