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Nördlingen

17.06.2017

Wenn Grenzen verschwimmen

Marlies Biedenkap stammt aus Nordrhein-Westfalen und machte ihre Ausbildung zur Erzieherin in Düsseldorf. Bereits da kam sie mit der Montessori-Pädagogik in Berührung.
Bild: Ronald Hummel

Erzieherin Marlies Biedenkap etablierte die Montessori-Pädagogik im Löpsinger Kindergarten.

Sie kann einfach nicht aus ihrer Haut. Auf die Frage nach ihrer Arbeit hält Marlies Biedenkap keinen Vortrag, sondern taucht in ihr Meer aus selbst hergestellten Montessori-Lern- und Übungsmaterialien ein: Zu einem Nagelbrett gehören Gummis, mit denen man auf Kärtchen vorgezeichnete Dreiecke, Fünfecke oder Trapeze in den Nägeln aufspannen kann. Zum Thema „Meer“ holt sie kleine Plastikbecken heraus, in die die Kinder gefärbtes Wasser laufen lassen und sehen, wie Inselgruppen, ein Fjord, eine Meerenge entstehen. Dazu gibt es Tastkarten für das „Muskelgedächtnis“ mit rauem Karton als Land und glatter Laminierung als Wasser. Und ein Bilderbuch zum Wasserkreislauf aus einer durchwegs selbst hergestellten Bibliothek, in der es auch ein Exemplar über die benachbarten Störche Fritz und Frieda gibt, bezaubernd betextet von den Kindern selbst. Papierbäume werden gemäß der darauf stehenden Zahl mit Äpfelchen behängt, was Fingerspitzengefühl und Zahlenkenntnis fordert und fördert. Deutschland, Europa und die Welt gibt es als farbige 3-D-Holzpuzzles nebst Flaggen-Domino; von den Übungsrahmen, wo man Schleifen binden und Gürtel schnallen kann, gibt es ein maßgefertigtes Sonderexemplar für ein muskelkrankes Mädchen, das die Schleifen nun auch beherrscht.

Mit Montessori kam die aus Nordrhein-Westfalen stammende Marlies Biedenkap schon in ihrer Ausbildung als Erzieherin in Berührung, die sie in Düsseldorf absolvierte – nur wenige Kilometer von Holland entfernt, dem Ursprungsland der Montessori-Pädagogik. Die offene Form der Erziehung mit allen Sinnen, die auf Beobachten des Kindes und daraus abgeleiteten optimalen Vorgehensweisen basiert, praktizierte die Erzieherin von Anfang an, zunächst auch ohne Montessori-Label. Zwei Jahre arbeitete sie in einem Kindergarten in Monheim (Rheinland), dann kam sie „ins Schwabenländle“, um eine Familie zu gründen. Zwischendurch betrieb sie mit ihrem Mann 15 Jahre lang eine Mühle, dann zog die Familie ins Ries, wo sie im Maihinger Kindergarten eine Stelle annahm und nebenher dann schließlich das Montessori-Diplom erwarb.

Als sie im Jahr 2000 zum Löpsinger Kindergarten kam, praktizierte sie stillschweigend Montessori-Pädagogik. Eines der Erfolgserlebnisse war, dass etliche Eltern aus anderen Gemeinden, die sie und ihre Arbeit kennengelernt hatten, ihre Kinder extra nach Löpsingen in den Kindergarten schickten. An Elternabenden führte Marlies Biedenkap schließlich ihre Materialien vor und stellte den Montessori-Weg vor. „Das war ein sehr positives Aha-Erlebnis für die Eltern.“ Aber auch Pfarrer Gerhard Berner und danach Pfarrer Jochen Maier zeigten sich beeindruckt und ebneten den Weg, sodass 2008 in Löpsingen schließlich das erste Montessori-Kinderhaus im Ries entstand. Nicht ohne Stolz erinnert sich Marlies Biedenkap: „Die Prüferin war sehr angetan von den Lernmaterialien und fragte, ob sie einen Lastwagen vorbei schicken könne.“

Unter den derzeit 43 Kindern sind auch drei Inklusionskinder, die ihr schon immer ganz besonders am Herzen lagen: „Ich brauche die Herausforderung, auch kompliziertere Kinder zu fördern.“ Auch hier verzeichnet sie Erfolge, wenn sie die Kinder fit für die Regelschule macht. Von dort bekommt sie generell sehr gute Rückmeldungen – die schulischen Leistungen aller ihrer Kinder seien überdurchschnittlich, das Sozialverhalten, das Marlies Biedenkap grundsätzlich ganz oben ansiedelt, ganz hervorragend. Ende Juli ist die „Ära Biedenkap“, wie es Pfarrer Maier ausdrückte, zu Ende, die hoch geschätzte Erzieherin geht in den Ruhestand. Rückblick, Ausblick? „Ich wünsche mir einfach, dass es in meinem Sinne weiterläuft“, sagt Marlies Biedenkap.

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