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21.08.2015

Ali Mitgutsch: Die Geschichte des "Wimmelbuch"-Schöpfers

Ali Mitgutsch mit einem seiner Wimmelbücher. Millionen Kindern hat er damit strahlende Augen bereitet.
Bild: Rolf Vennenbernd

Plus Ali Mitgutsch hat mit seinen Wimmelbüchern Millionen Kinder glücklich gemacht. Was er in seiner Kindheit im Allgäu erlebte, hat er nie gezeichnet. Wir haben ihn vor fünf Jahren getroffen.

Ein kleiner, blonder Junge hängt im Stacheldraht hinter einer Mauer fest und hat ein blutiges Bein, sein Kumpel auf der anderen Seite ruft ihm etwas zu. Irgendwo ein fuchsteufelswilder Mann im Hausmeisterkittel. An einer anderen Stelle ist der blonde Junge gerade vor einer Alpenkulisse auf einem Steg eingebrochen und steht bis zum Bauch in einem winterlichen Bach. Die anderen Kinder verstecken sich gehässig kichernd hinter einem Busch. Dann ist da noch einmal der kleine Blondschopf, der gespannt der Geschichte seiner Mutter lauscht oder der seinen Kopf in Bücher steckt. Wieder an einer anderen Stelle eine Stadt in Trümmern und eine Gruppe Kinder auf Schatzsuche in den Ruinen …

So könnte die erste Seite aussehen, würde Ali Mitgutsch ein Wimmelbuch über sein Leben zeichnen. Also eines dieser detailverliebten, proppenvollen Bilderbücher, die in fast jedem Kinderzimmer stehen und bei deren Erwähnung mancher Erwachsene diesen nostalgischen „Ach ja, war das schön“-Blick bekommt. Der Münchner Künstler hat sie Wimmelbücher genannt und damit 1968 ein neues Kinderbuchgenre erfunden. Am heutigen Freitag feiert Ali Mitgutsch seinen 80. Geburtstag – wenn das mal kein Anlass ist, sich mit dem Vater der Wimmelbücher durch sein bewegtes Leben zu wimmeln, denn da gibt es einiges zu entdecken.

Unten auf der Straße schon: Morgengewimmel. Lieferwagen versorgen die Restaurants und Cafés der Maxvorstadt. Menschen gehen mit Hunden Gassi oder einfach nur grußlos vorbei. Ein Fahrradfahrer braust um die Ecke. Die Frau vom Antiquariat gegenüber stellt gerade die Bücher heraus. Das alles sieht Ali Mitgutsch, wenn er von seinem kleinen Balkon im vierten Stock seiner Altbauwohnung schaut. Von diesen Alltagsszenen seiner Stadt lässt er sich seit über 50 Jahren inspirieren und auch überraschen. Auch gerne als Beobachter mittendrin. Dann geht er die knarzenden, in der Mitte leicht ausgetretenen Treppenstufen hinunter, öffnet die schwere Eingangstür und los geht’s.

Ali Mitgutsch hat die Not des Krieges geprägt

Nun sitzt er aber am Küchentisch und lächelt sanft. Er trägt eine seiner bunten Kappen, inzwischen so etwas wie sein Markenzeichen, und seine blauen Augen funkeln aufmerksam durch eine rote Brille. Er ist noch immer ein guter Beobachter. „Hinter Ihnen, unter dem Rollo, da sitzt eine Wespe, Vorsicht“, sagt er und trinkt dann aus einer dunkelroten Schutzengeltasse aufgewärmten Kaffee. „Da gibt man einfach ein bisschen heißes Wasser dazu und schon ist er wieder warm“, verrät er seinen Trick aus alten Tagen. Jemand, der die Not des Krieges erlebt hat, schüttet nichts einfach weg. So etwas prägt. Daran ändern auch Millionen verkaufte Wimmelbücher nichts.

Der blonde Junge sitzt mit anderen Menschen in einem Keller, die Häuser darüber sind zerstört oder brennen. Ein Lehrer schlägt ein Kind. Andere Buben verprügeln den blonden Jungen. Einer klaut ihm sein Taschenmesser. An einer anderen Stelle läuft der blonde Junge weg und die anderen Kinder zerstören sein Lager im Wald. Dann noch: metallsammelnde und ziegelsteineklopfende Kinder mit Handwagen in der Ruinenlandschaft. Und: Der blonde Junge weint über dem Grab seines Bruders.

Ali Mitgutsch, der Erfinder der Wimmelbücher.
Bild: dpa (Archivbild)

Solche Szenen aus seinem wirklichen Leben würde es in den Mitgutsch-Wimmelbüchern nicht geben. Diese sind voller Humor und liebevollen Details, netten Missgeschicken oder Alltagsszenen und ganz viel Wärme. Mitgutschs Kindheit hingegen war traumatisch. In München erlebte er die Bombenangriffe, sah als Bub verkohlte Leichen, saß voller Angst im Luftschutzkeller, musste den Tod seines großen Bruders Ludwig verkraften. Als er gegen Ende des Krieges mit seiner Mutter und seinen Schwestern ins Allgäu geschickt wurde, drangsalierten ihn dort die anderen Kinder. Sie lockten ihn über eine angesägte Brücke und verprügelten ihn. Der „sadistische Lehrer“ hatte ihn, das fremde Stadtkind, auch auf dem Kieker. „Wenigstens blieb mir das Träumen. Sobald ich konnte, flüchtete ich in meine eigene Welt. Dort fühlte ich mich geborgen. Die Wirklichkeit konnte mir nichts mehr anhaben“, erinnert sich Mitgutsch in seinem Buch „Herzanzünder: Mein Leben als Kind“ (dtv). Das lebhafte Kind war immer allein. Langeweile kannte es aber nicht. „Irgendetwas zum Lesen oder Ausdenken fand ich immer.“

In seiner Fantasie schuf sich der kleine Ali zwei Freunde: Jumbo, den Starken. Und Fritz, den Schlauen. Sie halfen ihm, die harte Zeit im Allgäu zu überstehen. Seine Mutter, eine talentierte Erzählerin, musste ihm außerdem Geschichten aus München erzählen. In seinem Kopf wimmelten die Bilder. „Ich hatte München eigentlich nie verlassen, ich träumte immer von München, auch wenn ich nicht in München war. Damals dachte ich, alles Schreckliche kommt vom Land“, sagt Ali Mitgutsch am Küchentisch sitzend mit Blick auf die Dächer der Maxvorstadt.

"Manche Buben waren die Zuhälter ihrer eigenen Mütter"

Als er dann nach Kriegsende wieder nach München zurückkam, war nichts mehr so, wie es war. „Ein Schock. Schrecklich.“ Die Stadt war zerstört, das Elternhaus unbewohnbar, seine Freunde: nicht mehr da. Ali war wieder der Fremde. „Es hat eine ganze Zeit gebraucht, bis ich in München wieder Fuß gefasst hatte, ich war ja der letzte Bauernfünfer geworden.“ Die Kinder in der Stadt waren gerissen, brutal, durch den Krieg frühzeitig erwachsen geworden. Manche Buben waren die Zuhälter ihrer eigenen Mütter, erinnert sich Mitgutsch. Der gut behütete Ali fühlte sich entwurzelt und flüchtete sich in Bücher. „Dabei entwickelte ich ein sehr lebhaftes Bild der Welt.“

Nach seinem Studium an der Graphischen Akademie in München wurde er zu einem realen Weltenbummler. Mit seinem besten Freund Wolfgang bereiste er ferne Länder: Marokko, Indien, Ägypten, sah exotisches Gewimmel, tauchte darin ein. „Jedes Jahr waren wir ein Viertel der Zeit auf Reisen. Das war auch manchmal nicht ganz ungefährlich. Unsere Erfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit halfen uns dann, aus brenzligen Situationen herauszukommen“, sagt Mitgutsch. Genug Stoff für ein Extra-Wimmelbild.

Zum Beispiel:

Ein junger Mann mit Zeichenblock. An einer anderen Stelle trägt er einen Rucksack und steht zusammen mit einem anderen Mann vor einem Minarett, vielleicht kriecht noch eine Schlange vorbei. Außerdem: Der Mann als Vater mit drei Kindern an der Hand. Dann noch: Der junge Mann vor einem riesigen Stapel großformatiger Bücher und überall auf der Seite sitzen Buben und Mädchen und sehen sich Bilderbücher an.

Ali Mitgutsch wird 80: So entstand das erste Wimmelbild

In den 1960er Jahren dann lernte er den bekannten Pädagogen und Psychologen Kurt Seelmann kennen, „ein sehr kreativer und interessanter Mensch“. Der damalige Direktor des Stadtjugendamtes bat ihn, ein Bild für Kinder zu malen, „auf dem ganz viel drauf ist“. Mitgutsch hatte sich so etwas auch schon einmal überlegt und erinnerte sich an sein Kindheits-Aha-Erlebnis von der Auer Dult. In einem Riesenrad hatte Klein-Ali die Welt zum ersten Mal von oben gesehen und die Gegend nach neuen Bildern abgesucht, fasziniert von der Ordnung im vermeintlichen Chaos. Diese Perspektive wählte er nun für sein erstes Wimmelbild. „Das nennt man Kavalierperspektive, weil man die Welt wie von einem Pferdrücken aus sieht“, erklärt der dreifache Familienvater und Opa am Küchentisch, und natürlich gibt es längst ein Rummel-Wimmelbild.

Nein, mit dem Welterfolg hatte er 1968 nicht gerechnet. Der Verlag auch nicht. Mitgutsch musste für das Großformat, das Gewimmel und die Bücher ohne Text Überzeugungsarbeit leisten. Das hatte es so noch nie gegeben. Kritiker meinten gar, er überfordere die Kinder mit den überfrachteten Bildern. Sie lagen falsch. Mitgutschs Idee wurde inzwischen zahlreich kopiert.

Weil seine Bücher damals so neu waren, legte Mitgutsch anfangs vorsichtshalber noch eine kleine Gebrauchsanleitung bei. „Mit einem Besenstiel wurde ein Wimmelbuch zum Beispiel ein Indianerzelt“, erzählt Mitgutsch und lacht, als er wenig später hört, dass einst ein kleines Mädchen aus seinen großformatigen Büchern und einer Decke Kinderzimmerhöhlen baute. Genau das wollte er: Dass die Kinder aktiv werden, Geschichten weiterspinnen, in die Wimmelwelt eintauchen – so wie er damals. Dass Bücher heutzutage mit Mikrochips versehen werden und grunzen oder krähen, davon hält der 80-Jährige nichts. „Das ist genau das Gegenteil von dem, was ich will. Das fördert doch nicht die Fantasie“, sagt er.

München bleibt die Lieblingsstadt von Ali Mitgutsch

Die Zeiten ändern sich. Das merkt Mitgutsch auch, wenn er auf die Straße tritt. Das Gewimmel ist anders geworden. Anonymer. Hektischer. Kälter. Daran sind seiner Meinung nach die Immobilienspekulanten schuld. Sie seien Gift für das gesunde Gewimmel. „Die Vertrautheit der Bewohner untereinander ist verloren gegangen, die Nachbarschaft, die Geborgenheit, die Neugier auf das Fremde. Eile soll Misstrauen überspielen, Lärm die Einsamkeit“, sagte Mitgutsch diese Woche in einem Interview. „München ist mir fremd geworden, trotzdem ist es meine Lieblingsstadt“, sagt er nun.

Mitgutsch ist jetzt erschöpft, die Hitze der letzten Wochen hat ihm etwas zugesetzt. Er möchte sich in seinem wimmeligen Arbeitszimmer ausruhen und begleitet seinen Gast durch den Flur zur Tür. Vorbei an Schaukästen, in denen seine 3-D-Collagen hängen. Er nennt sie Traumkästchen. Zum Abschluss noch ein ganz persönliches Wimmelbild aus seinem Leben:

Ein alter Mann, mit weißen Haaren, bunter Kappe und buschigem Schnauzbart. Er sammelt Gegenstände, die keiner mehr braucht, und setzt aus ihnen in Schaukästen neue Kunstwerke zusammen. Eine Frau mit ebenfalls weißen, kurzen Haaren spricht mit ihm und klopft ihm auf die Schulter. Auf ihrem T-Shirt steht Heidi. Dann, an einer Stelle feiert er mit Freunden ein Fest, es gibt eine Torte mit einer 80 drauf. Enkelkinder springen um ihn herum. Und natürlich gibt es mittendrin auch eine Szene mit Block. Der inzwischen alte Mann zeichnet noch immer, sammelt Skizzen und Momente, friert das Gewusel ein, wie all die Jahre, für sein nächstes Wimmelbuch.

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