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Esoterik-Boom

20.10.2017

Die stille Macht der Hellseher

Milliarden für Geist und Körper: Für Esoterik geben die Deutschen pro Jahr über 20 Milliarden Euro aus. Für Bier wesentlich weniger. Wahrsager werden immer wichtiger.
Bild: Sebastian Kahnert, dpa (Symbolbild)

Deutsche geben mehr Geld für Esoterik aus als für Bier. In Italien vertraut jeder Fünfte auf die Dienste von Kartenlesern und Astrologen. Experten erklären den Boom der Hellseher.

Kartenleser und Wahrsager meiden das Licht der Öffentlichkeit. Sie operieren im Halbschatten wie scheue Tiere, gerne auch in den Niederungen des Internets. Sebastiano Salvo ist auch nicht gerade gesprächig, aber ein paar Sätze lässt sich der Kartenleser aus Bologna dann doch abpressen.

Er entstamme einer Familie von Wahrsagern und Heilern und habe seine übernatürlichen Fähigkeiten sozusagen geerbt. "In der Nachkriegszeit war es ausgesprochen üblich, sich mit einem Problem an Kartenleser, Heiler oder Magier zu wenden. Sie genossen damals großen Respekt", sagt Salvo.

Das mit dem Respekt hat sich geändert, die Kunden der Hellseher schämen sich heute eher dafür, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Die gängige Reaktion auf entsprechende Fragen: "Kartenleser? Ich doch nicht!"

Die stille Macht der Hellseher

Das kontrastiert mit Erkenntnissen des italienischen Verbraucherverbandes Codacons. Nach einem Bericht stürzen sich die Italiener gegenwärtig geradezu auf Weissager aller Arten. 13 Millionen Italiener suchten regelmäßig Magier, Kartenleser, Hellseher und Astrologen auf. Bei 60 Millionen Landsleuten ist das immerhin jeder Fünfte. Seit 2001 ist die Nachfrage damit um drei Millionen Menschen angestiegen, hat der Verbraucherverband in einer Umfrage herausgefunden.

Für Esoterik geben Bundesbürger mehr aus als für Bier

Für Deutschland gibt es keine genaue Statistik dazu, wie viele Bundesbürger auf spirituelle Hilfe vertrauen. Fest steht, dass auch hier immer mehr Menschen immer mehr Geld für Esoterik ausgeben. Noch 1994 lag der Umsatz für Esoterik-Ratgeber oder Seminarangebote bei 18 Milliarden D-Mark. 2010 waren es rund 20 Milliarden – allerdings in Euro. Nur zum Vergleich: Im selben Jahr lag der Umsatz der deutschen Brauereien bei knapp acht Milliarden Euro.

Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, ist sicher: Die Zahlen steigen immer noch. Er geht sogar soweit zu sagen: "Wir beobachten eine Esoterisierung der Gesellschaft." Viele Menschen würden in der Esoterik Antworten suchen. Deshalb nutzen sie ihm zufolge astrologische Beratungen, besuchen spirituelle Coachings und gehen zu vermeintlichen Heilern, weil sie der herkömmlichen Medizin nicht vertrauen.

Dass neben dem Esoterik-Markt auch Yoga heute boomt, ist demnach kein Zufall. "Wir stellen Überschneidungen zwischen der Yoga- und der Esoterikszene fest. Im Kontext von Yoga gibt es auch Angebote mit einer Art esoterischen Überbau – Yoga-Reisen zum Beispiel, die Teilnehmern versprechen, zu sich selbst oder ein neues Bewusstsein zu finden." Kirchen seien vielen Esoterik-Anhängern "zu starr und zu dogmatisch".

Wegen der Krise flüchteten viele Italiener in die Esoterik

Das immer noch sehr katholische Italien ist da offenbar keine Ausnahme. Vor allem dort hat die Wirtschaftskrise seit 2008 zu einem Kahlschlag geführt, dessen Effekte immer noch zu spüren sind. "In Zeiten, in denen die reale Welt wenige Sicherheiten bietet, flüchten viele Menschen ins Irrationale und hoffen auf eine Verbesserung der persönlichen, sozialen oder ökonomischen Situation", sagt Gianluca Di Ascenzo, Präsident von Codacons. Die Zahl der Anbieter ist seit Beginn der Wirtschaftskrise um das Fünffache gestiegen.

Heute werben 155.000 Kartenleser, Magier und sonstige Esoterik-Dienstleister um Kundschaft. 30.000 Hellseher-Dienste sollen täglich zwischen Aostatal und Agrigent erbracht werden, die meisten telefonisch. Unbedingt erforderlich: die Kreditkarte. Bis zu 1000 Euro kann eine Zukunftsberatung kosten, oft legt der Hellseher gerade dann auf, wenn es spannend wird. Die verunsicherten Kunden rufen bald wieder an. "Dieses System nutzt Unwissenheit und Probleme einsamer, hilfsbedürftiger und niedergeschlagener Menschen aus", sagt Di Ascenzo.

Wie die Kirchenvertreter in Deutschland hat auch die katholische Kirche in Italien im Esoterik-Boom seit langem ein Problem ausgemacht. Wer Horoskope und Kartenleser dem Wort Gottes vorziehe, postulierte Papst Franziskus vor Monaten, bewege sich auf den Abgrund zu.

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